Mörderin oder Opfer?
Sitzt du mit mir im gleichen Rabbit Hole? Ich gebe zu: Ich hoffe es, weil egal, ob beim Einkaufen, Einschlafen oder Frühstückabräumen: Ich denke unentwegt an Lindsay Clancy. Eigentlich kann ich damit fast nicht allein sein, denn die Suchanfragen nach ihrem und dem Namen ihres Mannes vermehren sich genauso rasant wie die Reels und Threads zu ihrem tragischen Fall, und schaut man in die Kommentarspalten im Netz, gleicht die Szenerie langsam aber sicher einem digitalen Gerichtssaal voller selbst ernannter Juroren und Jurorinnen.
Wenn du die Rabbithole-Frage mit Ja beantwortest, dann kannst du eigentlich direkt weiter zu E. Wenn nein, beginne bei A und wir treffen uns später ➡️ 🐰 🕳️ .
A: Der Fall
Es geht um eine 36-jährige Frau namens Lindsay Clancy, eine gelernte Krankenschwester, die aktuell in Massachusetts vor Gericht steht (respektive sitzt, tragischerweise). Dort soll darüber entschieden werden, ob sie lebenslang ins Gefängnis muss oder in eine psychiatrische Einrichtung, weil sie im Januar 2023 ihre drei kleinen Kinder stranguliert haben soll.
Die Frage ist, ob sie dies aufgrund einer postnatalen Psychose oder in kaltblütiger Absicht getan hat (für das eine fehlt die Diagnose, für das andere das Motiv). Die Angeklagte selbst erinnert sich nur an Fragmente. Sie sagte damals aus, sie habe eine Männerstimme gehört, die ihr gesagt habe, was sie tun solle (erst die Kinder und dann sich selbst töten), und sie habe sich von aussen gesehen, wie sie die Tat begangen habe. An mehr erinnert sie sich nicht (und das, woran sie sich erinnert, könnte rein theoretisch auch nicht stimmen, denn sie erwachte stark medikamentiert, verhaftet, unfähig zu sprechen und mit Handschellen ans Spitalbett gefesselt, wo sie als erstes nach ihrer Familie fragte. Das Meiste, was sie also über die Tat zu wissen meint, wurde ihr erzählt). Nach der Tat soll sie in den obersten Stock des Hauses gegangen und, mit selbst zugefügten Schnittwunden an den Handgelenken und an der Kehle, aus dem Fenster gesprungen sein, wo ihr damaliger Ehemann, den sie im Vorfeld zum Einkaufen geschickt hatte, sie fand. Seit der Tat sitzt sie im Rollstuhl und ist in Gewahrsam.
Wenn es im Gericht zum Ende einer Sitzung dann also jeweils heisst «All rise», bleibt eine Person immer sitzen, und es wird auf fast absurde Weise vorgeführt, wie unwiderruflich viel weiter unten als alle anderen Lindsay Clancy ist, ganz egal, was in den nächsten Tagen entschieden wird.
B: Die Familie
Von ihrem Mann Patrick Clancy, dem Vater der Kinder, ist sie inzwischen geschieden. Er lebt in New York und ist wieder verheiratet. Manche finden es verdächtig, manche selbstlos und fast schon feministisch, dass er von Anfang an sagte, er verurteile die Mutter seiner Kinder nicht. Sie sei immer eine gute, liebende Mutter gewesen, der es nach der Geburt des dritten Kindes mental schlecht ging. Lindsays Eltern wie auch ihre Schwiegereltern pflichteten dieser Aussage vor Gericht bei. Patrick sagte ausserdem in einem Interview, er sei nicht mit einem Monster verheiratet gewesen, sondern einfach nur mit jemandem, der krank wurde.
C: Der Anwalt
Ihrem Anwalt, Kevin Reddington, geht es in diesem Prozess nicht darum, zu widerlegen, dass Lindsay Clancy diese Morde begangen hat, sondern darum, dass sie in ihrer der Tat vorangegangenen Verzweiflung weder vom Gesundheitssystem noch von ihrem direkten Umfeld wirklich gesehen oder aufgefangen wurde, obwohl sie alles richtig gemacht hat: Lindsay Clancy hat reflektiert und recherchiert, sie hat sich mitgeteilt und Hilfe gesucht. Sie hat sich helfen lassen und immer wieder Neues probiert, als sie merkte, dass ihr Zustand sich nicht zu bessern schien. Sie vertraute sich ihrem Mann und ihren Eltern an.
