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Warum dieses Haus in Winterthur Solarfensterläden hat

Haus mit Solarfensterläden in Winterthur.
Balkonkraftwerk und Solarfensterläden im Eigenbau am Haus der Familie Rotta.
Bild: watson

3 Solaranlagen und ein Akku für 8 Nachbarn: «Jeder Haushalt spart 400 Franken pro Jahr»

Weshalb Strom von weit her beziehen, wenn das Dach des Nachbarn ihn günstig liefert? Private Stromverbünde machen Energie zur Gemeinschaftssache. Ein Beispiel aus Winterthur zeigt, wie alle Beteiligten davon profitieren.
20.09.2026, 14:1120.09.2026, 15:03

In Kürze

  • Acht Winterthurer Nachbarn beziehen Strom aus drei Solaranlagen und einem gemeinsamen Quartierakku.
  • Weil sich eigener Solarstrom in der Gemeinschaft viel besser auslasten lässt als von jedem Haushalt für sich allein, sinkt die Stromrechnung für alle Beteiligten spürbar.
  • Das Beispiel zeigt, wie man als Gemeinschaft die Energiewende selber in die Hand nehmen kann.

Am gefühlt einzigen verregneten Tag des Sommers stehe ich im Garten von Martin Rotta, Geografielehrer aus Winterthur. Ich bin hier, um mir seine Solarfensterläden anzuschauen. «Die Fensterläden liefern rund 333 kWh pro Fenster und Jahr», sagt der Solar-Enthusiast. Am produktivsten seien sie im Frühling und Herbst. Heute werden sie nicht viel Strom erzeugen, aber die schwarzen Panels machen auch an diesem nasstrüben Morgen eine gute Figur.

Rotta hat sie vor fünf Jahren selber geplant und montiert, «mangels passender Angebote». Der passionierte Hobby-Handwerker hat sein Solarprojekt in der Freizeit umgesetzt und betont, dass solche selbst installierten Plug-&-Play-Photovoltaik-Anlagen absolut legal sind.

Und die Kosten? «Gleich teuer wie neue Alu-Fensterläden, ohne die Arbeit.» Nach rund zehn Jahren lohne sich das. «Mir gefällt, dass so auch normale Leute etwas zur Energiewende beitragen können», meint der Familienvater und schiebt gleich nach: «Das sind die einzigen Fensterläden, die sich selbst abzahlen.»

Die neuen Solarfensterläden (rechts) passen zum Haus und unterstützen die PV-Anlage auf dem Dach.
Die neuen Solarfensterläden (rechts) passen zum Haus und unterstützen die PV-Anlage auf dem Dach.bild: martin rotta

Ein Akku für die ganze Nachbarschaft

Natürlich hat das Einfamilienhaus aus den 70er-Jahren auch auf dem Dach eine Solaranlage, der Balkon dient als Balkonkraftwerk und in der Garage steht ein Elektroauto. Der eigentliche Grund meines Besuchs steht aber im Keller. Rotta führt mich die Treppe runter und zeigt in die Ecke. Auf einem unscheinbaren Regal stehen drei graue, verkabelte Boxen. «Das ist unser Quartierakku», sagt Rotta. Er speichert nicht nur den Solarstrom von Rottas Dach, Balkon und Fensterläden, sondern auch den selbsterzeugten Strom der Nachbarn.​

Der 45 kWh grosse Quartierakku der Familie Rotta kostete rund 15'000 Franken. Er versorgt sieben Nachbarn mit Solarstrom in der Nacht.
Der 45 kWh grosse Quartierakku der Familie Rotta kostete rund 15'000 Franken. Er versorgt sieben Nachbarn mit Solarstrom in der Nacht.
bild: watson

Der Quartierakku soll 20 Jahre laufen

Der erstaunlich kleine Quartierakku ist ausgelegt auf 8000 Zyklen bzw. eine Lebensdauer von 20 Jahren. Mit ihm können sieben weitere Haushalte in der direkten Nachbarschaft auch dann günstigen Solarstrom beziehen, wenn die Solaranlagen im Quartier wenig oder nichts produzieren.

Ein Akku für die ganze Nachbarschaft sei günstiger, effizienter und ressourcenschonender, als wenn sich jeder Haushalt einen Heimspeicher zulegen würde, sagt Rotta. Zudem müsse sich nur eine Person um die Beschaffung kümmern, trotzdem profitierten alle, ohne sich mit technischen Details herumschlagen zu müssen. Die Nachbarn zahlen ihm einen jährlichen Betrag von rund 120 Franken an den Akku.

