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Viele Mütter und Väter mit Migrationshintergrund verzichten darauf, ihren Kindern ihre Muttersprache beizubringen.
Viele Mütter und Väter mit Migrationshintergrund verzichten darauf, ihren Kindern ihre Muttersprache beizubringen. bild: shutterstock

Warum viele Eltern mit Migrationshintergrund mit ihren Kindern nur noch Deutsch sprechen

Aus Angst vor schlechten Noten entscheiden sich viele Eltern mit Migrationshintergrund, nur noch Deutsch mit ihren Kindern zu sprechen. Der Verzicht auf die Muttersprache scheint auf den ersten Blick einleuchtend, schafft aber neue Probleme.
14.03.2021, 17:21
suad demiri

Fisnik Zuberi ist 27 Jahre alt und Grundschullehrer in Solothurn. In der sechsten Klasse, die er unterrichtet, werden ungefähr zehn verschiedene Sprachen gesprochen. An der Tür zum Klassenzimmer hängen Zeichnungen der Kinder. Sie begrüssen jeden, der hereinkommt, in eben diesen Sprachen: «Herzläch Wüukomme», «Merhaba», «Bem-Vinda» und «Mirësevjen», heisst es auf Schweizerdeutsch, Türkisch, Portugiesisch und Albanisch.

Zuberi, der selbst Wurzeln in Nordmazedonien hat, findet es wichtig, die Sprachen der Ursprungsländer seiner Schülerinnen und Schüler präsent zu halten. Er sagt bewusst Ursprungsländer: «Die meisten Kinder in meiner Klasse sind in der Schweiz geboren und hier zu Hause.»

«Das Kind fand das gar nicht gut, es wollte mit seinen Eltern auch Albanisch reden.»
Fisnik Zuberi, Primarlehrer

Für einige Eltern aber scheint die Muttersprache der Bildung des eigenen Kindes im Weg zu stehen. Oft vermuten sie, dass schlechte Noten das Resultat von schlechten Deutschkenntnissen sind. So kommt es in manchen Familien dazu, dass Eltern die sprachliche Notbremse ziehen.

Als Zuberi vor Jahren in einer ländlichen Region unterrichtete, fanden sich in seiner Klasse gleich drei Familien mit Migrationshintergrund, die mit ihren Kindern zu Hause nur noch Deutsch sprachen und fast komplett auf die Ursprungssprache verzichteten. Eine dieser Familien ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: «Ich führte viele Gespräche mit einer ursprünglich aus dem Kosovo stammenden Familie. Sie sprachen mit ihrem Sohn aufgrund seiner schlechten Noten nur noch Deutsch. Das Kind fand das gar nicht gut, es wollte mit seinen Eltern auch Albanisch reden. Diese blockten aber ab. Das Kind sah richtig unglücklich aus.» Die Noten blieben trotz der Erziehungsmassnahme der Eltern schlecht.

Zur Story
Suad Demiri studiert Kommunikation mit der Vertiefung Journalismus an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Werkstatt «Multimediales Storytelling». Für den ganzen Beitrag geht's hier lang. (PW: folio2020)

Knapp 1,8 Millionen sprechen zu Hause eine Nicht-Landessprache

Gemäss Bundesamt für Statistik besitzen gut ein Viertel der unter 15-Jährigen in der Schweiz vorwiegend die portugiesische, deutsche oder italienische Nationalität; dicht gefolgt von der französischen, kosovarischen und nordmazedonischen.

Das spiegelt sich auch in den von der Schweizer Bevölkerung zu Hause gesprochenen Sprachen wieder: Knapp 1,8 Millionen Menschen in der Schweiz sprechen eine Nicht-Landessprache in den eigenen vier Wänden, am häufigsten Englisch, Portugiesisch und Albanisch.

Trotz der grossen Sprachenvielfalt: Der Primarlehrer Zuberi hört immer wieder von Eltern, die mit ihren Kindern vermehrt Deutsch sprechen möchten, damit diese zukünftig bessere Chancen haben.

