Zu Trumps Adlaten gehören christliche Hardliner, die vom Gottesstaat träumen
Vor den letzten Präsidentschaftswahlen in den USA 2024 rätselten viele Medien, wie gross der Einfluss strenggläubiger Christen sein wird. Die meisten Kommentatoren waren sich einig, dass ihnen die Rolle der Königsmacher zukommt. Entsprechend biederte sich Donald Trump, der wohl mehr zur Kategorie der Sünder als der Heiligen gehört, bei den Evangelikalen und fundamentalistischen Katholiken an. Wie wir wissen, ging seine Rechnung auf.
Bei den bevorstehenden Midterm-Wahlen spielen die christlichen Wählerinnen und Wähler ebenfalls eine zentrale Rolle, doch sie werden weniger oft thematisiert als vor zwei Jahren. Man kennt inzwischen ihren Machtfaktor und weiss, dass die meisten weiterhin hinter Trump stehen.
Religiöse Posen
Hingegen tritt der Glaube von Trumps Adlaten zunehmend in den Fokus. Obwohl man Trump die religiösen Posen nicht recht abnimmt, fällt doch auf, dass er strenggläubige Christen in sein Kabinett aufgenommen hat. Diese zelebrieren ihre christliche Gesinnung hemmungslos in der Öffentlichkeit.
Sie benutzen ihre Popularität und ihren politischen Einfluss, um sich bei den christlichen Wählenden anzubiedern und Werbung für ihren Glauben zu machen. Manche träumen sogar von einem Gottesstaat light und arbeiten in ihrem Amt darauf hin. Ungeachtet dessen, dass die Trennung von Kirche und Staat in den USA ein wichtiger Pfeiler der Verfassung ist. Oder eben war.
Die religiösen Attitüden von Donald Trump sind hinlänglich bekannt. Er hatte dafür gesorgt, dass sich die meisten christlichen Fundamentalisten seiner MAGA-Bewegung angeschlossen haben. Obwohl er einst ein ausschweifendes Leben geführt hatte, äussert er sich heute kritisch zur Abtreibung.
Hatte er sich früher für die Wahlfreiheit der Frauen ausgesprochen, vollzog er vor seiner ersten Amtszeit aus wahltaktischen Gründen eine Kehrtwende hin zu einer strikten «Pro-Life»-Haltung . Mit Segnungen durch evangelikale Pastoren im Weissen Haus zelebriert er heute seinen angeblichen Glauben medienwirksam.
Im Vergleich zum christlichen Rammbock Pete Hegseth ist Donald Trump jedoch ein Bleichgesicht. Der martialische Verteidigungsminister taufte sein Amt in ein Kriegsministerium um. Entsprechend pflegt er sein Image als Kriegsgurgel.
Stolz zeigt er in einem auf Social-Media-Plattformen verbreiteten Video seinen muskulösen Oberarm, auf den er den lateinischen Wahlspruch «Deus vult» tätowieren liess. Übersetzt: Gott will es. Und auf der Brust prangt ein grosses Kreuz. Beide Tattoos sind gängige Symbole für die christlichen Kreuzzüge.
Seine Rhetorik ist entlarvend: «Unser Departement zieht die Rüstung Gottes an. Während wir Krieg führen, wissen wir alle, der eigentliche Kampf ist spirituell.» Seine Aussagen beendete er in einer SRF-Reportage von Peter Düggelin mit einem «Amen». Hegseth scheut sich auch nicht, seine politische Arbeit nach religiösen Kriterien zu gestalten. Sie als christlich zu bezeichnen, ist allerdings ein Hohn.
Um seinen Glauben zu dokumentieren, lud Hegseth den fundamentalistischen Pastor Douglas Wilson ins Pentagon zu einer Gebetsveranstaltung ein. Der christliche Nationalist fordert mehr religiösen Einfluss auf Staat und Gesellschaft. Er will, dass Frauen schweigen. Konsequenterweise möchte er ihnen das Stimmrecht entziehen. Homosexualität deklariert er als Sünde, die Abtreibung will er abschaffen.