Stromrechnung ist mehrere Hundert Franken tiefer

Rottas Familie und sieben Nachbarn haben sich auf Anfang Jahr zu einem «virtuellen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch» (vZEV) zusammengetan. In dieser Energiegemeinschaft wird lokal erzeugter Solarstrom effizient über mehrere benachbarte Grundstücke hinweg genutzt. Drei Häuser liefern Solarstrom, fünf Haushalte sind ausschliesslich Abnehmer. Das lohnt sich: Denn wenn die Nachbarn lokal erzeugten Strom direkt unter sich verkaufen, fallen keine Netznutzungsgebühren an. Den Preis bestimmen sie selbst.

Der Gesetzgeber erlaubt solche Zusammenschlüsse, weil sie Anreize schaffen, den Strom dann und dort zu verbrauchen, wo er anfällt. «Dies spart teuren Netzausbau und davon profitieren am Ende alle, auch die Bevölkerung am anderen Ende der Stadt», so Rotta.

In dieser Winterthurer Energiegemeinschaft kostet eigener Strom ungefähr halb so viel wie Netzstrom. «Das war das Zünglein an der Waage, dass sich ein Nachbar ein E-Auto gekauft hat», sagt Rotta. Er weiss von einer Nachbarin, die nun die Waschmaschine statt in der Nacht am Nachmittag laufen lässt, da sie in der App sieht, wie günstig der Solarstrom ist, wenn er im Überfluss vorhanden ist. «Solche realen Auswirkungen freuen mich», meint der Initiator der Energiegemeinschaft.

Dank eines kleinen Zusatzgeräts am Stromzähler sehen alle Haushalte in einer App live ihren Verbrauch (links) und wie viel Geld sie wöchentlich sparen (rechts).
Dank eines kleinen Zusatzgeräts am Stromzähler sehen alle Haushalte in einer App live ihren Verbrauch (links) und wie viel Geld sie wöchentlich sparen (rechts). bild: zvg
«Jeder Haushalt spart rund 400 Franken pro Jahr.»
Martin Rotta

Das Ziel des Quartierakkus ist das gleiche wie jenes der gesamten Energiegemeinschaft: dafür sorgen, dass der Solarstrom, der im Quartier produziert wird, auch möglichst lokal verbraucht wird. Das ist finanziell attraktiver, als den eigenen Strom für ein Taschengeld ins öffentliche Netz einzuspeisen.

Die Idee dahinter: Mehrere Haushalte mit einem gemeinsamen Akku können den Eigenverbrauch des Solarstroms deutlich besser optimieren als ein einzelner Haushalt. «Im laufenden Jahr beträgt der Eigenverbrauch im Quartier fast zwei Drittel», sagt Rotta: «Ein Drittel dank des Akkus und ein Drittel direkt von den Photovoltaikanlagen.» Der Quartierakku habe somit die Eigennutzung «ungefähr verdoppelt».

Dadurch wird weniger Strom extern bezogen, das Stromnetz entlastet und alle Teilnehmer können ihre Stromrechnung reduzieren. «Jeder Haushalt spart rund 400 Franken pro Jahr», rechnet er vor und zeigt auf eine Excel-Tabelle auf dem Laptop. Ohne Akku wäre es nur halb so viel. Und da der Solarstrom im Verbund aller Nachbarn effizienter genutzt werde, sei der geteilte Stromspeicher mit 45 kWh Speicherkapazität viel kleiner und günstiger, als es bis zu acht separate Heimspeicher mit jeweils 10 bis 15 kWh wären.

Warum Zusammenschlüsse von Nachbarn nun einfacher sind

Die Möglichkeit eines rein virtuellen Zusammenschlusses zum Eigenverbrauch, wie sie die Familie Rotta und sieben Nachbarn nutzen, existiert erst seit Anfang 2025 und ist nicht zu verwechseln mit dem klassischen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV), beispielsweise in einem Mehrfamilienhaus (siehe Infobox). Virtuelle Zusammenschlüsse nutzen die bestehende Infrastruktur, ermöglichen daher einen Stromverbund in einem grösseren Umkreis und sind flexibler, da nicht alle Nachbarn mitmachen müssen.

Was ist ein virtueller Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (vZEV)?
Bei einem virtuellen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch teilen sich mehrere Gebäude den lokal erzeugten Solarstrom über das bestehende Stromnetz, ohne dass neue Leitungen erstellt werden müssen. Moderne Stromzähler (Smart Meter) rechnen virtuell ab, wer wann welchen Strom verbraucht oder produziert hat. So kann der selbst produzierte Strom seit 2025 über den Netzanschlusspunkt hinaus an Nachbarn in anderen Gebäuden verkauft werden, statt ihn ins öffentliche Netz einspeisen zu müssen. Ein virtueller Zusammenschluss mehrerer Parteien soll (in Kombination mit einem Quartierakku) den Eigenverbrauch erhöhen und kann die Stromrechnung aller Teilnehmenden reduzieren.