Ganz zu Anfang des Prozesses betonte Kevin Reddington, dass Patrick Clancy auch ein Opfer sei und man dies im Sinn behalten möge. Im Verlauf der Verhandlungen gab es aber seinerseits nicht wenige Bemerkungen oder Aussagen, die Patrick Clancy in weniger gutem Licht dastehen liessen. So wurden seine vielen Abwesenheiten hervorgehoben, während seine Frau mit den gemeinsamen Kindern allein war (darunter ein zweitägiger Business Trip, ein Skiausflug, Brunch mit Freunden; alles in den Wochen vor der Tat, in denen es seiner Frau bereits nicht gut ging). Auch die Tatsache, dass ihm ausdrücklich gesagt wurde, seine Frau nicht mit den Kindern allein zu lassen, wurde belegt. Dass er dafür gar nicht zur Verantwortung gezogen wird, empört viele Menschen, die den Prozess verfolgen.
Manche von ihnen glauben, dass Kevin Reddington den Fall so drehen und präsentieren wird, dass nicht nur die Jury, sondern auch Lindsay Clancy selbst Zweifel daran bekommen könnte, ob sie die Tat wirklich begangen haben soll, weil es in der ganzen Geschichte zu viele Ungereimtheiten gibt, als dass die Schuld eindeutig ihr zugewiesen werden kann.
D: Die Vorgeschichte
Lindsay Clancy arbeitete als Hebamme und Pflegefachkraft im Schichtdienst. Die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach der Geburt ihrer Kinder und der damit verbundene Schichtwechsel machten ihr jeweils grosse Sorgen. Sie litt an Schlafmangel und machte sich sehr viele Gedanken über ihre Rolle als Mutter und das Wohlbefinden ihrer Kinder. Sie suchte deshalb im Vorfeld der Tat an verschiedenen Stellen psychologische und psychiatrische Hilfe.
Sie wurde an mehreren Stellen abgewiesen oder weitergeleitet, weil sie nirgends als so akut gefährdet eingestuft wurde, wie sie es wohl eigentlich gewesen wäre. Sie bekam verschiedene Medikamente verschrieben. Als ihre Gedanken immer zwanghaftere Formen annahmen, versuchte sie, sich in eine Mutter-Kind-Klinik einweisen zu lassen, wurde aber abgewiesen, weil sie bereits zu viele Medikamente nehme. Man gab ihr Hotline-Nummern mit, wo sie zweimal anrief. Auch dort kümmerte man sich nicht weiter um ihren Fall, weil sie zwar die dunklen Gedanken hegte, sich etwas anzutun, aber sich keinen konkreten Plan dazu gemacht hatte, in welcher Form sie das tun würde.
E: Die Diagnose
Wer es erlebt hat, weiss: Mit der Geburt kippt der ganze Alltag und plötzlich trägt man als Mutter eine Verantwortung, die sich unumkehrbar und dauerhaft anfühlt, für ein Wesen, das komplett auf einen angewiesen ist. Parallel dazu baut sich eine Bindung zum Baby auf, wie man zuvor vielleicht noch nie eine Bindung verspürte. Manchmal tauchen in den ersten Wochen Angstzustände, gedrückte Stimmung oder intrusive Gedanken auf. Kommen weitere Belastungen dazu, kann das die Psyche an ihre Grenzen bringen. Eine postnatale Depression zeigt sich oft durch innere Leere, ein Gefühl von Taubheit oder schlichte Überforderung. Manche Frauen spüren zusätzlich, dass sich keine echte Nähe zum Kind einstellen will, was so gar nicht zum allgemein verbreiteten Narrativ passt, dass dies die Zeit des grössten Glücks sein müsste. Und das wiederum kann massive Schuldgefühle auslösen; etwa die Angst, als Mutter zu versagen, oder die heimliche Befürchtung, dass man vielleicht besser gar keine hätte werden sollen.
Im Rahmen dieses Prozesses wurde mehrmals thematisiert, wie sehr Schlafmangel, dazu Schichtarbeit, die Verantwortung für drei Kinder unter fünf Jahren und eine postnatale Depression die mentale Gesundheit von Lindsay Clancy destabilisiert haben könnten – so sehr, dass daraus durchaus eine Psychose hätte resultieren könnte, die sie letztlich dazu bewegt haben könnte, ihre Kinder zu töten. Es ist eine Möglichkeit, dass Lindsay Clancy tatsächlich glaubte, ihren Kindern einen Gefallen zu tun, indem sie sie «zu Gott schickte», weil sie in diesem Moment glaubte, dass sie bei ihm sicherer seien als bei ihr.