Der Geistliche geht noch weiter. Er hat ein evangelikales Netzwerk aufgebaut, um den politischen Einfluss im christlichen Sinn voranzutreiben. In einem TV-Beitrag sagte er: «Ich wünsche mir eine christliche Stadt, einen christlichen Bundesstaat, eine christliche Nation und eine christliche Welt.» Hegseth ist Mitglied seiner Glaubensgemeinschaft.
J. D. Vance konvertierte
Zu den radikalen christlichen Aktivisten gehört auch Vizepräsident J. D. Vance. Er konvertierte vom Atheisten zum glühenden Katholiken und will seinem Land ein christliches Konzept überstülpen. Er glaubt, dass der moderne liberale Staat moralisch zerfällt. Deshalb träumt er von einer moderaten Form des Gottesstaates, in dem Gewaltenteilung und Unabhängigkeit der Justiz eingeschränkt sind.
Der stramme Katholik Vance hiess den Krieg seines politischen Vorgesetzten Trump gegen den Iran gut und rief damit seinen geistlichen Chef auf den Plan: Papst Leo XIV. wehrte sich gegen die Vorstellung der US-Regierung, es handle sich um einen gerechten Krieg.
Vance verwandelte sich nach seiner Konversion vom entschiedenen Kritiker Trumps zu seinem glühenden Verehrer. Der US-Präsident belohnte seine Kehrtwende, indem er ihn zu seinem Stellvertreter machte. Vance verdankt seine politische Karriere weitgehend seinem Mentor Peter Thiel.
Der Tech-Milliardär, erzkonservative Katholik und ideologische Taktgeber der rechtsradikalen Elite unterstützte Vance mit Millionen von US-Dollar bei seiner Wahl zum Senator und empfahl ihn später erfolgreich bei Trump.
Gläubige Minister
Zur strenggläubigen katholischen Fraktion gehören auch Aussenminister Marco Rubio, Verkehrsminister Sean Duffy, Gesundheitsminister Robert F. Kennedy und Bildungsministerin Linda McMahon. Die Heimatschutzministerin Kirsti Noem, Stabschefin Susie Wiles und Paula White, Leiterin des von Trump geschaffenen Glaubensbüros, gehören evangelikalen Kirchen an.
Für die christlichen Nationalisten und hochrangigen Mitglieder der aktuellen US-Regierung sind Demokratie und Menschenrechte Auslaufmodelle, die die politische Entwicklung und den notwendigen Einfluss des christlichen Glaubens behindern. Trump demonstriert dies, indem er das Repräsentantenhaus oft mit seinen Dekreten ausschaltet, Verfassung und Gesetze missachtet und Justizentscheide nicht akzeptiert. Dies führt zu einem rasanten antidemokratischen Umbau des US-Staates.
Wer Trump und seinen radikalen christlichen Adlaten argumentativ den Spiegel vorhält, wird pauschal als Kommunist gebrandmarkt. Gleichzeitig biedert sich Trump beim obersten Kommunisten Wladimir Putin an, der die ganze Machtfülle auf sich vereint, von der Trump träumt. Sein Neid auf die Diktatoren Putin, Xi Jinping und Kim Yong-un ist offensichtlich.
Egozentrisches Machtgebaren
Die christlichen Hardliner in der US-Regierung tragen zwar die Bibel vor sich her, pervertieren aber die christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Ihre Ideen und ihr Verhalten sind geprägt von einem egozentrischen, narzisstischen und raffgierigen Machtgebaren.
Sie treten als gnadenlose Weltpolizisten auf, die alle unterdrücken und verbal niedermachen, die sich ihnen nicht unterwerfen. Sogar im eigenen Land. Sinnbildlich sind die Verfolgungsjagden auf unschuldige Ausländer, die sich jahrelang für einen Hungerlohn abrackerten und viel zum wirtschaftlichen Erfolg der USA beigetragen haben.
Bei aller Pervertierung des christlichen Glaubens durch politische Machtträger bleibt ein Trost: Auch in den USA sank die Zahl der weissen evangelikalen Christen von 23 Prozent im Jahr 2006 auf 13 Prozent im letzten Jahr.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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