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Wenn Weihnachten das Fest der Liebe ist, warum sind die hier dann eingesperrt?  Bild:kafi freitag

FragFrauFreitag

Liebe Kafi, Danke für deine Texte, sie bereichern mein Leben und machen die Welt etwas besser. Heute Morgen habe ich begonnen, an den Menschen (und der Menschlichkeit) zu zweifeln. 



Nachdem ich – aus einer Verkettung saublöder Umstände heraus – den Zug verpasst habe und dieser nur einmal in der Stunde fährt und ich als Lehrerin pünktlich bei meiner Arbeit sein sollte, habe ich versucht, mit Autostopp an mein Ziel zu kommen. In einer halben Stunde und bei einer Frequentierung von 100-150 Autos hat kein einziges angehalten, obwohl ich im Regen stand, eine junge Frau bin und normal aussehe. Ausserdem ist es die Woche von Weihnachten, da wäre es doch wohl nicht zu viel verlangt, anzuhalten?! Verstehen die Menschen den Sinn von Weihnachten noch? Oder sind sie dafür zu gestresst?! Ich freue mich auf deine Sicht der Dinge! Schöne Festtage! Camille, 26

Liebe Camille

Weihnachten steht vor der Tür und niemand zeigt sich Ihnen gegenüber von der menschlichen, barmherzigen Seite. Sie können darob jetzt den Glauben an die Menschlichkeit verlieren. Mich macht fehlende Hilfsbereitschaft manchmal auch ohnmächtig. Die Verkettung mit Weihnachten finde ich allerdings unnötig. Sich gegenseitig zu helfen, ist auch die restliche Zeit vom Jahr was Schönes und nicht nur in dieser heiligen Zeit.

Und trotzdem fällt mir beim Lesen Ihrer Frage was auf. Und zwar eine gewisse Trotzigkeit, was recht Anklagendes. Sie schreiben, dass in einer halben Stunde etwa 150 Autos an Ihnen vorbeigefahren sind und es doch in der Woche von Weihnachten nicht zu viel verlangt wäre, anzuhalten?! Täusche ich mich, oder sind Sie da zählend am Strassenrand gestanden? Sie fragen sich, ob die Menschen den Sinn von Weihnachten noch verstehen. Und da frage ich Sie auch etwas trotzig zurück: Was ist denn der Sinn von Weihnachten? Ist es das Fest der Geburt Jesu Christi oder ist es der Aufruf, einer jungen Lehrerin, die nach einer Verkettung saublöder Umstände heraus den Zug verpasst hat, eine Mitfahrgelegenheit zu geben? Und wenn ich dies weiterdenke, wäre der wirkliche Sinn von Weihnachten dann nicht vielleicht sogar, sämtlichen Menschen, die im Moment bei eisiger Kälte auf der Flucht sind, eine Mitfahrgelegenheit anzubieten?

Was ist denn der Sinn von Weihnachten? Ist es das Fest der Geburt Jesu Christi oder ist es der Aufruf, einer jungen Lehrerin eine Mitfahrgelegenheit zu geben? 

Ich bin nicht sicher, ob Sie meine Message verstehen, liebe Camille. Ich verstehe Ihren Unmut, im Regen stehen gelassen worden zu sein. Ich würde mich an Ihrer Stelle auch ärgern. Aber die Schuld allen anderen in die Schuhe zu schieben und den Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen, nur weil Sie was selber ausbaden mussten, was Sie sich selber eingebrockt hatten, finde ich dann doch etwas übertrieben. Kehren Sie die Sache doch besser um und fragen Sie sich ehrlich, wann Sie das letzte Mal zu einem Menschen hilfsbereit waren, den Sie nicht kannten. Für den Sie Ihren gewohnten Tagesablauf unterbrechen und etwas Zeit einplanen mussten. Den Sie in Ihre eigene Komfortzone eingelassen und auf den Sie eingegangen sind, obwohl Ihnen vielleicht gerade nach etwas anderem zumute war.

Es ist immer einfach, andere zu tadeln und Tugenden wie Menschlichkeit und Güte einzufordern. Es ist allerdings schon ein Stückchen anspruchsvoller, diese selber an den Tag zu legen. Machen wir die Welt gemeinsam zu einer besseren, indem wir es besser machen, als wir es selber vielleicht schon einmal erlebt haben. Öffnen wir unsere eigenen Herzen noch einen Spaltbreit mehr und verschenken wir so viel Liebe, wie wir gerne davon empfangen möchten. Und zwar nicht nur in der Weihnachtszeit, sondern all die anderen +/- 51 Wochen im Jahr auch!

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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Bild: Kafi Freitag

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