DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Duelle waren in der Neuzeit unter Männern weit verbreitet, um die Ehre wiederherzustellen.
Duelle waren in der Neuzeit unter Männern weit verbreitet, um die Ehre wiederherzustellen.
Bild: Wikimedia

Duell im Nationalrat

In manchen Parlamenten wird es ab und zu ruppig, manchmal sogar handgreiflich. Nicht so in der Schweiz. Hier herrschen meist gegenseitiger Respekt und Kompromissbereitschaft. Das war nicht immer so, wie ein Beispiel von 1848 zeigt.
06.12.2020, 21:42
Andrej Abplanalp / Schweizerisches Nationalmuseum

Im Schweizer Parlament geht es meistens gesittet zu und her. Man hört sich zu, diskutiert miteinander und stimmt ab. Danach gehen Sieger und Verlierer zum gemeinsamen Mittagessen. Schimpftiraden und Drohgebärden sind in der eidgenössischen Politik selten. Handgreifliche Auseinandersetzungen im Parlamentssaal existieren gar nicht. Das war schon immer so ... Halt, da war doch was. Herbst 1848, an der allerersten Session des Nationalrats entbrannte zwischen zwei Männern ein heftiger Streit, der schliesslich sogar in einem Duell und mit einem leicht verletzten Nationalrat endete. Aber der Reihe nach.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum
Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Im November 1848 beschuldigte der Tessiner Nationalrat Giacomo Luvini die eidgenössischen Truppen, die Souveränität des Kantons Tessin einige Male verletzt zu haben. Rudolf Benz, Zürcher Nationalrat und Befehlshaber dieser Soldaten, hielt dagegen und begann seinerseits Luvini anzugreifen. Er bezeichnete den Tessiner Oberst als feige, weil er im Sonderbundskrieg 1847 von den Urnern bei Airolo besiegt wurde und flüchtete. Das konnte Giacomo Luvini nicht auf sich sitzen lassen. Er forderte den Zürcher Nationalrat zum Duell auf.

Am 29. November kreuzten die beiden Streithähne die Klingen. Der Säbelkampf fand laut der Eidgenössischen Zeitung auf dem Exerzierboden der Kavalleriekaserne statt. «Es soll nur auf das erste Blut akkordiert worden sein», schreibt die Zeitung in ihrem Bericht vom 3. Dezember 1848 weiter. Rudolf Benz verletzte sich bei der Auseinandersetzung an der Hand, konnte aber trotzdem am gleichen Tag mit der Kutsche nach Hause reisen.

Rudolf Benz auf einer Druckgrafik von 1858.
Rudolf Benz auf einer Druckgrafik von 1858.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum
Druckgrafik von Giacomo Luvini, um 1840.
Druckgrafik von Giacomo Luvini, um 1840.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Dass es überhaupt zu diesem Zweikampf kam, hat auch mit der Berner Polizei zu tun. Duelle waren dort seit 1651 verboten. Trotzdem drückten die Beamten beide Augen zu und beobachteten das Geschehen aus der Ferne, wie die Eidgenössische Zeitung bemerkte: «Unser Herr Polizeidirektor soll von der Sache zwar Wind bekommen, aber doch es nicht gewagt haben, sie zu verhindern, daher er sich begnügte, den Schauplatz des Kampfes von ferne zu umkreisen und mit Sperberaugen zu bewachen.»

Das Duellieren war im 19. Jahrhundert weit verbreitet und war – überspitzt formuliert – der männliche Lösungsweg zur Wiederherstellung einer verletzten Ehre. In militärischen und adligen Kreisen griff man schnell zur Waffe, um «Satisfaktion» zu erlangen. Aber auch an Universitäten gehörten Pistolen oder Säbel zum Alltag. Erst 1937, im ersten Schweizerischen Strafgesetzbuch wurde diese Art von Zweikampf national verboten.

Obwohl sie noch jahrelang gemeinsam im Nationalrat sassen, wurden Giacomo Luvini und Rudolf Benz keine enge Freunde mehr. Interessanterweise war Letzterer Verfasser des Strafgesetzbuchs für den Kanton Zürich, das 1871 publiziert wurde. Darin hat der Zweikämpfer von 1848 das Duell unter Strafe gestellt: «Der Zweikampf (Duell) wird, auch wenn keine Körperverletzung oder bloss eine unbedeutende zur Folge hatte, gegenüber dem Herausforderer und dem Herausgeforderten mit Gefängnis bis zu zwei Monaten, verbunden mit Geldbusse bestraft.» Bleibt nur die Frage, mit welcher Hand Benz diesen Gesetzesartikel formuliert hat ...

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Duell im Nationalrat» erschien am 27. November.
blog.nationalmuseum.ch/2020/11/duell-im-nationalrat

Ein Duell der friedlichen Art: Baroni gegen Cécile im Aromat-Knatsch

Video: watson/Emily Engkent
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Ford v Ferrari – das echte Rennen 1966

1 / 9
Ford v Ferrari – das echte Rennen 1966
quelle: hulton archive / bernard cahier
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Nationalrat diskutiert über Verschärfung des Waffenrechts

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Vom Minirock zur Burka – Frauen in Afghanistan

Nachdem der Steinzeit-Islam in Form der Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernommen hat, tauchen in den Medien wieder vermehrt Bilder aus vermeintlich glücklicheren Tagen auf: Frauen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren unverschleiert und in Miniröcken über die Strassen Kabuls flanieren. Frauen, die in den Achtzigerjahren an der Universität studieren und mit offenen Haaren durch Parks schlendern.

Diese vergleichsweise liberale Phase endete mit dem Abzug der Roten Armee Anfang 1989. …

Artikel lesen
Link zum Artikel