Petting oder lieber Schiessen im Wald?
Die erste Oberstufe ist ja in Liebesdingen ein seltsames Vakuum: Manche Mädchen sehen schon fast aus wie fertige Frauen, während einige der Jungs noch immer daherpurzeln, als wären sie 9 Jahre alt. Trotzdem muss man aber innerhalb dieser ganz spezifischen Mikro-Bevölkerungsschicht Pärchen bilden, wenn man denn in diesem Lebensabschnitt Teil eines heteronormativen Pärchens sein möchte. Denn wieder nach unten in die Primarstufe daten, das geht nicht. Und aus den höheren Oberstufen-Klassen interessiert sich aus Prinzip noch niemand für dich, weil sich alle noch zu gut daran erinnern, wie du vor den Sommerferien noch mit dem viereckigen Biene-Maja-Thek und deinem Znüniböxli über den Pausenplatz schlurftest, auch wenn du dir das während der letzten Wochen vor Beginn der Oberstufe hart abgewöhnt hast.
Es ist sich nun also zu arrangieren, und zwar innerhalb dieser nach Aknecrème und fehlendem Deo riechenden Kaste.
Die Auswahl möglicher Partner in unserer Klasse war überschaubar (wir befinden uns ca. im Jahre '94): Faserpelz und Levi's gaben sich modisch die Klinke in die Hand, da war viel Velohelm und Invicta, Guns'n'Roses, auf den Köpfen Mittelscheitel oder undefinierbares Ghoisch, hie und da noch eine engagierte Vereinsmitgliedschaft (Jugi, Chüngeli, Hockey, Pfadi). Es gab Sportler, Scheidungskind, Bauernsohn oder Nerd.
Und weil man liebt, wen man liebt, entschied ich mich für die Kombination aus Mittelscheitel + Scheidungskind + Guns'n'Roses. All das zusammen ergab Benjamin.
Benji und ich waren der Inbegriff eines solch ungleichen Pärchens. Ich war gross, er war klein, ich war braun, er fast durchsichtig. Proportionsmässig würd ich sagen, war er als Ganzes ungefähr so schwer wie mein linker Oberschenkel. Ich war überangepasst und er immer frech, und ich starb tausend Tode, wenn er während der Schulstunde wieder viel zu auffällig irgendwelche mit Totenköpfen und Herzli vollgekritzelten Zetteli in meine Richtung warf (aber natürlich erwartete ich die Nachrichten gleichermassen sehnsüchtig. IYKYK).
Wenn wir zusammen von der Schule heimfuhren und es wegen der wortreichen Verabschiedung an der Weggabelung vor unserem jeweiligen Dorf später wurde, als es hätte werden dürfen, fühlten wir uns wie Bonnie und Clyde und winkten uns von den sich scheidenden Velowegen noch so lange zu, bis wir nur noch zwei Pünktli im ruralen Nichts waren.
Wenn ich heute unsere Passfotos anschaue, muss ich mir eingestehen, dass wir von aussen betrachtet wenig mit einem leidenschaftlichen Ganovenpärchen gemein hatten. Viel eher sah ich aus wie eine frisch geschiedene Spanischlehrerin, die ihren Schüler entführt hat.
Auch inhaltlich mussten wir uns irgendwie annähern. Sein Hobby war drum: im Wald schiessen und derweil geklaute Zigaretten rauchen. Und ich lernte gern Voci und wünschte mir heimlich, wir könnten die Dinge ausprobieren, von denen ich im «Bravo» gelesen hatte. Und weil sich diese Freizeitaktivitäten nur bedingt mischen liessen, mussten wir etwas finden, was uns beiden Spass machte. Also gingen wir einmal pro Woche an unserem freien Nachmittag zusammen in die Stadt, machten erst Passfotos und gingen dann in ein kleines Krimskramsgeschäft.
Annapurna war ein Laden, den wir wieder und wieder durchstöberten. Das Angebot bestand vor allem aus Räucherstäbchen, Aladinhosen, Peru-Mützen und allerlei Klimbim für Setzkästen.
Benji ärgerte mich immer wieder mit einer kleinen Walnuss, die man aufklappen konnte: Auf einer Sprungfeder war darin eine schwarze Spinne angebracht, die einem entgegenspickte und ihre dünnen Gruselbeine bewegte, wenn man die Nuss öffnete. Das erste Mal wurde ich richtig wütend, weil ich mich so erschreckt hatte, als er mir das Ding unter die Nase hielt. Ich mag keine Spinnen; noch nicht mal als Scherzartikel. Benji fand es wahnsinnig lustig, wie nicht lustig ich es fand.
Vielleicht war es nach diesem Nachmittag, an dem ich mir abends beim Einschlafen zum ersten Mal wünschte, dass jemand aus den oberen Klassen mich bemerken möge.
Ein paar Monate und Ladenbesuche vergingen. Irgendwann hatte ich Geburtstag und Benji schenkte mir ein Kuvert mit einem Kinogutschein drin. Natürlich nicht, ohne den Umschlag noch mit der doofen Nuss aus dem Geschäft zu verzieren. Ohne sie zu öffnen, schaute ich ihn nur an und grinste. Und er grinste zurück.
Ich so: 😏
Er so: 😊
Wir gingen noch am selben Nachmittag ins Kino. Nicht viel später trennten sich aber unsere Wege: Benji kam in eine andere Klasse. In diesem Alter wandelte dieser Umstand eine egal wie grosse Liebe in erstaunlicher Geschwindigkeit in unüberbrückbare Differenzen um, was eine Fortsetzung der Beziehung natürlich unmöglich machte.
Es ist noch nicht so lange her, da ich nach einem Umzug in eine neue Wohnung in meiner Briefkiste herumgrub, bevor ich diese im Keller verstauen wollte. Da begegnete ich der aufklappbaren Nuss wieder. Ich verzog den Mund erst in die eine und dann in die andere Richtung, denn ich öffnete erstmals die Schale und darin war – ein Ring.
PS: Diese kleine Lektion in Demut erzähle ich, weil ich in meiner letzten Kolumne (in the name of not Überschreitung the maximalen Zeichenanzahl und im Rahmen meines Steckbriefs) eine Randnotiz ausgelassen habe. Ich sprach dort über meine Untalente und in diesem Zusammenhang darüber, dass schlechtes Schlaf-Management und Orientierungslosigkeit wenigstens nur mir und niemand anderem weh tun, aber dass es durchaus auch Dinge gäbe, die ich tue, die anderen Menschen weh tun. Dazu gehört, dass ich recht oft meine, dass ich Leute besser kenne als sie sich (Und ich bin so eine elendige Besserwisserin in diesen Dingen. Selbst wenn ich es zugebe, kann ich diese eine Stimme in meinem Kopf nicht ausmachen, die mir während des Geständnisses zuraunt: «Aber du kennst die Menschen doch auch tatsächlich besser als sie sich selbst selbst: Es ist deine geheime Gabe!»).
Aber eben. Manchmal kommt dann das Leben um die Ecke gedonnert und macht einen wieder demütig. Als Veranschaulichung drum obiges Beispiel aus meinem adoleszenten Liebesleben.
PPS: Grüsse an Benji (der natürlich nicht Benji heisst).
❤️
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