40 Prozent tiefere Renten als vor 20 Jahren – besonders der Mittelstand blutet
Das neue Rentenbarometer des Vermögenszentrums schlägt mit einer Hiobsbotschaft auf: «Seit 2002 sind die Renten in der Schweiz um 16,4 Prozent gesunken.» Auch die 13. AHV-Rente, die im Dezember erstmals ausbezahlt wird, bringe «nur wenig Entlastung».
Warum sinkt die monatlich ausbezahlte Altersrente?
Pauschal stimmt diese Aussage nicht. Die AHV-Renten steigen. Auch dank der 13. AHV-Rente erhalten Pensionierte heuer 33 Prozent mehr von der AHV als noch 2002. Bei der Pensionskasse geht es in die entgegengesetzte Richtung: Die Rente ist um rund 40 Prozent zurückgegangen.
Warum zahlen die Pensionskassen heute tiefere Renten aus?
Der wichtigste Grund ist die gestiegene Lebenserwartung. Wer 65 wird, lebt heute vier Jahre länger als noch vor 20 Jahren. Die Pensionskassen mussten den Umwandlungssatz darum senken. Das ist der Schlüssel, welcher die monatliche Rentenhöhe bestimmt. 2017 lag der durchschnittliche Umwandlungssatz bei 6 Prozent, heute ist er bei 5,26 Prozent. Die Renten sind tiefer, weil das angesparte Kapital für immer mehr Rentenjahre reichen muss.
Leisten die Pensionskassen heute weniger?
Nicht zwingend. Die Leistung hängt stark von der jeweiligen Pensionskasse ab. Nach vielen Jahren mit schlechter Verzinsung hat sich die Situation in den letzten drei Jahren bei fast allen Pensionskassen stabilisiert. Das bedeutet auch: Das individuell angesparte Kapital hat sich in der Summe nicht stark verändert.
Was heisst das konkret, dass sich das Alterskapital kaum ändert?
Wer 1985 mit einem Altersguthaben von 500'000 Franken pensioniert wurde, erhielt rund 36'000 Franken Jahresrente. Heute wären es noch etwa 26'000 Franken. Weil die statistische Restlebenserwartung aber gleichzeitig von 14,9 auf 20,4 Jahre gestiegen ist, bleibt die gesamte ausbezahlte Rentensumme mit rund 530'000 Franken praktisch auf dem Niveau von damals. Die jährliche Rente ist also kleiner, wird aber deutlich länger ausbezahlt.
Warum wächst die AHV-Rente?
Das ist ein politischer Entscheid. Die AHV-Rente wird ständig der Teuerung und der Lohnentwicklung angepasst. Die Bevölkerung hat die 13. AHV-Rente bestellt. Und schliesslich pumpt die Politik ständig neues Geld in das Vorsorgewerk. Alleine seit 2020 kommen dank der Steuerreform und der AHV-Finanzierung (STAF) jährlich 2 Milliarden Franken zusätzlich über Lohnbeiträge in den AHV-Topf. Und mit der Reform AHV 21 sind es seit 2024 weitere rund 3 Milliarden. Dafür wurden die Mehrwertsteuer und das Frauenrentenalter erhöht. Im Unterschied dazu hat die Bevölkerung neue Sparanstrengungen für die zweite Säule stets abgelehnt.
Wer ist von den tieferen Renten besonders betroffen?
Besonders betroffen sind Erwerbstätige mit mittleren und höheren Einkommen. Für einen Versicherten mit einem früheren Jahreslohn von 100'000 Franken decken AHV und Pensionskasse heute noch rund 51 Prozent des letzten Lohnes. 2002 waren es noch über 62 Prozent. Bei Einkommen von 150'000 Franken sank die Ersatzquote im gleichen Zeitraum von rund 58 auf knapp 42 Prozent. Das entspricht einer aktuellen Monatsrente von 5250 Franken.
Ist die AHV besser aufgestellt?
Nicht unbedingt. Die AHV zahlt heute zwar höhere Renten aus als früher – auch wegen der 13. AHV-Rente. Gleichzeitig ist die Finanzierung dieser höheren Leistungen ungelöst. Zunächst muss die Bevölkerung einer Mehrwertsteuererhöhung zustimmen. Diese deckt die Mehrkosten aber nur teilweise. Weiter Reformen zur Stabilisierung des Vorsorgewerks sind zwingend. Das wirkt sich auch auf die Wahrnehmung der Bevölkerung aus: In der Umfrage des Vermögenszentrums glaubt nur noch rund ein Viertel der Befragten, dass die AHV-Renten in 20 Jahren gleich sicher sein werden wie heute. Das Vertrauen in die AHV ist tiefer als jenes in die Pensionskassen.
Wieso hat sich die Wahrnehmung geändert?
Als Grund nennt die Studie unter anderem die ungelöste Finanzierung der AHV, während viele Pensionskassen ihre Finanzierung den veränderten demografischen Rahmenbedingungen angepasst hätten. (schweizheute.ch)
