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Wild: Engadiner Wurst aus Hirsch kommt aus Neuseeland

Bild zeigt: Wurst von Engadiner Metzgerei, einen Jäger mit Gewehr und Bart, erlegte Hirsche und die Flagge von Neuseeland. Darüber die Grenzen des Engadins und Neuseelands.
Engadiner Hirschsalsiz kommt manchmal auch aus Neuseeland.Bild: watson/carlo natter

«Sauerei»: Dieser Engadiner Hirschsalsiz kommt eigentlich aus Neuseeland

Eine im Engadin gekaufte Wurst besteht zu mehr als der Hälfte aus neuseeländischem Hirschfleisch. Während der Metzgermeister dieses Vorgehen verteidigt, sagt das Bundesamt für Landwirtschaft: So geht es nicht.
21.06.2026, 04:5521.06.2026, 10:12

Wer im Engadin in einer Metzgerei einen Hirschsalsiz kauft, hat wahrscheinlich ein romantisches Bild vor Augen. Ein Bündner Jäger durchstreift das Gebirge, geduldig dem Wild folgend.

Aus jahrelanger Erfahrung kennt der Jäger die bevorzugten Pfade der Hirsche, Rehe und Gämsen. Dort liegt er auf der Pirsch. Hat er einen Hirsch erlegt, bringt er ihn eigenhändig zur Dorfmetzg.

Jaeger Peter Marugg demonstriert die Haltung seines Gewehres, das kunstvolle Schnitzerein im Schaft aufweist, aufgenommen in der zweiten Woche der Buendner Hochjagd, am Donnerstag, 19. September 2019, ...
Jäger Peter Marugg demonstriert die Haltung seines Gewehres.Bild: KEYSTONE

So weit das Kopfkino. Mit der Realität hat es nicht immer etwas zu tun.

So zum Beispiel beim Hirschsalsiz aus der Berni’s Metzg in Zuoz, den der Vater eines watson-Journalisten kürzlich als Mitbringsel erhielt. Er besteht zu 51 Prozent aus Hirschfleisch. Dieses kommt aus Neuseeland.

Es geht um diese Wurst: Engadiner Spezialität mit über 50 Prozent neuseeländischem Fleisch.
Es geht um diese Wurst: Engadiner Spezialität mit über 50 Prozent neuseeländischem Fleisch.Bild: watson

Statt aus dem Arvenwald ums Eck kommt es aus einem industriellen Hirschbetrieb am anderen Ende der Welt.

Trotzdem steht auf dem Produkt in dicken Lettern: «Schweizer Produkt». Ist das nicht Kundentäuschung?

Schliesslich verspricht Metzgermeister Bernhard Locher auf der Website seiner Metzgerei: «Seit Jahren schenke ich der Haltung der Tiere, ihrer Nahrung, aber auch kurzen Transportwegen meine volle Aufmerksamkeit.»

Hirschfleisch aus Neuseeland ist nicht unbedingt das, was man sich unter kurzen Transportwegen vorstellt. Das gesteht auch Locher gegenüber watson ein, sagt aber auch: «Wir produzieren in der Schweiz nicht genügend Hirschfleisch, um das ganze Jahr über Hirschsalsiz produzieren zu können.» Deshalb findet Locher, der seit über 30 Jahren als Metzger wirkt:

«Weil die Leute aber das ganze Jahr über Hirschsalsiz essen wollen, haben wir gar keine andere Wahl, als zuzukaufen.»
Metzgermeister Bernhard Locher

Locher sagt, dass er ab Beginn der Bündner Hochjagd, die dieses Jahr am 3. September startet, jeweils bis in den Dezember Bündner Hirschfleisch für seine Salsize verwenden kann. Danach greife er auf neuseeländisches Fleisch zurück.

Die Jaeger David Walser, Ueli Marugg, und Lukas Walser, von links, stehen um einen zirka 120 Kilogramm schweren Hirsch, den Ueli Marugg am am ersten Tag der Hochjagd erlegt hat, am Samstag, 2. Septemb ...
Drei Bündner Jäger erlegen während der Hochjagd einen Hirsch in Klosters.Bild: KEYSTONE

Tatsächlich ist es so, dass die Schweizer Produktion an Hirschfleisch die Nachfrage danach nicht deckt. Vergangenes Jahr standen 1578 Tonnen einheimisches Hirschfleisch 2301 Tonnen importiertem gegenüber. Anders ausgedrückt: Die Schweiz kann ihre Nachfrage nach Hirsch nur zu knapp 41 Prozent aus einheimischer Produktion stillen.

