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Cyberkrieg gegen Putin: Anonymous hackt und informiert

Cyberkrieg gegen Putin: Anonymous hackt und informiert

Hackerinnen und Netzaktivisten finden immer neue Wege, Russinnen und Russen trotz Medienzensur über den Krieg in der Ukraine aufzuklären. Sechs Beispiele.
12.03.2022, 19:1014.03.2022, 09:30
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Am 24. Februar 2022 fiel Russland in der Ukraine ein. Tags darauf erklärte das globale Hacker-Kollektiv Anonymous dem Putin-Regime den Cyberkrieg.

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Doch was bedeutet dies überhaupt?

Einerseits wurden Hunderte oder Tausende russische Webseiten zeitweise lahmgelegt und offenbar auch mehrere russische Online-Dienste gehackt, beispielsweise die Server der Aufsichtsbehörde Roskomnadsor, die in Russland für die Medien- und Internetzensur verantwortlich zeichnet. Die Hacker wollen 364'000 Dateien (820 GB an Daten) der Kommunikations- und Medienaufsichtsbehörde erbeutet haben, die sie seit Donnerstag zum Download anbieten.

Am Freitag machte Anonymous Germany publik, dass man den deutschen Ableger des staatlichen russischen Mineralölkonzerns Rosneft gehackt hat. Die Anons hatten Zugriff auf die Server, die Festplatten-Backups der Mitarbeiterlaptops sowie auf die Firmen-iPhones und -iPads. Die Hacker und Hackerinnen zogen innerhalb von zwei Wochen satte 20 Terabyte an Daten von den Servern und löschten als Abschiedsgruss die Firmen-iPhones der Mitarbeiter aus der Ferne.

Andererseits sind die Aktionen diverser pro ukrainischer Hackergruppen und Netzaktivisten oft weit kreativer als einfach nur Webseiten lahmzulegen oder in Firmennetzwerke einzudringen. Sechs Beispiele im Überblick.

Gehackte TV-Sender verbreiten Infos über den Krieg

In den letzten Tagen tauchten mehrere Videos auf, die gehackte russische TV-Sender und Streaming-Dienste zeigen sollen. Statt Kreml-Propaganda flimmerten anscheinend unzensierte Szenen aus dem Ukraine-Krieg über russische TV-Bildschirme.

Vermutlich wurde nicht das Live-Programm gehackt. Anonymous Germany schreibt auf Anfrage von watson, dass man zum Schluss gekommen sei, dass vielmehr «eine Mediathek gehackt wurde». Den Hackern scheint es gelungen zu sein Inhalte, die zeitversetzt in den Mediatheken der TV-Sender geschaut werden können, zu ändern. Dass die in den Videos zu sehenden Hacks real sind, können die deutschsprachigen Anonymous-Aktivisten allerdings nicht zweifelsfrei beweisen.

Gehackte Webcams informieren in Russland über den Krieg

Anonymous-Aktivisten haben die Kontrolle über Hunderte Überwachungskameras und öffentliche Webcams in Russland übernommen.

Auf den Bildern der gehackten Webcams werden Botschaften wie «Putin killt Kinder» und «352 ukrainische Zivilisten tot» verbreitet.

Eine von Anonymous gehackte Webcam in Russland.
Eine von Anonymous gehackte Webcam in Russland.bild: behindenemylines.live

Die Aktivistinnen und Aktivisten wollen auf diesem Weg Russinnen und Russen über den Krieg in der Ukraine informieren. Bilder von Webcams in privaten Wohnungen werden nicht ins Netz gestreamt, «um die Privatsphäre der russischen Zivilbevölkerung zu schützen», schreiben die Hacker.

Info-SMS und E-Mails an Russen senden

Über Anonymous-Webseiten können vorformulierte Textnachrichten an russische Telefonnummern und E-Mail-Adressen geschickt werden.

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Die Aktivisten schreiben: «Squad303 bietet dir ein Tool, mit dem du Textnachrichten von deinem Smartphone direkt an zufällig ausgewählte Russen senden kannst. Lasse sie die Wahrheit wissen.»

