Wissen
Schweiz

Duell im Nationalrat

Duelle waren in der Neuzeit unter Männern weit verbreitet, um die Ehre wiederherzustellen.
https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:O_duello_Floquet-Boulanger_-_Diario_Illustrado_(2Ago1888).png
Duelle waren in der Neuzeit unter Männern weit verbreitet, um die Ehre wiederherzustellen.Bild: Wikimedia

Duell im Nationalrat

In manchen Parlamenten wird es ab und zu ruppig, manchmal sogar handgreiflich. Nicht so in der Schweiz. Hier herrschen meist gegenseitiger Respekt und Kompromissbereitschaft. Das war nicht immer so, wie ein Beispiel von 1848 zeigt.
06.12.2020, 21:42
Andrej Abplanalp / Schweizerisches Nationalmuseum
Mehr «Wissen»

Im Schweizer Parlament geht es meistens gesittet zu und her. Man hört sich zu, diskutiert miteinander und stimmt ab. Danach gehen Sieger und Verlierer zum gemeinsamen Mittagessen. Schimpftiraden und Drohgebärden sind in der eidgenössischen Politik selten. Handgreifliche Auseinandersetzungen im Parlamentssaal existieren gar nicht. Das war schon immer so ... Halt, da war doch was. Herbst 1848, an der allerersten Session des Nationalrats entbrannte zwischen zwei Männern ein heftiger Streit, der schliesslich sogar in einem Duell und mit einem leicht verletzten Nationalrat endete. Aber der Reihe nach.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum
Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Im November 1848 beschuldigte der Tessiner Nationalrat Giacomo Luvini die eidgenössischen Truppen, die Souveränität des Kantons Tessin einige Male verletzt zu haben. Rudolf Benz, Zürcher Nationalrat und Befehlshaber dieser Soldaten, hielt dagegen und begann seinerseits Luvini anzugreifen. Er bezeichnete den Tessiner Oberst als feige, weil er im Sonderbundskrieg 1847 von den Urnern bei Airolo besiegt wurde und flüchtete. Das konnte Giacomo Luvini nicht auf sich sitzen lassen. Er forderte den Zürcher Nationalrat zum Duell auf.

Am 29. November kreuzten die beiden Streithähne die Klingen. Der Säbelkampf fand laut der Eidgenössischen Zeitung auf dem Exerzierboden der Kavalleriekaserne statt. «Es soll nur auf das erste Blut akkordiert worden sein», schreibt die Zeitung in ihrem Bericht vom 3. Dezember 1848 weiter. Rudolf Benz verletzte sich bei der Auseinandersetzung an der Hand, konnte aber trotzdem am gleichen Tag mit der Kutsche nach Hause reisen.

Rudolf Benz auf einer Druckgrafik von 1858.
Rudolf Benz auf einer Druckgrafik von 1858.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum
Druckgrafik von Giacomo Luvini, um 1840.
Druckgrafik von Giacomo Luvini, um 1840.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Dass es überhaupt zu diesem Zweikampf kam, hat auch mit der Berner Polizei zu tun. Duelle waren dort seit 1651 verboten. Trotzdem drückten die Beamten beide Augen zu und beobachteten das Geschehen aus der Ferne, wie die Eidgenössische Zeitung bemerkte: «Unser Herr Polizeidirektor soll von der Sache zwar Wind bekommen, aber doch es nicht gewagt haben, sie zu verhindern, daher er sich begnügte, den Schauplatz des Kampfes von ferne zu umkreisen und mit Sperberaugen zu bewachen.»

Das Duellieren war im 19. Jahrhundert weit verbreitet und war – überspitzt formuliert – der männliche Lösungsweg zur Wiederherstellung einer verletzten Ehre. In militärischen und adligen Kreisen griff man schnell zur Waffe, um «Satisfaktion» zu erlangen. Aber auch an Universitäten gehörten Pistolen oder Säbel zum Alltag. Erst 1937, im ersten Schweizerischen Strafgesetzbuch wurde diese Art von Zweikampf national verboten.

Obwohl sie noch jahrelang gemeinsam im Nationalrat sassen, wurden Giacomo Luvini und Rudolf Benz keine enge Freunde mehr. Interessanterweise war Letzterer Verfasser des Strafgesetzbuchs für den Kanton Zürich, das 1871 publiziert wurde. Darin hat der Zweikämpfer von 1848 das Duell unter Strafe gestellt: «Der Zweikampf (Duell) wird, auch wenn keine Körperverletzung oder bloss eine unbedeutende zur Folge hatte, gegenüber dem Herausforderer und dem Herausgeforderten mit Gefängnis bis zu zwei Monaten, verbunden mit Geldbusse bestraft.» Bleibt nur die Frage, mit welcher Hand Benz diesen Gesetzesartikel formuliert hat ...

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Duell im Nationalrat» erschien am 27. November.
blog.nationalmuseum.ch/2020/11/duell-im-nationalrat

Ein Duell der friedlichen Art: Baroni gegen Cécile im Aromat-Knatsch

Video: watson/Emily Engkent
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Ford v Ferrari – das echte Rennen 1966
1 / 9
Ford v Ferrari – das echte Rennen 1966
Die Startaufstellung 1966: Ken Miles und Denny Hulme in der Nr.1, Bruce McLaren
und Chris Amon in der Nr. 2.
quelle: hulton archive / bernard cahier
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Nationalrat diskutiert über Verschärfung des Waffenrechts
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
10 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Blitz
06.12.2020 21:59registriert Juni 2020
Guter Beitrag! Heute glaube ich, ist die Männlichkeit nicht mehr so ehrenhaft!
5822
Melden
Zum Kommentar
10
Ein Wimmel­bild zwischen Wissen­schaft und Kunst
Kinder lieben Wimmelbilder, auch im 21. Jahrhundert. Ein Spezialist dieser Darstellungsart war Roelant Savery, der damit vor über 400 Jahren den Habsburger Kaiser begeisterte und viele Zeitgenossen inspirierte. Auch Schweizer Künstler.

Eine quirlige Berliner Primarschulklasse sitzt im Jahr 2024 vor dem Paradies von Roelant Savery in der Gemäldegalerie. Das 400 Jahre alte Gemälde eignet sich hervorragend für pädagogische Zwecke. Die Kinder sind sichtlich gefesselt von dem Tier-Wimmelbild, einige fangen gar an, die Tiere zu zählen. Warum haben all die Tiere nicht mehr Platz, fragt ein Mädchen besorgt. Sogar im Zoo haben sie mehr. Finden sie überhaupt genug Futter? Ein Junge wundert sich, dass der Löwe oben rechts im Bild so friedlich daliegt, statt sich auf die Wasservögel vor seiner Nase zu stürzen.

Zur Story