«Mein Nachname ist italienisch, doch der Bezug zu meinen Wurzeln wird mir durch die fehlende Sprache erschwert.»
Jonas aus Winterthur

Die Überforderung mit dieser Situation besteht aber nicht nur bei den Eltern. Der Leistungsdruck ist längst schon in den Kinderzimmern angekommen: Gemäss Pro Juventute leidet fast jede/r dritte Elfjährige unter stressbedingten Schlafstörungen. Dazu kommen oft Nervosität, Niedergeschlagenheit sowie Kopf- und Bauchschmerzen. Kinder und Jugendliche stehen zunehmend unter schulischem Druck.

Ein Teil der Identität fehlt

Kinder mit Migrationshintergrund sind zusätzlich mit der Integrationsfrage konfrontiert. Den Spagat hinzubekommen zwischen der vom Ursprungsland der Eltern geprägten Kultur und der Schweizer Gesellschaft, kann schwierig sein. Vor allem da der Anspruch, möglichst integriert zu sein, oft von den Eltern der Kinder selbst kommt. Zuberi beobachtet auch, dass es für die Kinder unangenehm ist, ausserhalb ihrer eigenen vier Wände zu zeigen, dass die Eltern eine andere Sprache sprechen: «Einmal liess ich sie Pop-Songs aus den Herkunftsländern ihrer Eltern mitbringen. Die Kinder schämten sich.»

Der 30-jährige Jonas aus Winterthur kann die Entscheidung seiner Eltern, ihm kein Italienisch beigebracht zu haben, nachvollziehen, findet es persönlichen aber schade. Sein Vater wurde in der Schweiz geboren, sprach zu Hause aber nur Italienisch. Deutsch lernte dieser erst in der Schule. Vor allem die Frage der Integration veranlasste den Vater dazu, seinen Söhnen kein Italienisch beizubringen. Jonas fehlt ein Teil seiner Identität: «Mein Nachname ist italienisch, doch der Bezug zu meinen Wurzeln wird mir durch die fehlende Sprache erschwert.»

Einige Schulen fördern die Muttersprache

Es gibt Bestrebungen in der Schweiz, die sprachliche Herkunft der Schülerinnen und Schüler zu berücksichtigen und ihnen bei ihrer Ausbildung zu helfen. Einige Schulen sind Teil des Programms «Qualität in multikulturellen Schulen» (Quims). Ungefähr 140 Schulen im Kanton Zürich sind beteiligt. Sie erhalten zusätzlich Gelder vom Kanton, um gute Lernleistungen und faire Bildungschancen in Schulbezirken zu schaffen, die überproportional von Kindern aus eher bildungsfernen Sozialschichten besucht werden. Damit will Zürich dafür sorgen, dass trotz Herkunft und sozialem Status alle Kinder auf die gleiche Stufe gebracht werden. «Quims» soll vor allem die Kinder unterstützen, die eine andere Nationalität haben oder zu Hause eine andere Erstsprache sprechen.

Zusätzlich zu «Quims» gibt es schweizweit die Möglichkeit, den Unterricht in «Heimatlicher Sprache und Kultur» (HSK) zu besuchen. HSK sind Kurse zur Förderung der Erstsprache, die von Botschaften, Konsulaten oder Vereinen angeboten werden. Die Kurse seien eine «super Sache», so Fisnik. Jedoch müssten die Kosten von den Eltern selber getragen werden und für viele sei die Anmeldung zu kompliziert.

Zuberi baut ab und zu die Erstsprachen der Kinder in den Unterricht ein, sei es durch verschiedensprachige Begrüssungen oder durch Vergleiche zwischen Deutsch und den Erstsprachen. Damit schafft er Platz für die Sprachenvielfalt seiner Klasse. Für die Kinder mit deutscher Muttersprache in der Klasse sei das kein Problem, sagt Zuberi: «Es ist einfach Unterricht wie jeder andere.»

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