Zugunglück in Spanien: Suche nach Opfern geht nachts weiter – was wir wissen
Was ist neu?
Nach der zweiten schweren Bahnkatastrophe in Spanien mit Dutzenden Toten innerhalb von nur neun Monaten ist die Suche nach möglichen weiteren Opfern in der Nacht weitergegangen. Viele Menschen suchten in der Nacht noch nach vermissten Familienangehörigen, wie Mercedes Martin, die Sprecherin der Polizeibehörde Guardia Civil in der spanischen Hauptstadt, dem Sender sagte. DNA-Proben würden in Madrid sowie in Toledo, Cordoba und Sevilla entnommen. «Wir werden hier die ganze Nacht lang bleiben», sagte die Sprecherin.
«Hier wird mit Hilfe von Flutlicht auf Hochtouren gearbeitet», sagte auch ein Reporter des staatlichen TV-Senders RTVE am Unglücksort in der Provinz Toledo, rund 130 Kilometer südlich von Madrid. Mit drei Kränen wollten die Einsatzkräfte zwei besonders schwer beschädigte Waggons anheben. Die Einsatzkräfte schlossen laut RTVE nicht aus, dass sich in den Wracks weitere Opfer befinden.
Wie viele Opfer gibt es?
Nach aktuellem Kenntnisstand sind beim Unglück 68 Menschen gestorben. Zudem wurden mehr als 100 Personen verletzt, 53 werden noch in Spitälern behandelt, mehrere davon in kritischem Zustand. Insgesamt befanden sich mehr als 540 Passagiere in den beiden Zügen, welche kollidiert sind.
Was sind die Kenntnisse zur Ursache?
Verkehrsminister Oscar Puente deutete auf mögliches menschliches Versagen hin. Das Unglück sei auf eine «unerklärliche» und «falsche» Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen. Obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte, habe die Leitstelle dem Renfe-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben, während der Iryo-Zug noch stand. Ob allerdings tatsächlich menschliches Fehlverhalten vorlag, müsse die Untersuchung klären, sagte Puente.
Das auf der Strecke Madrid-Sevilla eingesetzte deutsche Zugsicherungssystem LZB (linienförmige Zugbeeinflussung) überwacht kontinuierlich das Fahrverhalten der Züge und übermittelt dem Lokführer Fahranweisungen direkt ins Führerhaus. Überschreitet ein Zug die zulässige Geschwindigkeit oder missachtet er bestimmte Vorgaben, kann das System automatisch bremsen. Bei einer grösseren Störung übernimmt die Bahnleitstelle weitgehend die Kontrolle.
Warum der zuständige Fahrdienstleiter die Gefahr nicht rechtzeitig erkannte, ist eine der zentralen offenen Fragen. Zwischen den beiden Zügen lagen rund 25 Kilometer, die der Renfe-Zug in etwa 17 Minuten zurücklegte. Beamte der Polizei und der unabhängigen Behörde für die Untersuchung von Unfällen (AITAT) befragten bereits den Mitarbeiter. Die AITAT hält es derweil für «viel zu früh», Hypothesen zu den Ursachen des Zusammenstosses aufzustellen.
Die spanische Eisenbahngewerkschaft kritisiert den Zustand des Bahnnetzes. Die Lokführergewerkschaft Semaf hält an ihrem für heute angekündigten Streik fest, mit dem sie Verbesserungen bei der Sicherheit fordert. Der Ausstand war bereits am 16. Oktober und damit vor dem Unglück angekündigt worden.
Was sind die politischen Folgen?
Die Lage ist angespannt. In Madrid kam es vor dem Transportministerium zu Ausschreitungen. Rechtsextreme Gruppen hatten nach dem schweren Zugunglück zu einer Protestkundgebung aufgerufen. Dabei kam es zu Spannungen zwischen Teilen der rund 1500 Demonstranten und der Polizei, wie der Fernsehsender TVE berichtete.
Zudem ist die Trauer im Land gross. Um Punkt 20 Uhr gedachten die Menschen in ganz Spanien der Opfer mit einer Schweigeminute vor den Rathäusern. Die landesweiten Gedenkveranstaltungen fanden unter anderem auch in Madrid, Barcelona, Valencia und Saragossa statt.
Ministerpräsident Pedro Sanchez rief eine dreitägige Staatstrauer bis Samstag aus – und versprach eine umfassende Aufklärung. «Wir werden der Sache bis zum Ende nachgehen. Sollte es Fahrlässigkeit gegeben haben, wird das ans Licht kommen», versicherte er vor Journalisten an der Unglücksstelle.
«Für ein Land wie Spanien ist es nicht hinnehmbar, innerhalb eines Jahres zwei schwere Unglücke mit Hochgeschwindigkeitszügen zu erleben», sagte Sanchez mit Blick auf das Zugunglück von Adamuz in Andalusien, bei dem im Januar 46 Menschen ums Leben gekommen waren. Sollten sich Fehler im Sicherheitssystem herausstellen, werde man mit aller Konsequenz reagieren. Vorrang hätten zunächst die Betreuung der Opfer und ihrer Angehörigen.
Sanchez steht auch deshalb unter Druck, weil er einen Monat vor der vorgezogenen Parlamentswahl von der konservativen und rechtspopulistischen Opposition für das Unglück verantwortlich gemacht wird. «Korruption tötet», die linke Regierung sei kriminell, sagte etwa der Chef der aufstrebenden rechtspopulistischen Partei Vox, Santiago Abascal.
Was genau war passiert?
Am Mittwochmorgen waren zwei Hochgeschwindigkeitszüge nahe der Gemeinde Urda kollidiert. Ein Zug der staatlichen Gesellschaft Renfe fuhr von hinten auf einen stehenden Zug des privaten Bahnunternehmens Iryo auf. Mehrere Waggons stürzten einen Bahndamm hinunter.
Das neue Unglück weckt Erinnerungen an die schwere Zugkatastrophe im Januar bei Adamuz in Andalusien. Damals war ein Iryo-Zug entgleist und mit einem entgegenkommenden Renfe-Zug zusammengestossen. 46 Menschen kamen ums Leben. Sanchez sagte den Gewerkschaften damals zusätzliche 1,8 Milliarden Euro für Massnahmen im Bahnnetz zu, darunter für die Wartung in den Jahren 2026 bis 2030. (dab/sda/dpa)
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