Was Schweizer wirklich über E-Autos und bidirektionales Laden denken
Wer sich mit Elektroautos beschäftigt, stolpert eher früher als später über den etwas sperrigen Begriff «bidirektionales Laden». Er bedeutet, dass ein E-Auto nicht nur Strom aufnimmt, sondern diesen bei Bedarf auch wieder an das eigene Haus (Vehicle-to-Home) oder das öffentliche Stromnetz zurückspeisen kann.
Eine E-Auto-Batterie kann so als Stromspeicher für den eigenen Solarstrom dienen und ersetzt oder ergänzt eine meist viel kleinere Hausbatterie. Darüber hinaus geht es aber nicht nur um einzelne Haushalte: Fliesst der Strom bei hoher Nachfrage aus dem Auto ins Stromnetz (Vehicle-to-Grid), können künftig viele E-Autos gemeinsam Lastspitzen glätten und das Netz entlasten. Dem bidirektionalen Laden soll so eine zentrale Rolle zukommen, den kostspieligen Netzausbau zu reduzieren.
In der Schweiz sind inzwischen gegen 300'000 E-Autos im Verkehr, das entspricht gut 5 Prozent aller Personenwagen. Fast jeder vierte gekaufte Neuwagen ist ein Stromer. Immer mehr davon sind für bidirektionales Laden gerüstet. Trotzdem steht ein breiter Marktdurchbruch noch aus. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov, die im Frühjahr 2026 sowie im Frühjahr 2025 durchgeführt wurde. Das sind die zentralen Ergebnisse.
Bekanntheit steigt, aber nicht bei allen
Bidirektionales Laden ist 27 Prozent der Befragten ein Begriff, im Vorjahr waren es erst 23 Prozent. Bei E-Auto-Besitzern oder Personen mit (geplanten) Solaranlagen steigt die Bekanntheit auf 65 respektive 43 Prozent.
Generell sind Männer, Personen mit höherer Bildung und hohem Einkommen überdurchschnittlich gut informiert. Doch selbst unter den Kennern des bidirektionalen Ladens, also etwa jeder vierten Person, ist das Wissen noch sehr gering. Am bekanntesten ist die Nutzung des Fahrzeugs als Stromspeicher für die eigenen vier Wände. Dass E-Autos auch Strom ins Netz liefern können, ist selbst in dieser kleinen Gruppe der Informierten wenig bekannt.
Bidirektionales Laden wird positiver wahrgenommen
Verändert hat sich die Einstellung gegenüber dem bidirektionalen Laden: 42 Prozent gefällt das Konzept des mobilen Stromspeichers gut, vor einem Jahr lag die Zustimmung vier Prozentpunkte tiefer.
46 Prozent stimmen zu, dass die Technologie zukunftsfähig ist. Vor Jahresfrist sahen dies erst vier von zehn Befragten so. Gar fast sechs von zehn E-Auto-Besitzern nehmen bidirektionales Laden als zukunftsfähig wahr.
Auch die Attraktivität von Elektroautos könnte davon profitieren. 31 Prozent der Befragten geben an, dass bidirektionales Laden E-Autos für sie interessanter macht. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 26 Prozent.
Nutzungsbereitschaft ist noch gering
Zwischen Sympathie und Nutzungsbereitschaft klafft aber eine Lücke. Nur jede dritte Person möchte bidirektionales Laden selbst nutzen – das sind nur geringfügig mehr als im Vorjahr.
Immerhin jeder zweite E-Auto-Fahrer und jeder zweite Besitzer einer Photovoltaikanlage sieht sich als potenzieller Nutzer. Das überrascht nicht. Der grösste Nutzen entsteht dort, wo Elektroautos und eigene Stromproduktion zusammenkommen und variable Stromtarife genutzt werden.
Ein wesentlicher Grund für das gestiegene Interesse liegt denn auch in der intelligenten Verknüpfung von Elektromobilität und erneuerbarer Energie. Wer eine Photovoltaikanlage besitzt, kann überschüssigen Solarstrom im Fahrzeug speichern und später selbst nutzen, etwa nachts für Heizung und Warmwasser. Dadurch lässt sich der Eigenverbrauch erhöhen und die Abhängigkeit vom Stromnetz reduzieren.
Laut YouGov-Umfrage wären 26 Prozent aller Befragten bereit, rund 8000 Franken für eine bidirektionale Ladestation inklusive Lademanagementsystem und Montage zu bezahlen. Für die Mehrheit stellt dieser Betrag derzeit aber eine zu hohe Eintrittsschwelle dar.
Hinzu kommt, dass sich der Markt noch in einer frühen Phase befindet: «Herausforderungen bestehen bei Standards, Regulierung sowie der Verfügbarkeit geeigneter Fahrzeuge und Ladestationen», sagt Julien Duc, Mediensprecher der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich.
Man erwarte, dass sich zunächst Anwendungen für den Eigenverbrauch im eigenen Haus (Vehicle-to-Home) etablieren. Erst «in den kommenden Jahren mit fortschreitender Standardisierung» werde auch Vehicle-to-Grid (Strom aus der Autobatterie ins Netz liefern) «schrittweise an Bedeutung gewinnen». Daher biete man aktuell «kein reguläres Vehicle-to-Grid-Angebot für Privatkunden an», während Vehicle-to-Home als EKZ-Kunde bereits möglich sei.