Im Unterschied dazu ist der klassische Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) seit 2018 erlaubt. Er ermöglicht den Verkauf von lokal produziertem Strom lediglich an Parteien, die einen Netzanschlusspunkt teilen. Oft handelt es sich hierbei um Nachbarn in Mehrfamilienhäusern. Während ZEV-Betreibende eine private Messinfrastruktur aufbauen müssen, übernimmt bei einem vZEV der Netzbetreibende die Messung.

Beim ZEV und vZEV wird der selbst verbrauchte Solarstrom über private Leitungen verteilt, die sich in einem gemeinsamen Punkt mit dem Netz treffen müssen. Daher fallen keine Netznutzungsgebühren an. Bei beiden Modellen gilt die ganze Gemeinschaft gegenüber dem Stromversorgungsunternehmen als einziger Kunde. Zudem sind seit Anfang 2026 grössere Zusammenschlüsse in Quartieren oder über eine ganze Gemeinde mit einer LEG (Lokale Elektrizitätsgemeinschaft) möglich, auch dann, wenn Liegenschaften einzeln mit Muffen am Netz angeschlossen sind.
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Grafik: Ein virtueller Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (vZEV) geht über Grundstücksgrenzen hinaus. So wird der Verbrauch des selber erzeugten Solarstroms in der Nachbarschaft erhöht.
Grafik: lokalerstrom.ch

Hausbesitzer und Mieter profitieren

Mit der relativ neuen Möglichkeit virtueller Energiegemeinschaften ist es einfacher, lokal produzierten Solarstrom vor Ort zu verkaufen und zu konsumieren. Dadurch können auch Mieterinnen und Mieter, die keine eigene Photovoltaikanlage installieren können, vom günstigen Solarstrom aus der Nachbarschaft profitieren. Auch im nachbarschaftlichen Stromverbund von Martin Rotta gibt es Mietende.

Stromversorger können Zusammenschlüsse nicht verbieten

Gesetzlich sind die Stromversorgungsunternehmen verpflichtet, einen virtuellen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch zuzulassen. Stadtwerk Winterthur habe allerdings zunächst die Abrechnung nicht übernehmen wollen, erinnert sich Rotta. Das habe zu Beginn für Zweifel gesorgt, weil ein externer Dienstleister den Quartierstrom hätte separat abrechnen müssen.

Inzwischen bietet Stadtwerk Winterthur auch bei virtuellen Zusammenschlüssen die Abrechnung an, gegen eine Gebühr von 2 Rappen pro Kilowattstunde (kWh). Auch andere Stromanbieter hätten mittlerweile begriffen, dass sie an der Abrechnung verdienen können.

Acht von neun Nachbarn machen mit

«Ich staune bis heute, wie einfach es schlussendlich war», sagt Rotta. «Wir mussten uns auf einen fairen Preis für den selbstgenutzten Solarstrom einigen und ein Formular unterschreiben. Das war's.» Konkret haben die Teilnehmenden für den eigenen Strom einen Abschlag von 12 Rappen gegenüber dem normalen Strompreis definiert. Die drei Solaranlagenbesitzer erhalten so trotzdem mehr, als wenn sie den Strom ins Netz einspeisen würden.

Acht von neun Nachbarn machen mit. Im Prinzip wäre die Gemeinschaft auch mit nur zwei oder drei Parteien möglich, da bei einem rein virtuellen Zusammenschluss nicht alle direkt verbundenen Nachbarn mitmachen müssen. Die Hürden für einen virtuellen Zusammenschluss sind somit viel kleiner als beim klassischen Stromverbund unter Nachbarn.

Und wie kann ich das auch tun?

Interessierte sollten zunächst bei ihrem Netzbetreiber abklären, welcher Zusammenschluss (ZEV, vZEV, LEG) an ihrem Standort in Frage kommt. Virtuelle Zusammenschlüsse sind vor allem für bestehende Liegenschaften interessant, zumal keine Anpassungen an den elektrischen Installationen nötig sind.

Aber wie überzeugt man die Nachbarn?

«Mach den Strom und das Sparpotenzial sichtbar, beispielsweise mit einer App, dann interessieren sich die Leute dafür», rät Rotta allen, die ebenfalls einen vZEV gründen wollen. Seine Familie und die Nachbarn sehen nun auf dem Smartphone, wie viel Geld sie mit dem günstigeren Strom wöchentlich sparen. Und zuletzt: «Halte beim Akku den Ball flach, das Teil muss nicht gigantisch gross sein.»

Beim Abschied ist Petrus noch immer an der Arbeit. Ich werfe einen letzten Blick auf die Solarfensterläden. Falls ich mal ein Haus besitzen sollte, ja dann.

Ausführliche Informationen zum virtuellen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (vZEV) liefert die Webseite lokalerstrom.ch.

Hast du Fragen zu privaten Energiegemeinschaften? Schreib einen Kommentar! Martin Rotta gibt direkt hier Auskunft.
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Strom soll durch eigenen Verkauf günstiger werden
Video: srf
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