Welcher Habasch hat sich die Frühstunde ausgedacht?
Heute ist Donnerstag. Und das ist in meinem Fall immer schön, weil es bedeutet, dass gestern vorbei ist. Kein anderer Tag in meiner Woche als Mutter ist so streng wie Mittwoch. Da sind alle Hobbys, viele (eigene und andere) Kinder, überall Begegnungsorte mit anderen Eltern, soziale Interaktionen, Small Talk, ÖV, Ufzgi, Notenmäppli, Zmorge, Znünibox, Zmittag, Zvieri, Znacht. Und wenn ich alles pünktlich hinbekomme, schaue ich um 19.30 Uhr zur Belohnung im Gemeinschaftszentrum nebenan als müder Hund herunter auf eine Yogamatte.
Je nach Stresslevel kommt einem das Elternsein an solchen Tagen vor wie eine fast unbewältigbare Aufgabe. Aber man lernt; Schritt für Schritt. Und irgendwann geht's. Das streng gehütete Geheimnis ist, dass man dies einfach niemals laut aussprechen darf. Tut man das, betritt sofort das Universum die Bühne und schmeisst einem einen zusätzlichen Jonglierball zu und schaut schadenfreudig dabei zu, wie man denn nun unter diesen neuen Umständen das Elternsein performt.
🤹🏻♀️ Da nimm, Magen-Darm-Grippe!
🤹🏽♂️ Uepa, probier mal mit gestorbenem Haustier!
🤹 Uuund jetzt alles noch mit Pubertätshormonen!
Auch ein solch unerwartet zugespielter Jonglierball ist die Frühstunde. Irgendein MOFO (ugs. für hämischer Keks) hat sich überlegt, dass das doch eine tolle Idee sein könnte: Sobald du endlich verinnerlicht hast, wer an welchem Tag welchen Sack für welche Aktivität dabeihaben muss, wer wann wo länger bleibt und was immer freitags zu bedenken ist, kommt die Frühstunde in dein Leben. Dann beginnt die Schule statt um 8.20 Uhr einmal pro Woche einfach schon um 7.30 Uhr. Aber nicht, wenn die Kinder noch klein sind und sowieso schon um 6 Uhr parat für den Tag neben deinem Bett stehen und in dein Gesicht atmen. Nein, lieber in der vierten oder fünften Klasse erst, wenn sich die Pubertät und die damit verbundene Müdigkeit schon anpirschen und niemand mehr freiwillig eine Minute früher als nötig aufstehen möchte.
Die Schweiz ist ein Frühstundenflickenteppich
Im Kanton Zürich können Lektionen bereits um 7:30 Uhr beginnen (man will es nun aber wegen biologisch nachgewiesener Müdigkeit für die Oberstufe doch wieder abschaffen). 7:30 ist so früh, dass es im Winter um die Zeit, wenn die Kinder das Haus verlassen müssen, genauso dunkel ist wie um Mitternacht.
Niemand käme jedoch mitten in der Nacht auf die Idee, seine Kinder mit viel Glück und einer Brotdose bewaffnet in die Kälte rauszuschubsen.
Basel dient in der Debatte oft als Gegenmodell, denn dort beginnen die Schulen vielerorts später als die Zürcher Frühstunden. Würd die Schule wenigstens durchgehend so früh anfangen, könnte sie dafür am Nachmittag regelmässig früher aufhören. Oder man könnte seinen eigenen Wochenrhythmus danach richten. Aber einfach an ein bis zwei Morgen und in jedem Semester wieder anders? Niemand kann doch damit was anfangen? An einer Oberstufe im Kanton St.Gallen können Jugendliche freiwillig schon um 7:30 Uhr kommen, der Pflichtunterricht beginnt aber erst um 8:30 Uhr (laut Berichten wählen rund 95 Prozent den späteren Start). Die Unterschiede erschliessen sich mir nur bedingt, hängen wohl aber oft mit Stundenplänen, Schulbussen, Sportanlagen, Mittagspausen und Betreuungsangeboten zusammen. Soweit die Fakten.
Aber jetzt zum Gefühl.
Vorhang auf!
Ein Drama in drei Akten, dem Drama zuliebe an einem Wintermorgen.
Akt I
(Zoom auf ein einzelnes, beleuchtetes Fenster irgendwo am Zürcher Stadtrand, es ist 6 Uhr.)
Eine Mutter sitzt am Bett ihrer 10-jährigen Tochter und streicht ihr über den Kopf. «Ufstah, Tuggtugg. Hüt isch Früehstund», sagt sie lieb und sanft und (ungelogen) 31 Mal.
Um 6:15 moderiert die Mutter an, dass sie nun das Frühstück zubereiten und in fünf Minuten wieder da sein werde, weil dann, um 6:20, tatsächlich unter der Decke hervorgekrochen werden müsse.
Da plötzlich, mit einer Art aggressiver Matratzenwelle springt das Kind wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett, fuchsteufelswild. «Zwänzg ab?!» schreit es der Mutter aus einem Zentimeter Entfernung ins Gesicht, diese Weckzeit sei absolut falsch und richtig dumm. Schnaubend stiebt das Kind davon. Die Mutter schlarpt in die Küche.
Akt II
(Ein offener Türspalt gewährt Einblick in ein Badezimmer, wo ein Kind sich mit negativ energiegeladenen Bewegungen die Haare bürstet.)
Die Mutter betritt das Bad und erkundigt sich, ob man nun gemeinsam frühstücken möchte.
Kind: «Ich chan nüt ässe, will du mich so spat gweckt häsch.»
Mutter: «Es langt imfall no ganz guet.»
Kind: «Nei. Ich han Chnöpf. Und ich chan d Haar nöd strähle, wänn du da bisch.»
Mutter: «Hä, wieso?»
Kind: «Will du nervsch.»
Mutter (jetzt auch genervt): «Chäntsch au eifach d Haar schnäller strähle statt mir d Schuld gäh für dis Tempo.»
Kind: «Nei. Will ich han ja ebe Chnöpf.»
Mutter: «Ja und? Ich au.»
Wie ein Derwisch zeigt nun eine Mutter am Zürcher Stadtrand ihrer Tochter vor, wie schnell man sich die Haare bürsten könnte, wenn man denn wollte.
Das Kind schaut unbeeindruckt zur Seite. Es ist 6:30. Eine Bürste fliegt zurück in ihren Korb. Eine zweite folgt aus anderer Richtung. Eine Mutter geht demonstrativ zurück ins Bett. Ein Kind setzt sich an den gedeckten Frühstückstisch und frühstückt dort (fröhlichst!) mit seinem Vater.
Akt III
(Eine eisige Strasse im Dunkeln, darauf schemenhaft die Umrisse zweier Figuren, es ist 7 Uhr.)
Eine Mutter und ihre Tochter stapfen am Stadtrand Richtung Schulhaus.
«Tschuldigung», sagt jemand ins Dunkel des Morgens.
«Ja, au», antwortet jemand anders.
«Aso bis später, Tuggtugg», murmelt eine Mutter.
Ein Augenaufschlag, Kind ab. Mutter nach Hause. Der Rest des Tages beginnt.
__
PS: Allen, aber vor allem den Tuggtuggs und deren Eltern einen besonders guten Start in den Tag heute. ♥️