Die Gegenseite argumentiert, dass sie alles geplant und ihren Plan innert kürzester Zeit umgesetzt habe, was gegen eine Psychose sprechen würde. Und ohne Psychose, so finden sie, sei Lindsay Clancy einfach eine Mörderin. Andererseits, erklären verschiedene Fachleute, definiert sich eine Psychose nicht dadurch, dass man keine Pläne mehr ausführen könne, sondern, dass man nicht mehr merke, ob ein Plan Sinn macht oder nicht.
Nach der Tat wurde bei Lindsay Clancy eine bipolare Störung diagnostiziert – eine formelle Diagnose der postnatalen Psychose erhielt sie hingegen nie, weder in Gerichtsdokumenten noch laut Aussagen der behandelnden Ärzte. Ihr Anwalt argumentiert deshalb mit einer undiagnostizierten postnatalen Psychose als zentralem Element der Verteidigungsstrategie.
Viele Menschen, darunter besonders auch betroffene Mütter, verfolgen den Prozess in der Hoffnung, dass Frauengesundheit und das Wochenbett aufgrund dieser Geschichte endlich die nötige Aufmerksamkeit bekommen, bevor nochmals so etwas Schlimmes geschieht.
F: Das Internet …
Im Netz mutierte Patrick Clancy innert kürzester Zeit vom Betroffenen zum Verdächtigen. Menschen weltweit verfolgen diesen Fall in einer Art forensischem Wahn und finden Tag für Tag neue vermeintliche Beweise und Hinweise, warum es eigentlich nur er gewesen sein kann, der die Tat beging oder zumindest involviert war. Denn warum soll er, der als erste und einzige unverletzte Person am Tatort ankam, wo alle anderen anwesenden Menschen tot oder schwer verletzt waren, nicht automatisch als verdächtig eingestuft werden? Warum sind nur seine Spuren an den Tatwaffen zu finden? Warum waren ihre Medikamente in seinem Auto? Warum sollte sich eine gelernte Krankenschwester so «ineffizent» das Leben nehmen? Warum behauptete er, er habe eines der Kinder versucht wiederzubeleben, aber als man es fand, lag es mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden? Wie kann es sein, dass die Mutter nach ihrem Aufprall tagelang nicht sprechen, aber ihm sagen konnte, was sie getan haben soll? Und warum ist der Nachbar, der Lindsay Clancy als erster im Garten hat liegen sehen und damit die vom Ehemann geschilderte chronologische Reihenfolge durcheinander bringt, inzwischen auch plötzlich verstorben? Akribisch und beflissen werden Indizien gesammelt, Aussagen verglichen, Körpertemperaturen berechnet, Blicke und Bewegungen gedeutet.
Oft wird beim Spekulieren auf den als Dokumentation verfügbaren Fall «American Murder: Die Bilderbuchfamilie» und den Mord an Shanann Watts und ihren beiden Töchtern durch ihren Mann Chris verwiesen. Dieser half der Polizei anfänglich ganz emsig beim Suchen seiner verschwundenen Familie, obwohl er ganz genau wusste, wo diese war, weil er sich ihrer selbst entledigt hatte, um mit seiner Freundin ein neues Leben beginnen zu können. Seit dem Erscheinen dieser Dokumentation ist ein Satz besonders häufig in den Kommentarspalten zu finden: «Nichts ist gefährlicher als ein Mann, der ein neues Leben beginnen will.» Die Parallele zu Patrick Clancy? Dass er nur kurze Zeit nach der Tragödie eine neue Partnerin fand (wenn er diese nicht gar schon während seiner Ehe gefunden hatte und sich deswegen für einen Job in New York beworben hatte, schon bevor die Tat passierte …).
G: … und die Empathie
Es ist zugegebenermassen verlockend, sich diesen Theorien und Fährten hinzugeben, allein schon, weil man sich als Mutter zumindest in Teilen von Lindsay Clancy wiedersieht. In den Notizen ihres Telefons fanden sich nicht die Gedanken einer einzelnen Frau, sondern Gedanken, wie sie jede Mutter vielleicht schon hatte. Sie schrieb von ihrer Müdigkeit, vom Gefühl zu ertrinken und von der Angst abzustillen. Sie schrieb auch, dass sie spüre, dem dritten Kind nicht gleich viel Aufmerksamkeit schenken zu können, wie ihr das noch bei den beiden anderen gelungen sei. Sie notierte, dass sie dies den anderen beiden Kindern manchmal ungerechterweise verüble. Sie zweifelte daran, ob sie immer alles richtig mache oder ob sie schon fast zu viel über Kindererziehung gelesen habe, um es noch überhaupt noch richtig machen zu können.