11,2 Prozent der Hirschfleisch-Importe – oder in absoluten Zahlen 266 Tonnen – kamen letztes Jahr aus Neuseeland.

Hirschfleisch aus Neuseeland

Hirsche sind in Neuseeland nicht heimisch. Es waren britische Kolonialisten, die die Tiere im 19. Jahrhundert dorthin brachten. Ohne natürliche Fressfeinde vermehrten sich die Hirsche ungebremst, weshalb sie bald zur Plage wurden und die Regierung sie 1932 zur invasiven Art erklärte. In den 1960er-Jahren führte die Regierung Prämien ein für jeden abgeschossenen Hirsch. Das markiert gleichzeitig die Geburtsstunde eines wichtigen Wirtschaftszweigs für Neuseeland.


2019 kamen auf 4,4 Millionen Einwohnende 1,2 Millionen Hirsche. Neuseeland hat im Jahr 2024 Hirschfleisch im Wert von 205 Millionen neuseeländischen Dollar in die Welt exportiert, davon Fleisch im Wert von 4.08 Millionen neuseeländischen Dollar in die Schweiz. Das macht die Schweiz zu einem der wichtigsten Absatzmärkte für neuseeländischen Hirsch.


Editorial Bild
bild: www.imago-images.de

Was sagen die Menschen, die in der Schweiz Hirsche züchten, dazu, dass ein Engadiner Metzger für seinen Salsiz neuseeländischen Hirsch verwurstet?

Sabina Graf ist Geschäftsführerin bei der Schweizerischen Hirschhalter-Vereinigung. Sie sagt, dass Schweizer Hirschzüchter ihr Fleisch in der Regel problemlos verkaufen können. Dabei spiele auch die Herkunft des Fleischs eine Rolle: «Die Kunden, die direkt beim Hirschhalter einkaufen, sind Leute, denen Herkunft, Regionalität, Rückverfolgung des Produkts wichtig sind», sagt Graf.

«Die Kunden möchten wissen, wie und wo das Tier lebte, dessen Fleisch sie verzehren.»
Sabina Graf, Geschäftsführerin Schweizerische Hirschhalter-Vereinigung

2025 gab es in der Schweiz 316 Landwirtschaftsbetriebe, auf denen fast 12'500 Hirsche lebten. Die aktuellsten Zahlen, wie gross die Anzahl wild geschossener Hirsche im Vergleich zu denjenigen in Gehegehaltung ist, stammen aus dem Jahr 2020. Damals stammte 89 Prozent des heimischen Hirschfleisches aus der Jagd und 11 Prozent aus Gehegen.

Ein kapitaler Damhirsch in einem Gehege in Mastrils im Churer Rheintal ueberwindet alle Scheu und laesst sich von einer Spaziergaengerin mit ein paar frischen Graeser vom Wegrand aus der Hand fuettern ...
Ein kleiner Teil der Schweizer Hirschfleischproduktion stammt auch von Tieren in Gefangenschaft.Bild: KEYSTONE

Ein Hirschzüchter äussert sich gegenüber watson zu Hirschfleisch aus Neuseeland. Er führt einen Betrieb mit rund 100 Hirschen und engagiert sich bei der Hirschhalter-Vereinigung in der Ausbildung von Landwirten und Landwirtinnen, die Hirsche halten wollen. Er möchte anonym bleiben.

Zu Metzgereien, die Hirschwürste als Schweizer Produkt deklarieren, obwohl das Hirschfleisch daraus aus Neuseeland importiert werde, hat der Züchter eine klare Meinung: «Das ist eine Sauerei.»

