Wieso es sich lohnt, öfter über den Tellerrand zu schauen
Meine letzte Mai-Woche war wild: Ich feierte die Dernière meines Bühnenprogramms und veranstaltete ein grosses Fest für und mit fast 800 Frauen. Kind 1 hatte eine grosse Prüfung und Kind 2 eine Aufführung, die ich nicht verpassen wollte. Ausserdem hielt ich (als sehr unreligiöse Person) eine Rede in einer Kirche. Und nicht nur das, die Rede war musikalisch umrandet von einer Bach-Kantate (und ich referierte dazu als Person, die nur deswegen je ein Instrument lernte, weil sie fälschlicherweise geglaubt hatte, man könne per Klarinette mit Delfinen kommunizieren, was sich aber leider relativ bald als Fehlannahme entpuppte).
Entsprechend dachte ich in den letzten schlaflosen Nächten vor allem über meine Rede nach. Ich war darum ein bisschen aufgeregt, weil ich mich in diesen E-Unterhaltungsgefilden immer etwas fehl am Platz fühle. Ich kann mit dieser grossen Ernsthaftigkeit einfach immer nicht so gut umgehen. Ausserdem ist mein Bezug zur Kirche maximal vier Hochzeiten und ein Todesfall (ja, ich meine den Film).
Ich entschied mich also nach viel gedanklichem Hin und Her, am Anfang meiner Rede einfach zuzugeben, dass Klassik, Kirche und vor allem Kleidung ohne Falten und Flecken nicht unbedingt meine Welt sind. Manchmal ist es ja aber auch gar nicht verkehrt, zu spüren, dass man irgendwo nicht einfach ganz mühelos dazugehört, denn es macht einen unsicher.
Unsicherheit ist vielleicht nicht immer gesund, aber im richtigen Masse macht sie demütig dem Leben gegenüber, weil sie zeigt, dass man nie alles weiss.
Es gibt ihn zwar, in verschiedenen Versionen, den Menschen, der alles zu wissen glaubt und dann am lautesten ruft: «I CAN ENGLISH! I CAN EVERYTHING!» Er ist aber mit Sicherheit der, der weder Englisch noch alles kann.
Das Einzige, was ich zu wissen glaube, ist, dass ein einziges Leben niemals ausreichen wird, alles zu wissen und zu kennen (und dass wir das erste Mal alle kollektiv falsch abgebogen sind, als wir lieber Dylan statt Brandon wollten, aber das ist eine sehr andere Geschichte).
Denkt man diesen Gedanken (ohne Beverly Hills) weiter, bedeutet das: Auch alle anderen können nicht alles wissen. Und aus genau diesem Grund könnte man doch eigentlich schlussfolgern, dass man Unsicherheit immer durch Neugier ersetzen dürfte. Würde ich das Publikum aus der Kirche zu 90er-Sitcoms, Überleben mit nur fünf Stunden Schlaf oder Taylor-Swift-Lyrics befragen, wären sie die Unsicheren, aber ich deswegen ja nicht gegen sie; wir hätten einfach nur die Rollen getauscht.
Mein Normal ist meins.
Und deins ist deins.
Ich bin aufgewachsen mit einem muslimischen, gläubigen Vater und einer Mutter, die immer schon lieber an sich selbst glaubte als an irgendeinen Mann, egal ob dieser Mann im gleichen Haus wie sie oder im Himmel wohnte. Mein Vater war romantisch. Meine Mutter pragmatisch. Meine Mutter erzählt die Wahrheit. Und mein Vater lieber die bestmögliche Version davon. Seine Lebenseinstellung war: «Nur weil etwas nicht richtig ist, ist es noch lange nicht falsch».
Das klingt fast philosophisch, bezog sich aber vor allem darauf, wie weit er bereit war, Deutsch zu lernen. Nämlich nur bis zu einem gewissen Punkt – und ab diesem hiessen die Dinge dann so, wie er es für richtig, wenn nicht sogar fast besser, empfand. Auch nach 20 Jahren in der Schweiz hiess diese für ihn drum noch immer ganz selbstverständlich Suisland. Seinen Lieblingsfussballer Miroslav Klose nannte er Mister Klaus und konnte gar nicht verstehen, wenn jemand nicht wusste, wen er damit meinen könnte.
All dies ist die Eigenart von jemandem, der vielleicht nicht ausgerechnet eine Lehrerin hätte heiraten sollen. Aber wir wissen: Die Liebe ist die Liebe, und selbstverständlich wurde eine Lehrerin geheiratet, deren Philosophie ziemlich nah bei «richtig ist richtig, und falsch ist falsch» lag. Und hier sind wir nun.
