Von Adobe genervter Entwickler baut Photoshop und Co. mit KI als Gratis-Programme nach
Liest man die Schlagzeilen der letzten Tage, ist anscheinend nichts mehr vor künstlicher Intelligenz sicher:
«Adobe Photoshop mit KI nachgebaut»
«Nach KI-Klonen von Adobe-Apps: KI baut auch Microsofts Office-Apps nach»
«Dutzende Browser-Ports: KI-Modelle dekompilieren Videospiele»
Aber was geschieht da wirklich?
«Software ist Geschichte», verkündete der US-amerikanische Softwareentwickler Brandon Thomas Anfang Oktober. Er habe gerade Photoshop mithilfe von KI «auf Anhieb nachgebaut. Das ganze Programm», so die grossspurige Ansage. Sozusagen als Beweis stellte er KI-generierte Replikate aller wichtigen Adobe-Programme ins Netz. Darunter Photoshop, Lightroom, Illustrator, Premiere und Indesign.
Frei für alle. Gratis. Open Source.
Für Windows. Für Mac. Und für Linux.
Wenige Tage später doppelte Thomas mit kostenlosen Kopien von Microsofts Office-Apps Word, Excel und Powerpoint nach.
Diese KI-generierten Klone sind Zeugen des Umbruchs in der Softwareentwicklung: Mithilfe von KI-Assistenten wie Anthropics Claude lassen sich komplexe Programme wie Adobe Photoshop oder Microsofts Office-Apps schnell nachbauen – von einer einzelnen Person oder sehr kleinen Teams.
Aber funktionieren die Kopien auch?
Photoslop statt Photoshop?
Der Photoshop-Klon PhotoCraft ist innert Sekunden heruntergeladen und installiert. Mit unter 90 MByte ist die KI-generierte Kopie ausserordentlich kompakt – und läuft auch flüssiger als das Original. Das Layout, die Menüs, alles sieht aus wie gewohnt, auch die Tastenkürzel funktionieren. Adobes PSD-Dateien lassen sich ohne Weiteres öffnen. Das heisst, wir können mit Photoshop erstellte Bilder einfach mit PhotoCraft weiterbearbeiten.
Auf den ersten Blick ist PhotoCraft beeindruckend. Sehr vieles funktioniert, aber halt doch nicht alles: Darstellungsfehler wie ein plötzlich verschwindender Mauszeiger und ein rudimentärer Dateiexport offenbaren, dass die Software längst nicht fertig ist. Auch die nahtlose Bearbeitung von Vektorgrafiken aus Illustrator in Photoshop funktioniert bei den KI-Kopien weniger elegant. In Online-Foren haben User zahlreiche weitere Bugs dokumentiert. Ganz ersetzen kann der KI-Klon das Original somit noch nicht. Für kleinere Bildprojekte ist es aber durchaus brauchbar.
bild: artcraft
Auch die KI-Kopien anderer Adobe-Programme leiden unter diversen kleineren und grösseren Bugs. Das streitet der Entwickler Brandon Thomas auch nicht ab. Er spricht von einer sehr frühen Testphase und dass der derzeitige «Super-Early-Alpha»-Zustand bald zu etwas führen werde, das genauso funktionsfähig sei wie alles, was Adobe je auf den Markt gebracht habe.
Während Thomas zunächst einen perfekten Photoshop-Klon innert eines Monats versprach, ruderte er kurz darauf zurück. Nun ist das Ziel, 99 Prozent der Adobe-Funktionen innerhalb weniger Monate zu erreichen, allerdings benötige er dafür Hilfe.
Den Grossen das Geschäft verderben
Anders als Adobe, Microsoft und Co. macht Thomas den Quellcode, also die Bauanleitung der KI-generierten Programme, öffentlich. Andere können ihn einsehen und die Open-Source-Software weiterentwickeln. Die Hoffnung: Aus den KI-Klonen sollen mit Hilfe der Community echte Alternativen zu teurer Standard-Software werden.
Thomas spielt dabei die Robin-Hood-Karte, die Rolle des edlen Wohltäters: «Unser Ziel ist es, allen Künstlern weltweit die besten Werkzeuge zur Verfügung zu stellen.»
Der erfahrene Software-Entwickler lässt durchblicken, dass er kein Freund der Software-Abos der grossen Techkonzerne ist. Daher rühre seine Motivation, den Grossen in die Suppe zu spucken. Allerdings muss auch er die Weiterentwicklung der KI-Kopien finanzieren, wenn daraus nicht ein weiteres verwaistes Open-Source-Projekt werden soll. Die Finanzierung soll über kostenpflichtige KI-Zusatzfunktionen geschehen.
Nachdem er seit Februar ausschliesslich mit KI-Tools programmiert habe, sagt Thomas, sehe er eine nahe Zukunft, in der beliebige Entwickler Open-Source-Versionen beliebter kostenpflichtiger Software nachbauen könnten, um «das Internet zurückzuerobern und die Technologie für immer zu besitzen». Glaubt man seinen Worten, geht es ihm um eine Zukunft ohne die «Enshittification» durch grosse Konzerne. Will heissen, Software soll wieder primär den Usern dienen, und nicht allein der Profitmaximierung.
Ist Software von Adobe, Microsoft und Co. wirklich erledigt?
So einfach, wie es Thomas darstellt, ist die Sache nicht: Einerseits sind die KI-Kopien (noch) längst nicht fehlerfrei und zweitens stellt sich eine offensichtliche Frage:
Ist das überhaupt legal? Und sicher?
Der deutsche Rechtsanwalt für IT-Recht, Niklas Mühleis, hält den Nachbau von Softwarefunktionen grundsätzlich für zulässig: «Ich baue bestimmte Funktionalitäten von beispielsweise Adobe Photoshop nach, nutze dafür aber einen eigenen Quellcode und das ist grundsätzlich nicht verboten», sagte er gegenüber dem WDR.
Im Idealfall würden künftig private Nutzer, aber auch Unternehmen günstigere oder bessere Software erhalten.
Auch Thomas stellt sich auf den Standpunkt, dass seine KI-Kopien legal seien, weil Adobes Code beim KI-gestützten Reverse Engineering nicht direkt kopiert werde. Die Anwälte von Adobe werden dies zweifellos anders sehen und insbesondere gegen die nahezu identische Benutzeroberfläche vorgehen.
Müsste Thomas die Benutzeroberfläche stark abändern, würden die Kopien den Vorteil verlieren, dass sie sich genau wie die Original-Programme bedienen lassen. Es gibt schon lange gute und günstige Alternativen zu Adobe, aber viele scheuen den Wechsel, weil sie keine neue Software erlernen wollen.
Eine weitere Frage ist, ob KI-generierte Programme wirklich die grossen Softwarehersteller wie Adobe mit ihren Abomodellen treffen oder ob nicht eher kleinere Rivalen wie Affinity stärker darunter leiden werden. Denn viele Gelegenheitsnutzer wichen auf kleinere Anbieter aus, um Adobes teurem Abo zu entgehen. Genau diese Nutzergruppe dürfte zuerst auf kostenlose KI-Kopien umschwenken, sobald diese als «gut genug» empfunden werden.
Letztendlich bleibt die Frage der Sicherheit: Sicherheitsbedenken bei KI-Klonen, die sehr schnell und zu grossen Teilen ohne menschliche Aufsicht entstehen, sind das eine. Das andere sind Kriminelle, die nachgebaute Programme als Köder nutzen können, etwa um Schadsoftware zu verbreiten oder Anmeldedaten abzugreifen.