Er lässt das Argument nicht gelten, dass es aufgrund der grossen Nachfrage gar nicht anders möglich sei, als Fleisch zu importieren. Der Züchter, der sein Hirschfleisch ausschliesslich selbst vertreibt, sagt dazu:

«Wenn die Saison durch ist und ich kein Wildfleisch mehr habe, gibt es bei mir halt auch keine Würste mehr zu kaufen.»
Hirschzüchter

Locher aus der Berni’s Metzg in Zuoz verteidigt sein Vorgehen. Die Wurst, so wie er sie deklariere, sei so vom Schweizer Fleischfachverband zertifiziert worden. Er dürfe diesen Salsiz als Schweizer Produkt verkaufen, da er ihn vollumfänglich in der Schweiz hergestellt habe, sagt Locher.

«Schliesslich darf man Rindfleisch aus Südamerika, das dann in Graubünden getrocknet wurde, auch Bündnerfleisch nennen.»
Bernhard Locher

Anders sieht das das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Auf Anfrage von watson verweist Sprecherin Sarah Kehrli auf Artikel 48b des Markenschutzgesetzes, auch bekannt als Swissness-Artikel.

Swiss fans cheer for their team during the EURO 2004 qualifyer between Switzerland and Ireland, at St. Jakob Park in Basel, Switzerland, Saturday, October 11, 2003. (KEYSTONE/Fabrice Coffrini)
Begehrtes Schweizerkreuz: Wer es auf sein Lebensmittel packen will, muss strenge Regeln befolgen.Bild: KEYSTONE

Dieser regelt seit dem 1. Januar 2017 verbindlich, was ein Lebensmittel erfüllen muss, damit es sich als aus Schweizer Herkunft bezeichnen darf. Die beiden wichtigsten Regeln sind:

Die Rohstoffe im Lebensmittel müssen zu mindestens 80 Prozent aus der Schweiz kommen. Und die Verarbeitung muss in der Schweiz stattgefunden haben.

Beim BLW ist man der Ansicht, dass die Bezeichnung Schweizer Produkt auf dem Etikett des Hirschsalsizes eine Schweizer Herkunftsangabe ist, weshalb die Swissness-Regelung greife.

Die erste Bedingung ist im Fall des Hirschsalsizes nicht erfüllt. Kehrli schreibt:

«Daher ist eine schweizerische Herkunftsangabe, unserer Interpretation nach, nicht zulässig.»
Sarah Kehrli, Sprecherin BLW

watson hat beim Schweizer Fleischfachverband (SFF) nachgefragt, was er zu dazu sagt, wie der Hirschsalsiz angeschrieben ist. Die Kennzeichnung sei «in weiten Teilen in Ordnung», teilt der SFF schriftlich mit.

Bei der Bezeichnung ‹Schweizer Produkt › bestehe jedoch Optimierungsbedarf. «Wir empfehlen die Formulierung: ‹Hergestellt in der Schweiz mit Herkunft Hirsch Neuseeland, Schwein/Speck Schweiz›», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Philipp Sax.

Der SFF wird nun mit der Bernhard Locher von der Berni's Metzg in Zuoz das Gespräch suchen.

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Die beliebtesten Kommentare
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Callao
21.06.2026 06:48registriert April 2020
Reden wir hier von der selben Swissness-Regelung wie je für ON? Die Kleinen fängt man. Die Grossen lässt man laufen. 😉
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Shelley
21.06.2026 06:01registriert März 2018
Sobald es kein Hirschfleisch von der Bündner Jagd mehr gibt, gibt es auch keine Bündner Würste vom Hirsch mehr.

So einfach ist das. Und der Kunde ist damit auch zufrieden. Die Ausrede des Metzgers ist peinlich und gierig.
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Barth Simpson
21.06.2026 06:43registriert August 2020
Ich habe mich gerade gefragt, was an einem Hirschsalsiz mit 51% Hirschfleisch aus Neuseeland, von einer kleinen Metzgerei in der Schweiz hergestellt, schlechter sein soll, wie Z.B. an einem US-Beef aus dem Supermarkt. Wie schaut es mit pflanzlichen Inhaltsstoffen (Z.B. Palmöl, oder Soja) aus, welche in unzähligen Lebensmittlen versteckt sind?

Ich finde alles fragwürdig, aber man sollte bei Verurteilung eines kleinen Metzgereibetriebs aus Graubünden bitte verhältnismässig bleiben. Dieser Betrieb richtet bestimmt am wenigsten Schaden an.
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