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screenshot: 1920.in

Die Betreiber des Web-Dienstes nehmen es mit der Wahrheit allerdings selbst nicht sehr genau, wie das folgende Beispiel zeigt:

«Der Kreml lügt! Putins Krieg hat das russische Volk ins Unglück gestürzt! Es gibt kein Geld auf den Banken, keinen Treibstoff, alle ausländische Unternehmen haben das Land verlassen, und Putin versteckt sich in seinem Palast in Gelendschik!»

Ob sich Menschen, die seit zwanzig Jahren Kreml-treue Medien konsumieren, von einer anonymen Anti-Putin-SMS beeindrucken lassen, darf bezweifelt werden.

Am Freitag verkündeten die Aktivisten auf Twitter, dass über ihren Service bereits sieben Millionen Nachrichten verschickt worden seien. Überprüfen lässt sich dies nicht.

Mit Google Maps Putins Zensur umgehen

Mit Google Maps und anderen Online-Diensten haben Netzaktivisten sehr rasch ein Schlupfloch gefunden, um die russische Bevölkerung aufzuklären.

Auf Twitter schrieben sie: «Geh auf Google Maps. Gehe nach Russland. Finde ein Restaurant oder eine Firma und schreib eine Bewertung. Wenn du die Bewertung schreibst, erkläre, was in der Ukraine los ist.»

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Tausende folgten dem Aufruf und überfluteten Restaurants mit Bewertungen, welche auf die Situation in der Ukraine aufmerksam machten. Eine Mehrzahl der Beiträge war auf Russisch. Anonymous hatte direkt nach dem Aufruf eine russische Textvorlage gepostet, die für eine Bewertung verwendet werden konnte.

Google hat die Beiträge inzwischen entfernt, wohl nicht zuletzt weil offenbar auch Bilder von toten und gefangen genommenen Soldaten gepostet wurden.

Gehackte Ladestationen beschimpfen Putin

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bild: INSTAGRAM / @OLEG_MOSKOVTSEV

Kurz nach Kriegsbeginn fielen in Russland einige Ladestationen für Elektroautos aus. Die Displays zeigten nur noch die Nachricht: «Ruhm der Ukraine / Ruhm den Helden / Putin ist ein Schwachkopf / Tod dem Feind.»

Dahinter soll das ukrainische Unternehmen stecken, das Komponenten für die Ladestationen lieferte und eine Hintertür im Kontrollsystem für die subversive Botschaft nutzte, wie das Techportal Motherboard berichtet.

Gehackte Drucker sollen Russen aufklären

Das Hacker-Kollektiv GhostSec nutzt Sicherheitslücken in WLAN-Druckern aus, um in Russland über den Krieg aufzuklären. Laut GhostSec wird die folgende Botschaft auf angreifbaren Druckern ausgegeben.

Die gehackten Drucker verbreiten laut GhostSec auch in Behörden und beim Militär die Nachricht, dass russische Soldaten über den Krieg belogen wurden.

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29 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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banda69
12.03.2022 19:19registriert Januar 2020
Und währenddessen weibeln die Rechtspipulisten von der SVP um Verständnis für Putin.
Jugendarmee in Russland: Wie Putin die «Junarmija» inszeniert\nUnd die Putinversteher von der SVP so. Und ja. Die SVP ist eine gefährliche Partei. Und die SVPler werden immer gefährlicher.
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giandalf the grey
12.03.2022 19:32registriert August 2015
Wäre ich eine Russe, der sein ganzes Leben lang die Staatpropaganda geschluckt hat und jetzt plötzlich solche Reviews bei meinem Lieblingsdönermann lesen würde nachdem meine Ladestation schon meinen Präsidenten beleidigt und mir den Tod gewünscht hat und jetzt auf einmal mein Drucker unbefohlen ein teletextartiges Propagandadokument druckt, würde ich glaube ich nicht dem gruseligen Gehacke, sondern noch mehr dem seriös aussehenden TV-Propagandisten glauben. Aber hey... ich wäre vermutlich eh ein hoffnungsloser Fall.
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Blitzesammler
12.03.2022 19:21registriert Mai 2015
Ich bin nur froh, Haben Anonymus nicht eigene, gegen den gesunden Menschenverstand agierende Ziele. Macht bedeutet Verantwortung und bis jetzt stehe ich voll und ganz hinter diesen Aktivisten❣️
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