Was wir zum Zugunglück in Spanien wissen – und was unklar bleibt
Was ist passiert?
Bei einem schweren Eisenbahnunglück sind im Süden Spaniens mindestens 39 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl stieg in den vergangenen Stunden laufend an. Mehr als 170 Reisende wurden verletzt, davon 24 schwer und fünf sehr schwer.
Das teilten die Behörden mit. Es werde befürchtet, dass die Zahl der Toten noch weiter steigen werde. Der regionale Regierungschef Andalusiens, Juanma Moreno, schloss nicht aus, dass in den «Trümmerhaufen aus Metall» weitere Leichen liegen könnten. Unterdessen rätselten Experten über die möglichen Ursachen der Katastrophe, deren Klärung voraussichtlich Wochen und Monate in Anspruch nehmen werde.
Unter den Todesopfern ist den amtlichen Angaben zufolge einer der Lokführer. Zahlreiche Fahrgäste waren noch Stunden nach dem Unfall in den Zügen eingeschlossen.
Wie kam es zum Unglück?
Die Tragödie hatte sich am Sonntagabend ereignet. Gegen 19.40 Uhr waren die beiden letzten Waggons eines Iryo-Hochgeschwindigkeitszuges der italienischen Gesellschaft Trenitalia nahe der Gemeinde Adamuz in der Provinz Córdoba bei einem Tempo von etwas mehr als 200 Kilometern pro Stunde entgleist und in das benachbarte Gleis geraten, wie die spanische Bahngesellschaft Renfe mitteilte.
«Der Aufprall war so heftig, dass die beiden vorderen Wagen des Renfe-Zuges infolgedessen aus den Gleisen geschleudert wurden», sagte Verkehrsminister Óscar Puente. Diese Waggons stürzten eine vier Meter hohe Böschung hinunter und wurden weitgehend zerstört.
Der Iryo-Zug war mit mehr als 300 Menschen an Bord von Málaga nach Madrid unterwegs, der in Madrid gestartete Renfe-Zug fuhr mit rund 200 Passagieren nach Huelva. Der Verkehr auf der wichtigen Strecke zwischen Madrid und Andalusien werde für längere Zeit unterbrochen bleiben, hiess es. Viele Menschen, die in verschiedenen Städten von Zugausfällen aufgrund des Unfalls betroffen waren, verbrachten die Nacht in Bahnhöfen.
Was sagen Augenzeugen?
Eine junge Frau kämpfte im Interview des TV-Senders RTVE mit den Tränen, als sie den Alptraum beschrieb, den sie im Iryo-Unglückszug erlebte.
Ein anderer Passagier, der Journalist Salvador Jiménez, sagte: «Es war wie ein Erdbeben.»
Was sagen die Behörden?
Feuerwehrleiter Paco Carmona sprach von einem sehr schwierigen Einsatz:
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez sicherte schnelle Hilfe zu. «Heute ist eine Nacht tiefen Schmerzes für unser Land», schrieb er auf der Plattform X. Neben dem Königshaus in Madrid und vielen anderen sprach auch die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, den Familien und Angehörigen der Opfer sowie dem spanischen Volk ihr Beileid aus. «In dieser Nacht seid ihr in meinen Gedanken», schrieb sie auf X auf Spanisch.
Wie konnte es zur Entgleisung kommen?
Die Ursache des Unfalls blieb zunächst unklar - die Tragödie gibt Rätsel auf. «Das ist schon ein extrem ungewöhnlicher Unfall», sagte Minister Puente. «Gerade Strecke, ein ziemlich neuer Zug, ein erst jüngst mit einer Investition von 700 Millionen Euro renovierter Streckenteil.» Man müsse nun das Ergebnis der Ermittlungen abwarten. Der Iryo-Zug war 2022 in Dienst gestellt worden und erst am Donnerstag einer technischen Prüfung unterzogen worden, wie RTVE unter Berufung auf die Bahngesellschaft berichtete.
Der Bahn-Experte Joan Carlos Salmerón betonte im Fernsehen, es könne einen Schaden am Gleis, einen Gegenstand auf den Schienen oder einen Fehler beim Zug selbst gegeben haben. Auf Luftaufnahmen waren die beiden verunglückten Züge zu sehen, die etwa 500 Meter voneinander entfernt zum Stehen gekommen waren.
Menschliches Versagen wurde ausgeschlossen. Auf dem Streckenabschnitt sei eine Höchstgeschwindigkeit von 250 erlaubt gewesen. Die Zugführer hätten bei mehr als 200 Kilometern pro Stunde keine Möglichkeit gehabt, rechtzeitig zu reagieren. Nur etwa 20 Sekunden nach dem Entgleisen der beiden Waggons sei der entgegenkommende Zug bereits in die Wagen gekracht. Im Fernsehen waren Unfallexperten zu sehen, die jedes Detail der Trümmer und der Gleise fotografierten und markierten.
Wie wird Betroffenen geholfen?
Das Rote Kreuz half nicht nur den betroffenen Passagieren und Bahn-Mitarbeitern mit psychologischer Betreuung, sondern auch traumatisierten Angehörigen und Freunden der Opfer, die etwa im Madrider Bahnhof Atocha oder in Huelva vergeblich auf ihre Lieben warteten.
Angesichts der Tragödie, der Trauer und des Chaos zeigten sich viele Menschen in der 4.000-Einwohner-Gemeinde Adamuz solidarisch. Trotz später Stunde brachten freiwillige Helfer Decken, Arznei- und Lebensmittel ins Gemeindezentrum. Supermarktbesitzerin Rafaela machte umgehend ihren Laden auf und sagte im Gespräch mit RTVE: «Heute schläft hier niemand!» (sda/dpa)
Gibt es ähnliche Fälle?
In ganz Spanien, vor allem aber in Galicien wurden Erinnerungen an ein schlimmes Unglück vom 24. Juli 2013 wach. Ein Zug entgleiste damals in Angrois wenige Kilometer vor Santiago de Compostela mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit an einer Kurve. 80 Menschen kamen ums Leben.