Eine weitere Welle der Solidarität rollte ausserdem durch die Kommentarspalten, als Videomaterial von der Überwachungskamera eines Museums gezeigt wurde. Auf dem Video war Lindsay Clancy in einer Ausstellung zu sehen, mit der einen Hand den Kinderwagen ziehend, vorne angeschnallt das jüngste Kind und die beiden Kleinkinder in ihrer Nähe, wie sie an einem Automaten etwas anschaute, um einem der Kinder etwas zu zeigen. Lindsay Clancy war nicht allein im Museum: Ihr Mann stand einfach nur etwas abseits, mit verschränkten Armen, völlig unbeteiligt, während sie sich um alles allein kümmerte. «Classic manipulator», «Oh look, another married single mom!» und ähnlich lautete der Tenor unter dem Video. Und so führt auch da der eine Kommentar zur nächsten Beobachtung und diese zum nächsten vermeintlichen Indiz, und es geht weiter mit der kollektiven Suche nach der eigentlichen Schuld, weil man immer weniger glauben möchte, dass die Frau mit den dunkelsten Augen zum Tatzeitpunkt tatsächlich schuldfähig gewesen sein könnte.
Und das ist gleichermassen solidarisch und gut, aber irgendwie auch sehr bedauerlich, denn der Fall könnte dazu dienen, den Fokus so vehement wie sonst selten möglich auf Themen wie postnatale Depressionen und Mental Load zu legen. Und so gesehen ist es schade, wenn die «TikTok detectives» mit ihren Theorien diese Chance verwässern.
(But then again: Was, wenn er wirklich mehr damit zu tun hat und er gar nicht Opfer, sondern selbst Täter ist und sie, gleichzeitig mit uns, die zuschauen, mit jedem Tag mehr realisiert, dass sie nicht die Täterin gewesen sein kann, dann werden wir eines Tages die selbst ernannten «internet detectives» noch loben.)
H: Die Tragik und das 🐰🕳️
Egal, wie die Jury jetzt entscheidet und was weiter passiert: Selbst wenn Lindsay Clancy für nicht zurechnungsfähig erklärt wird und nicht ins Gefängnis muss: Von ihrer Ehe ist nichts mehr übrig. Sie hat all ihre Kinder verloren. Sie ist gelähmt, hat Schmerzen und trägt eine untragbare Last. Ihr Anwalt sagte über sie, sie habe «bad and worse days», also schlechte und schlechtere Tage.
Und ihre schwarzen Augen erzählen davon, ohne dass sie ein einziges Wort sagen muss. Sie schaut, als wäre sie ganz woanders. Aber wie soll sie auch schauen, wenn all ihre Kinder tot sind? Und wie, wenn sie weiss, dass sie selbst sie getötet hat? Und wie anders, wenn sie nicht mehr weiss, dass sie sie getötet hat, sie aber trotzdem tot sind? Und wie, wenn das ganze Internet ruft: Du warst das doch gar nicht, er war es? Wie anders als so, wie sie aus diesen Augen schaut, soll man denn in so einem Fall überhaupt noch aus Augen schauen? Wie soll man jemals wieder auf irgendwas schauen in diesem Leben? All das und mehr frage ich mich und falle tiefer und tiefer in dieses Rabbit Hole.
Dieser Fall ist unbestritten brutal und kein Urteil bringt die drei unschuldigen Kinder zurück. Es geht um Schuld und Verantwortung, aber nicht nur um diejenige einer Einzelperson, es geht nicht allein um Lindsay Clancy. Es geht um Mütter. Es geht um die Gesundheit von Frauen. Um die Unterstützung im Wochenbett und die psychische Gesundheit von Eltern und Familien überall. Im besten Fall bietet diese Tragödie Anstoss, an einer Welt zu arbeiten, in der Mütter sich gesehen, unterstützt und sicher fühlen – und in der niemand im Stillen leidet. Eine Welt, in der Kinder vor solchen Taten geschützt werden können.
24 Stunden später als zu Beginn dieses Textes räume ich wieder das Frühstück ab, das Handy quer, angelehnt am Teekocher. Heute sollen die Schlussplädoyers stattfinden. Die Stimme des Anwalts ist mir schon ganz vertraut. Ich muss hier wirklich bald rauskraxeln, sonst werd ich noch verrückt.
