Pawel Durow ist so etwas wie der russische Elon Musk. Ein Techmilliardär, der über Leichen geht.
Wie der 53-jährige Musk gebärdet sich der 39-jährige Durow in seinem eigenen Social-Media-Unternehmen als Alleinherrscher, der alle wichtigen Entscheidungen trifft. Das heisst, er trägt die volle Verantwortung.
Telegram und X (Twitter) weisen erschreckende Parallelen auf. Es sind die bevorzugten Plattformen von Demokratiefeinden und Kriminellen jeglicher Art und eine grosse Gefahr für die Gesellschaft.
Doch nun haben die Franzosen geschafft, was Justizbehörden in vielen anderen Ländern – darunter die Schweiz – gar nicht erst versuchten. Sie ziehen den sanft lächelnden, unglaublich rücksichtslosen Unternehmer mit rechtsstaatlichen Mitteln zur Rechenschaft.
Ich bezeichne Telegram hier bewusst nicht als Messenger-Dienst und schon gar nicht als sicheren: Denn Durow hat aus dem ursprünglichen Chat-Dienst so etwas wie ein Darknet für Halbstarke gemacht. Mit grossen Abstrichen bei Datenschutz und Verschlüsselung.
Der renommierte Informatik-Professor Matthew Green brachte es auf den Punkt:
In diesem Beitrag geht es um die wichtigsten Fragen, die sich in Zusammenhang mit dem laufenden Strafverfahren gegen den Telegram-Gründer drehen. Und wir müssen über die gewaltige Gefahr reden, die sich nun für Verbrecherorganisationen weltweit stellt.
Looking at you, Wladimir!
Das weiss die Öffentlichkeit nicht. Doch es gibt spannende Perspektiven, wie wir weiter unten sehen.
Die offizielle Darstellung lautet, die französischen Behörden hätten Durow dank eines Fehlers bei der Flugplanung in Frankreich habhaft werden können.
Der 39-Jährige gilt als hochintelligent und wusste gemäss übereinstimmenden Berichten, dass ihn die französischen Behörden suchen. Sollte er also tatsächlich dermassen unvorsichtig gewesen sein?
Die merkwürdigen Umstände der Festnahme haben jedenfalls die Verschwörungstheorien angekurbelt.
Die russische Staatspropaganda nutzt Durows Festnahme bereits für ihre Zwecke und lügt der eigenen Bevölkerung vor, Russen seien im Ausland nicht sicher.
Im Westen krochen die üblichen Verdächtigen aus ihren Löchern. Ob Elon Musk in den USA, Edward Snowden in Russland oder Kim Dotcom in Neuseeland: Alle versuchen, die rechtmässige Festsetzung des Telegram-Chefs für ihre eigene Agenda zu missbrauchen.
Sehr viel.
Strafverfolgungsbehörden in ganz Europa beklagen seit Jahren, dass Telegram ihre Anfragen ignoriert. Dabei geht es nicht nur um die Verbreitung von Hass und Desinformation, sondern auch um schwerste Straftaten.
Der in Deutschland praktizierende Rechtsanwalt Chan-jo Jun brachte es auf den Punkt:
Durow muss nun in Frankreich dafür geradestehen, seiner Verantwortung als Plattformbetreiber in unzähligen Fällen – und gemäss den Anschuldigungen quasi systematisch – nicht nachgekommen zu sein.
Staatspräsident Emmanuel Macron nahm am Montag – welche Ironie – bei X Stellung zum Fall und erklärte, die Festnahme von Pawel Durow sei im Rahmen einer laufenden gerichtlichen Untersuchung erfolgt.
Als unabhängiger Beobachter reibt man sich verwundert die Augen. Wie ist das plötzlich möglich, nachdem Telegram fast unangreifbar schien? Und gleichzeitig stellt man sich die Frage: warum nicht schon früher?
Wie Elon Musk hat auch Pawel Durow – vor den Augen der Welt – eine grosse Veränderung durchgemacht. Allerdings nicht zum Positiven.
Ich weiss nicht, ob es der unvorstellbare Reichtum ist, der offensichtlich nicht förderlich ist für den Charakter. Oder ist es die Macht, als ehemals unscheinbarer Nerd die Weltpolitik beeinflussen zu können?
Jedenfalls sehen wir uns gleich mit zwei Unternehmen konfrontiert, die sich die angebliche Verteidigung der Meinungsfreiheit auf die Fahne geschrieben haben, aber wegen ihrer undurchsichtigen Verbindungen zum Verbrecher-Regime im Kreml viele Fragen aufwerfen.
Gar nichts.
Extrem wichtig. Davon zeugen die panikartigen und erzürnten Reaktionen aus Russland.
Aber auch auf der Plattform selbst ist die Aufregung riesig. Einer der populärsten prorussischen Kanäle, dem 800'000 Menschen folgen, kommentierte die Festnahme von Pawel Durow am Sonntag mit den Worten:
Für Putins Armee sei Telegram nicht nur eine Nachrichtenquelle, sondern ein wichtiger Messenger-Dienst, der zur Koordinierung von Aktionen auf verschiedenen Ebenen eingesetzt werde, aber auch zum Speichern und Verbreiten von Videos und anderen Dateien.
Wie «Politico» schreibt, befürchten nun die Russen, dass Durow den französischen Behörden die Verschlüsselungsschlüssel übergeben könnte, um so Zugriff auf die Plattform und sämtliche Chats zu erhalten, von denen die User dachten, sie seien verschlüsselt.
