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Kafi, ich wünsche mir manchmal, meine Mutter wäre tot.

Die Gedanken sind frei. 
Die Gedanken sind frei. kafi freitag
FragFrauFreitag

Kafi, ich wünsche mir manchmal, meine Mutter wäre tot. 

Liebe Frau Freitag, ich bin 62 Jahre alt, geschieden, Vater zweier erwachsener Kinder und geniesse den Zustand der wiedergewonnenen Unabhängigkeit. Aber da wäre da meine Mutter, 86. Einerseits tut sie mir sehr leid. Demenz, körperliche Gebrechen, pflegebedürftig. Ich kümmere mich als einziger seit Jahren, wöchentlicher Besuch, sämtliche Administration. Andererseits habe ich es satt, etwas in mir wünscht, dass sie geht, loslässt. Muss ich mich schämen dafür? Walther, 62 
08.03.2017, 06:5008.03.2017, 07:19

Lieber Walther

Ihre Gedanken sind menschlicher Natur. Aus meiner Coachingpraxis weiss ich, dass wir Menschen solche Gedanken hegen, auch wenn wir uns dafür schämen. Sie wünschen sich manchmal Ihre Mutter ins Jenseits, und eine Frau denkt an und ab daran, wie das Leben ohne die lieben Kinderlein wohl wäre. Natürlich erschrecken wir uns dann darüber, denn eigentlich wünschen wir uns ja nicht den Tod der Mutter oder Kinder. Aber die Freiheit, die man durch die Verantwortung verliert, die brennt halt manchmal auf der Seele. Und dann kommen solche Gedanken hoch. Nicht nur bei Ihnen.

Wichtig ist, dass Sie diese nicht wegdrücken, weil sonst kommen sie noch viel heftiger hoch. Alles, was keine Aufmerksamkeit bekommt, wird gross, laut und übermächtig. Darum ist Verdrängung keine gute Strategie. Ich an Ihrer Stelle würde eher in den Dialog mit diesen Gedankengängen treten und den Gefühlen Raum geben.

Sie fühlen sich durch die Betreuung Ihrer Mutter mit Sicherheit sehr fremdbestimmt. Wir Menschen wollen aber selber bestimmen können und das Gefühl haben, dass wir die Entscheidungen aktiv treffen. Manchmal ist es auch eine Frage des eigenen Mindsettings, ob man sich fremdbestimmt fühlt, oder nicht. Vielleicht haben Sie da ein klein wenig Spielraum, sich mehr Freiheit und eine längere Leine zu geben. Es ist niemandem gedient, wenn Sie zähneknirschend einmal die Woche zu Besuch gehen. Dann lieber mit Entschiedenheit beschliessen, nur noch jede 2. oder 3. Woche zu gehen und dafür mit einem besseren Gefühl im Bauch.

Abgrenzung innerhalb der eigenen Familie ist eine anspruchsvolle Sache, aber es ist umso wichtiger, dass man sie ausübt. Es ist Ihre Mutter, ja. Aber es ist gleichzeitig auch Ihr Leben. Eltern opfern sich in der Regel für ihre Kinder auf. Das ist schön und liegt in der Natur der Sache. Man kann daraus aber nicht ableiten, dass sich die Kinder auch für die Eltern aufopfern müssen. Sie tun das zu einem gewissen Mass und das ist Ihnen hoch anzurechnen. Wenn Sie darob aber Ihr eigenes Leben vergessen, wird es Ihnen niemals jemand verdanken. Ihre Mutter am wenigsten.

FragFrauFreitag

Und dann noch öppis zum Thema Gedanken: Sie sind die Generation, die das deutsche Volkslied «die Gedanken sind frei» noch kennt. Und falls doch nicht, hier ein paar Zeilen daraus:

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschiessen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi

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Kafi Freitag (41!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn in Zürich.

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