Die Vorbehalte bleiben
Rund jeder vierte Befragte hat starke Bedenken, dass durch bidirektionales Laden die Autobatterie schneller altert. Diese Sorge ist in der Westschweiz mit 36 Prozent weit stärker verbreitet als in der Deutschschweiz mit 24 Prozent. Zudem glaubt deutlich weniger als die Hälfte, dass bidirektionales Laden zusammen mit einem intelligenten Lademanagement für schonendes Laden sorgt.
Entwarnung gibt Jean-Marc Geiser, Mobilitätsspezialist beim Bundesamt für Energie (BFE):
Es sei «sehr wahrscheinlich, dass die Bedeutung eines intelligenten Lademanagements heute noch unterschätzt wird», glaubt Geiser. Denn: «Moderne Lösungen für das bidirektionale Laden optimieren die Energieflüsse kontinuierlich. Sie verhindern Tiefentladungen, halten eine Mindestladereserve aufrecht und passen die Leistungsstufen an, um die Batterie zu schonen», sagt Geiser.
Die Skepsis in der Bevölkerung äussert sich auch darin, dass nur jede oder jeder Dritte glaubt, dass ein E-Auto das Haus bei einem Stromausfall (Blackout) mit Energie versorgen kann. Auch würde mehr als die Hälfte einen stationären Hausspeicher dem E-Auto als Stromspeicher vorziehen, obwohl Autobatterien eine sehr viel höhere Speicherkapazität bieten (wodurch der Autarkiegrad steigt).
Warum das Interesse trotzdem wächst
Für die zunehmende Akzeptanz gibt es mehrere Gründe: Nach Jahren der Versuchsphase scheint die Technik marktreif, konkrete Angebote sind verfügbar oder stehen vor der Einführung. «Die Einstellung zum bidirektionalen Laden hat sich erheblich gewandelt», sagt Geiser, Mobilitätsspezialist beim Bundesamt für Energie. «Die anfänglichen Vorbehalte weichen nach und nach einer pragmatischeren Sichtweise, insbesondere dank des Booms der Photovoltaik, sinkender Preise für Ladeinfrastruktur und einer stetig wachsenden Zahl kompatibler Fahrzeugmodelle.» Daher würden sich E-Autos «schrittweise von einem reinen Transportmittel zu einem vollwertigen Bestandteil des häuslichen Energiesystems» entwickeln.
Höhere Benzinpreise und die gesunkene Einspeisevergütung für Solarstrom dürften sich ebenfalls positiv auf die Akzeptanz auswirken. Ebenso wichtig sind regulatorische Erleichterungen, die bidirektionales Laden attraktiver machen. In der Schweiz wird seit Anfang Jahr «das Netzentgelt für in der Autobatterie zwischengespeicherten Strom beim Rückspeisen ins Netz zurückerstattet», sagt Geiser. Solche Gebühren für die Netznutzung schmälerten zuvor den finanziellen Anreiz für bidirektionales Laden.
Gerade angesichts steigender Anforderungen an die Netzstabilität gilt die Technologie als wichtiger Baustein der künftigen Energiewende. Denn diese benötigt dezentrale Stromspeicher, die den unregelmässig anfallenden Strom aus Solar- und Windanlagen aufnehmen können. Seit dem 1. Januar 2026 sind mit der Revision des Stromversorgungsgesetzes auch die rechtlichen Grundlagen für bidirektionales Laden inklusive Rückspeisung ins Netz (Vehicle-to-Grid) in der Schweiz geklärt. In der Praxis bedeutet dies aber noch nicht, dass jeder Energieversorger den Strom aus Fahrzeugbatterien auch tatsächlich abnimmt.
Fazit
Bidirektionales Laden ist erstmals verfügbar, kann aber nur eine bedeutende Rolle für die Energieversorgung einnehmen, wenn Solardächer und E-Autos in Schweizer Garagen alltäglich werden. Dies geschieht gerade, allerdings gemächlich.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass bidirektionales Laden in der breiten Bevölkerung noch wenig bekannt ist, aber das Interesse primär unter E-Auto- und Eigenheimbesitzern mit Photovoltaikanlage steigt. Trotz wachsender Akzeptanz bestehen weiterhin Vorbehalte, etwa die Befürchtung, dass die Fahrzeugbatterie schneller altert. Fachleute weisen zwar darauf hin, dass intelligente Ladesysteme solche Risiken weitgehend minimieren können, doch die Umfrage zeigt deutlich, dass diesbezüglich weiterer Informationsbedarf besteht.
Die grösste Hürde dürfte die noch fehlende Kompatibilität zwischen den verschiedenen Fahrzeug- und Ladesystemen sein. Solange die Anbieter ihr eigenes Süppchen kochen, bleiben die Kunden zögerlich. Sie müssen befürchten, dass ihre bidirektionale Ladestation nach einem Fahrzeugwechsel nicht mehr funktioniert. Nur einheitliche Standards können das notwendige Vertrauen schaffen. Und geht es künftig auch darum, den Strom netzdienlich zurückzuspeisen, müssen auch die Stromversorger mitspielen.
Beide Umfragen erfolgten als repräsentative Stichprobe, quotiert nach Alter, Geschlecht und Sprachregion. Die Stichprobe bildet die Grundgesamtheit der Deutsch- und Westschweizer Wohnbevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren hinsichtlich dieser Quotenmerkmale ab.
Die präsentierten Ergebnisse der Befragung sind gewichtete Werte. Die Gewichtungen basieren auf den Variablen Alter, Geschlecht, Sprachregion, Erwerbstätigkeit und Haushaltsgrösse. Bei einer fünfprozentigen Irrtumswahrscheinlichkeit liegt der Stichprobenfehler der Befragung für 2026 bei ±3.02 Prozent und für 2025 bei ±2.54 Prozent.