Davon war schon in der Vergangenheit auszugehen. Wer in Russland aktiv ist, muss sich beugen.
Es liegen keine eindeutigen Beweise vor, dass der Telegram-Chef direkte Anweisungen aus dem Kreml erhalten hat, aber es gibt viele indirekte Belege, die auf entsprechende Verbindungen hinweisen.
Wie nicht anders zu erwarten, haben dies die russische Regierung und Durow immer dementiert.
Sicher ist: Telegram hat russische Investoren. Der Messenger-Dienst läuft dort ohne Einschränkung, was ebenfalls auf eine vollständige Überwachung durch die Sicherheits- und Geheimdienste hindeutet.
Im April dieses Jahres gab Durow sein zweites grosses Video-Interview innerhalb von acht Jahren – und dies ausgerechnet mit dem umstrittenen amerikanischen Putin-Freund Tucker Carlson, kurz nachdem dieser den russischen Präsidenten exklusiv «interviewt» hatte.
Die Macher des sicheren mobilen Betriebssystems GrapheneOS (Android) schreiben:
Und weiter:
Eine wirklich sichere Messaging-App wie Signal könne User-Chats und hochgeladene Dateien nicht weitergeben. Telegram, wie auch der Konkurrent Discord, seien hingegen «keine privaten Plattformen».
Der renommierte amerikanische Kryptografie-Experte und Informatik-Professor Matthew Green, der sich seit vielen Jahren mit Telegram auseinandersetzt, weist in einem aktuellen Blogbeitrag auf ein grundsätzliches Problem bei der Nutzung der App hin:
Viele Telegram-User wüssten vielleicht nicht einmal, dass sie die Verschlüsselung manuell einschalten müssen und dächten, sie würden sie bereits verwenden.
Kommt hinzu: Das Aktivieren der besagten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist sehr kompliziert.
Laut diversen Rückmeldungen und Berichten versuchen nun viele Telegram-User, ihre (in der Cloud) gespeicherten Daten zu löschen, um sie einem allfälligen Zugriff der französischen Behörden zu entziehen.
Das könnte zu spät sein.
Emmanuel Macron betonte in seiner Stellungnahme am Montag, die Festnahme Durows sei «in keiner Weise eine politische Entscheidung» gewesen.
Logisch, vertritt der französische Staatspräsident mit aller Entschiedenheit diese an sich korrekte Darstellung. Und doch könnten andere Motive im Spiel sein.
Die marokkanische Politikwissenschaftlerin Zineb Riboua, die für das Hudson Institute, eine Denkfabrik in Washington, D.C., forscht, kommentierte bei X:
Mehrere Berichte hätten gezeigt, wie Telegram «antifranzösische Stimmungen und Falschinformationen über das militärische Engagement Frankreichs» in Ländern wie Mali verbreitete. Die russische Desinformation habe dann ihren Weg auf die gängigen Social-Media-Plattformen wie Facebook gefunden. Tatsächlich hätten die Wagner-Kanäle nicht nur Kampagnen gegen die Franzosen lanciert, sondern auch gegen UN-Missionen.
Als die Wagner-Söldner in Afrika ankamen, seien die Franzosen nicht auf das vorbereitet gewesen, was sie erwartete: Wellen von Desinformations-Kampagnen hätten sich via Telegram ausgebreitet, die letztlich auch «zu immensen militärischen Verlusten» führten.
Es ist abzuwarten, ob weitere Justizbehörden ebenfalls «Interesse» an Durow anmelden.
Rechtsanwalt Chan-jo Jun schreibt:
Gerade beim deutschen Straftatbestand der Volksverhetzung (§ 130 StGB) wäre eine Zuständigkeit möglich, «ohne dass Europarecht dagegen stünde».
Telegram, dessen Entwicklerteam angeblich im Wüstenstaat Dubai residiert und das in weiteren Steuerparadiesen geschäftliche Niederlassungen hat, weist jegliche Schuld zurück. Man habe sich immer an die geltenden Gesetze gehalten.
Bei einer Verurteilung könnte der Telegram-Chef für Jahre hinter Gitter landen. Oder windet er sich raus?
Jedenfalls ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich nicht nur der französischen Justiz, sondern vielleicht auch der Regierung Macrons dank des Strafverfahrens gegen Durow eine einmalige Chance bietet.
Durow hat den Schlüssel zu einem immensen Datenschatz. Er könnte den Ermittlern freiwillig Zugang zu den Telegram-Servern verschaffen. Sein Unternehmen verfügt wie die US-Datenkraken über User-Inhalte und Metadaten – zu fast einer Milliarde Menschen weltweit.
Darunter sind gefährliche Verbrecher und Terrororganisationen, allen voran die russische Armee.
Es bleibt also spannend.
Er behauptete, diese seien durch die US-Regierung kompromittiert, während nur Telegrams Verschlüsselung vertrauenswürdig sei.
Es wirkt jedoch zunehmend fragwürdig, dass Telegram Menschen von standardmässig verschlüsselten Messengern abrät, während es selbst wesentliche Verschlüsselungsfunktionen für die Nachrichten seiner Nutzer nicht implementiert.
Das erscheint inzwischen fast böswillig.
Freiwillig wäre das wohl nicht.