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«Meine Antwort auf die Härte und den Zorn in einer Faust ist die Sanftmut meiner Hände ganz allein.»  Udo Jürgens. Bild:kafi freitag

FragFrauFreitag

Hallo Kafi. Ein schreckliches Wochenende haben wir alle hinter uns. Aber was im Moment auf Facebook passiert ist auch nicht ganz ohne. Was ist deine Meinung dazu? Christoph, 34 



Lieber Christoph

Ja, in der Tat. Wahnsinn. Beides, wie ich finde. Ich beobachte die Entwicklung und staune ob der Tatsache, dass ich von Nahost-Experten umgeben bin. Das war mir bis anhin nicht bewusst, dachte ich doch immer, es wäre eher ein Randgebiet, welches nur wenige Menschen in ihrem Studium anpeilen.

Daneben stehe ich und muss zugeben: Ich weiss nichts. Ich habe wirklich keine Ahnung. Natürlich lese ich die Zeitung und folge der Berichterstattung. Aber ich kann nicht beurteilen, wer die Menschen sind, die zu solch einer Tat bereit sind. Ich weiss nicht wirklich etwas über deren Ziele und Gesinnung. Ich kann mich nicht ernsthaft über die Konflikte und deren Entstehung äussern. Ich kann nicht sagen, ob das nun in einem Krieg mündet, oder doch nicht. Ebenso wenig kann ich mich dazu äussern, ob es nun richtig oder falsch ist, sich mit Paris zu solidarisieren, während man sich mit anderen Schauplätzen der Gewalt nicht solidarisiert hat. Ich will nicht darüber urteilen, weil ich noch nicht einmal erahnen kann, was diese Anschläge mit jedem Einzelnen von uns gemacht haben. Jeder Mensch hat seine ganz eigene Weise, mit solch einem Erlebnis umzugehen. Manche ziehen sich zurück und trauern, andere müssen analysieren und darüber reden, um es zu verarbeiten. Der Strategien sind sehr viele. Vermutlich so viele, wie wir Menschen sind. Wir Menschen verfügen über diverse Reflexe, wenn es um die Bewältigung von Trauer und einem Schockzustand geht. Ein ganz wichtiger ist die Dissoziierung, das Abstand nehmen zum Erlebten oder der Wahrnehmung. Diese findet immer dann statt, wenn wir in eine Position des Analysierens gehen. Aus der Distanz zu bewerten ermöglicht es uns, nicht in unseren eigenen Gefühlen zu ertrinken wie in Treibsand, der uns verschluckt.

Mich erschreckt die Tatsache, dass dieser Anschlag auf die Freiheit unserer Gesellschaft zu einem Kleinkrieg auf Facebook führt. Das Grosse in Paris und anderen Brennpunkten dieser Welt wird im Kleinen auf der sozialen Plattform weitergelebt. Es wird verurteilt, angeprangert, jeder weiss, wie es richtig wäre und sagt es in inhaltsschweren Worten. Anstatt dass wir zusammenrücken und uns gegenseitig gut tun, erheben wir uns über andere und werfen uns den glänzenden Mantel der Deutungshoheit über.

Nächstenliebe ist kein naives Konzept. Sie ist der allererste Dominostein, der diese Welt zu einer besseren verändern kann.

Ich persönlich habe keine Angst vor dem Terror, der unsere Welt und unsere Balance aus den Fugen heben soll. Mir macht Angst, wie leicht wir uns von der Dynamik des Geschehens anstecken lassen. Wie schnell wir das Negative weitertragen, anstatt ihr etwas Positives entgegenzustellen.

Auch ich habe mein Profilbild den Geschehnissen angepasst und mein Gesicht gegen meine Meinung ausgetauscht. Dafür wurde ich von diversen Leuten ausgelacht und als naiv erklärt. Aber damit kann ich gut leben. Meine Antwort auf den Hass und den blindwütigen Zerstörungswahn ist bedingungslose Liebe. Ich bin keine Nahostexpertin und ich arbeite nicht im diplomatischen Dienst. Ich kann mit grosser Sicherheit nicht direkt auf den Verlauf des politischen Weltgeschehens einwirken, ich mache mir da nichts vor. Was ich aber tun kann, ist meine kleine Welt zu einer besseren machen. Dafür sorgen, dass ich mit den Menschen in meinem direkten Umfeld anständig umgehe und ihnen, wo immer möglich meine Liebe entgegenbringe.

Als mich mein 11-jähriger Sohn gefragt hat, wie man gegen die Gewalt vorgehen kann, habe ich es ihm genau so erklärt. Ich habe ihm gesagt, dass er damit weitermachen soll, seinen Mitschülern und Lehrern mit Respekt und Liebe zu begegnen. Weil unsere Gesellschaft ein grosses Geflecht von kleinen Teilen ist und jeder von uns in seinem Mikrokosmos dazu beitragen kann, dass diese Welt eine bessere ist.

Die meisten von uns haben keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Weltmächte. Aber jeder von uns kann sich jeden Tag aufs Neue dafür entscheiden, was er in diese Welt senden will. Will ich mein nächstes Umfeld mit Häme und Missgunst fluten, oder meinen Mitmenschen mit Grosszügigkeit und Liebe begegnen? Will ich schlecht über andere reden oder dafür schauen, dass ich meine Angelegenheiten mit Anstand regle? Will ich meine eigenen Interessen ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen oder mich darum kümmern, dass meine Mitmenschen und ich in einer stimmigen sozialen Ökologie leben?

Wenn wir anfangen, unser Leben in Liebe zu erfahren, dann hat das einen direkten Impact auf unsere Nächsten. Wenn wir unseren Mitmenschen mit einem Lächeln und einem offenen Herzen begegnen, dann wird dies dazu führen, dass es uns einige gleichtun. Nächstenliebe ist kein naives Konzept. Sie ist der allererste Dominostein, der diese Welt zu einer besseren verändern kann.

In diesem Sinne: Mit ganz viel Liebe. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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Bild: Kafi Freitag

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