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«Cool Machine»: US-Starautor Whitehead rechnet mit seiner Heimat ab

Colson Whitehead auf der Frankfurter Buchmesse 09.10.2026: Der US-amerikanische Schriftsteller und zweifache Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead stellt auf der Frankfurter Buchmesse 2026 im ARD-Foru ...
In seinem neuen Roman beschreibt US-Starautor Colson Whitehead seine Heimatstadt New York mit ihren Widersprüchen. Bild: www.imago-images.de

«New York fucking City»: US-Starautor rechnet mit dem amerikanischen Traum ab

In seiner Harlem-Trilogie beschreibt der zweifache Pulitzerpreisträger Colson Whitehead seine Heimatstadt New York als Ort von Widersprüchen und Gewalt. Der dritte und letzte Roman «Cool Machine»  spielt während der Reagan-Ära. Der versprach damals auch, Amerika wieder gross zu machen.
28.10.2026, 22:0028.10.2026, 22:10
Pascal Moser / ch media

Vielen gilt er als der amerikanische Schriftsteller schlechthin: Als vierter Autor der Geschichte hat Colson Whitehead gleich zweimal den Pulitzerpreis erhalten. Damit steht er in einer Reihe mit Grössen der Literatur wie William Faulkner (Nobelpreisträger des Jahres 1949).

Jetzt ist Whitehead mit einem Roman zurück. Er verbindet eine pulsierende Atmosphäre mit Gesellschaftskritik und liest sich damit wie der Amerikatraum eines Bertolt Brechts auf Ecstasy. Ihn zu lesen lohnt sich, gerade zu den Midterm-Wahlen in den USA.

Immerhin ist es sein Amerika: 2019 zierte Whitehead das Cover des «Time Magazine» als ‹America’s Storyteller›. Sein Blick auf dem Porträtbild schweift entsprechend episch und visionär in die Ferne. Was für ein Land er wohl sehen mag?

Mit «Cool Machine» schliesst er jedenfalls seine Harlem-Trilogie ab. Das Buch richtet den Blick nicht in die Ferne, sondern in die jüngere Vergangenheit. Schauplatz ist das New York der Reagan-Ära. Dieses erscheint als eine «über Jahrhunderte entstandene Missgestalt», in der Neubauten wie Pilze emporschiessen. Ihren Charakter verleihen ihr ratternde Strassenbahnen, Graffiti-Künstler und eine Wut, die dieser Stadt eigen ist. Denn Harlem ist ein Brennpunkt und New York ein Monstrum. Es herrscht eine Drogen- und Gewaltepidemie, unter den glänzenden Häusern zerfällt die Stadt.

Die Skyline wird zur Mauer eines Gefängnisses, das einen «mit einer Million eiskalter Psychopathen zusammensperrte». Und doch ist die Widmung des Buches eine Liebeserklärung: «Für New York fucking City!»

Zu Besuch in Frankfurt

Rund sechstausend Kilometer von New York entfernt stellt Whitehead den Roman dem deutschsprachigen Publikum auf der Frankfurter Buchmesse vor.

«Es lässt sich nicht zusammenfassen, wie sich Harlem über die Jahrzehnte verändert hat», sagt der gebürtige Harlemite im Gespräch. Mehr als «America's Storyteller» wirkt er auch mit 56 Jahren noch wie der literaturverliebte Student, der er einst war. Als Jugendlicher verschlingt er die grossen Klassiker, die – wie James Joyce in seinem Dublin – das Milieu ihrer Heimatstadt akribisch beschreiben. Er liebt klassische Gaunerfilme wie «Ocean’s Eleven», schreibt Film- und Fernsehkritiken und entwickelt den Wunsch, eine eigene Gangstergeschichte zu erzählen.

Die letzten acht Jahre habe er von wahren Verbrechen der Stadt in Zeitungsberichten gelesen. Oder Milieustudien, wie den quasi-biographischen Roman «Junkie» des Beatniks William S. Burroughs. Entstanden ist daraus ein sehr lebendiger Roman mit eigenem, von Slang durchtränktem Sound und Bildern, die direkt aus einem Scorsese-Film stammen könnten.

Held der Trilogie ist Ray Carney. Er ist genauso der Inbegriff krimineller Intelligenz, wie er ein «guter» Gesetzesbrecher ist. Nach aussen betreibt Carney ein legales Möbelgeschäft, ist Vater und Ehemann. Hinter den Kulissen bewegt er sich in einer Welt aus Hehlerei und kriminellen Geschäften.

«Ich glaube, wir alle haben verschiedene Seiten unserer Persönlichkeit, die wir nur bestimmten Menschen zeigen», sagt Whitehead. Dieselbe Doppelbödigkeit gilt für die Stadt New York, deren düstere Unterwelt Carney im Lauf der drei Romane immer besser kennenlernt.

New York als Bühne der Weltliteratur

Whitehead ist nicht der erste Autor, der in der Metropole versinkt. Im Gegenteil ist New York zur Bühne literarischer Meilensteine geworden – Don DeLillo schrieb etwa den Roman «Unterwelt» und früh war die Stadt Hintergrund eines der ersten Grossstadtromane «Manhattan Transfer». Paul Auster widmete seiner Heimatstadt sogar ebenfalls eine Trilogie.

Vielen dieser Werke gemein ist, dass sie den Blick auf eine Stadt freilegen, die im Schein der Moderne überstrahlt wird. So auch Whiteheads Blick auf Amerika. Seine schillerndsten Versprechen haben sich längst als Katzengold erwiesen. Man nehme den American Dream: «Die Reichen steigen immer höher hinauf, während immer mehr Menschen nach unten kommen», sagt Whitehead. Auch das Versprechen, Amerika wieder ‹great› zu machen, trug schon Reagan im Wahlkampf vor.

Amerika ist eine Täuschung

Whitehead wechselt Themen und Genres mit jedem Buch. Trotzdem lassen sich thematische Schwerpunkte bestimmen. Wie die historischen Traumata der afroamerikanischen Bevölkerung. Oder der Glaube, dass Amerika im Grunde nichts weiter als eine Täuschung sei.

«Es gibt die amerikanische Vorstellung von Demokratie und Gleichheit. Und dann gibt es die Art und Weise, wie wir diese Werte tatsächlich umsetzen», merkt Whitehead an.

Im Buch spiegelt sich das symbolisch, wenn Carney die Medaille des schwarzen Olympia-Läufers Jesse Owens stehlen soll, die nach dessen Tod in Auktionshäusern landete. Sie wird zum Zeichen der Ausbeutung: «Du kannst der schnellste Mann der Welt sein, aber dem weissen Mann kannst du nicht davonlaufen», heisst es.

Mit einer Täuschung endet das Buch dann auch. Da hält Carney fest, dass er nie so dumm gewesen sei, «auf den Riesenschwindel, den grössten Schwindel von allen reinzufallen – dass es ausser New York City noch andere Orte gab».

Colson Whitehead. Cool Machine. Hanser Verlag. 448 Seiten. (schweizheute.ch)

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