Dieses Aufwachsen zwischen zwei Welten – die wohlgemerkt noch in vielen anderen Punkten sehr gegenteilig waren – brachte mir vor allem eine sehr wichtige Einsicht: dass das Normal des einen nie das Normal des anderen ist. Und dafür muss nicht eine Person aus Nordafrika stammen und die andere aus dem Kanton Zürich (denk mal nur an deinen Bruder oder an deine Schwester: Selbst wenn man als Geschwister aufwächst, mit denselben Eltern im selben Haushalt und relativ ähnlichen genetischen Voraussetzungen, noch nicht mal dann ist für beide dasselbe normal).
Mein Normal ist vier Stunden pro Tag in mein Handy tippen und das Arbeit nennen dürfen (ich schreibe alles in der Notizen-App). Mein Normal ist, aus Angst nie Auto fahren gelernt zu haben. Es ist aber auch die Freude an Baumkronen, Himbeeren mit Schokoladenüberzug und daran, stundenlang mit meinen Kindern zu plaudern. Es sind ein paar gute und ein paar sehr dumme Entscheidungen und vielleicht ein bis zwei dunkle Geheimnisse.
Mit diesem Rucksack spaziere ich durch die Welt. Um zu verstehen, was das Normal der anderen ist, die mir auf verschiedenen Wegen mit ihren Rucksäcken begegnen, muss man seine Komfortzone verlassen, vielleicht neue Ansichten kennenlernen. Es ist ein Prinzip, von dem ich immer meine, es müsste doch eigentlich allen sofort einleuchten. Aber eben: Mein Normal ist nicht automatisch dein Normal, und nur weil ich etwas einleuchtend finde, muss das niemand sonst auch automatisch so empfinden.
Und nicht jeder Mensch möchte aus seiner Welt. Ich möchte das auch nicht jeden Tag. Manchmal bin ich lieber in meinem Schneckenhaus (und bleibe extra 30 Sekunden länger im Waschraum, nur um im Treppenhaus niemandem Hallo sagen zu müssen). Denn Unsicherheit in Neugier umzuwandeln, braucht auch eine gewisse Kraft.
Von Affen und Rehen
Alles, was wir denken und erfassen können, muss in der Sprache ausgedrückt werden. Fehlen uns die Worte oder Begriffe, fehlt uns auch das Verständnis für diese Konzepte, was den Horizont unserer Welt definiert. Aus meinem Studium blieb mir am meisten dieser Satz:
Mein Vater und ich sprachen nicht dieselbe Muttersprache. Er lernte meine Muttersprache nur bis zu einem gewissen Grad. Und ich sprach seine Sprache noch weniger gut als er meine. Deshalb gab es viele Dinge, die er an mir und ich an ihm nie verstand. Das führte natürlich unweigerlich zu vielen Missverständnissen, manche davon tragisch, viele davon lustig.
Eins meiner liebsten ist, dass ich lange Jahre dachte, mein Vater wäre der Ansicht, dass ich als Baby aussah wie ein Affe. Denn über meine Geburt sagte er zu anderen stets: «For me it was glich she looked like Aff.» Ich nahm das immer leicht konsterniert zur Kenntnis, weil ich mich auf den Babyfotos eigentlich gar nicht so affig fand.
Viele Jahre später hörte ich in einem Kurs von einem arabischen Sprichwort, das übersetzt bedeutete: «Selbst für die Mutter des Affen sieht ihr Kind aus wie das eines Rehs».
Und da sass ich nun in diesem grell beleuchteten Kursraum zwischen lauter fremden Menschen und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Das hatte er immer gemeint: Ich sah nicht aus wie ein Affenkind, sondern er war einfach nur froh, dass ich da war, ganz egal, ob Affe oder Reh.
Wie viele andere Dinge zwischen uns blieben wohl unaufgeklärt, aus Unwissen? Und wie viele Dinge auf der ganzen Welt bleiben genauso unaufgeklärt, ungesagt, unentdeckt, aus Unwissen – oder aus Unsicherheit, weil man sich nicht traute, einen Schritt auf jemand anderen zuzugehen? Weil man sich eben nicht traute, über den Tellerrand zu schauen, in die andere Welt? Würden wir das alle öfters tun, ein bisschen mehr nachfragen, ein bisschen besser hinschauen und zuhören, so würde sich Unsicherheit vielleicht öfters in Neugier verwandeln statt in Aggression und Ablehnung – und vielleicht würde sogar eine gewisse Offenheit wieder zum Normal?
Denn wir sind alle anders. Aber dann doch nicht so unterschiedlich, als dass einer von uns so gut oder schlecht wäre, dass er kein Mensch mehr wäre? Wir sind alle nicht allein, nicht in unserer Seltsamkeit, aber eben auch nicht in unserer Aussergewöhnlichkeit. Drum glaube ich, wir könnten uns einander zumuten. In unsicher. In neugierig. Als Affe oder Reh.
♥️
PS: Das Kirchenpublikum war ganz froh über diese Affenanekdote, weil sie so «schön unintellektuell» war. Abnormal, quasi.
