Russland werde noch vor Januar die Nato attackieren, warnt Luke Harding – aus diesem Grund
Der britische Journalist Luke Harding ist ein ausgewiesener Putin-Kenner, im doppelten Wortsinn. Von 2007 bis 2011 war er Moskau-Korrespondent des «Guardian» – bis ihm die Wiedereinreise verweigert und er deportiert wurde.
Harding hat mehrere preisgekrönte Bücher über Edward Snowden, Wikileaks und Russland veröffentlicht, sein neuestes Werk trägt den (übersetzten) Titel «Verrat: Trump, Putin und das neue Zeitalter der Eroberung».
Bei öffentlichen Auftritten nimmt Harding kein Blatt vor den Mund. In einem aktuellen Gespräch mit der Investigativjournalistin Carole Cadwalladr ging es um seine Einschätzungen zur aktuellen Bedrohungslage in Europa und die fragwürdige Rolle Donald Trumps. Harding erklärte in dem Interview aber auch, warum er den ukrainischen Präsidenten aktuell für den Anführer der freien Welt hält.
watson fasst die wichtigsten Punkte zusammen.
Welchen Denkfehler machen viele im Westen?
Luke Harding erklärt:
Mit anderen Worten, wir mögen uns nicht wünschen, dass es so ist, aber sie denken, sie seien im Krieg mit Europa, und insbesondere mit den Demokratien Europas.»
Warum bezeichnet er den russischen Angriffskrieg als faschistisch?
Harding wird im Interview darauf angesprochen, dass linke Kreise die Warnungen vor Russland wohl als Kriegstreiberei abtäten. Dann spricht die interviewende Investigativ-Journalistin Carole Cadwalladr, bekannt durch die Cambridge-Analytica-Enthüllungen, von einer gesellschaftlichen Spaltung in Grossbritannien, was Israels Gaza-Krieg betreffe. Viele Menschen konzentrierten sich sehr stark darauf, und das «völlig zu Recht», aber dieselben Leute könnten bei Russland und der Ukraine «kein ähnliches Muster» erkennen.
Harding erwidert:
Und um es klar zu sagen, was Russland in der Ukraine tut, ist Faschismus. Es ist russischer Faschismus. Es sind nicht die Nazis, aber es ist dieselbe Idee, denn es ist dieses totalitäre Projekt, es nicht nur territorial zu erobern, sondern die Ukraine zu entukrainisieren: ihre Geschichte, ihre Politik, ihre Dichter, ihre Sprache.»
Steht eine Attacke auf die NATO bevor?
Laut Harding ist damit zu rechnen. Er spricht von einem Zeitfenster, das sich aus der Sicht Russlands schliesse.
Der Krieg verlaufe für Russland «ziemlich schlecht». Wladimir Putin erwecke zwar den Eindruck, dass ein Sieg unvermeidlich sei. Tatsächlich seien es aber fünf zermürbende Jahre gewesen. Und die Chancen, Kiew einzunehmen und Selenskyj loszuwerden, gingen «praktisch gegen null».
Ich denke, wir sind ziemlich nah dran, und europäische Geheimdienste denken das offensichtlich auch und sind besorgt.»
Wie würde ein solcher Angriff auf Nato-Territorium aussehen?
Harding prognostiziert:
Er glaube, so Harding, dass die Russen nicht subtil seien; sie seien vielmehr offensichtlich.
Ein mögliches Szenario sei, dass bei einem solchen Drohnenangriff ethnische Russen umkämen, die in Estland leben. Und dann behaupte der Kreml, die Ukrainer töteten ethnische Russen. Man müsse eskalieren, um sich zu verteidigen.
Warum sollte der Kreml die Nato angreifen?
Harding gibt sich keiner Illusion hin.
Wieso hilft Donald Trump Russland?
Harding erzählt, er biete in seinem neuen Sachbuch «drei sich überschneidende Erklärungen» an.
- Der «Diktator-Neid»: Das sei die Theorie der britisch-amerikanischen Sicherheitsexpertin Fiona Hill. Nämlich, dass Trump als US-Präsident ganz gerne den Handlungsspielraum hätte, den Putin habe, «um noch mehr Geld zu stehlen, als Trump es ohnehin schon getan hat».
- Die ideologische Übereinstimmung: Viele Leute von der extremen Rechten – dem MAGA-Flügel der Republikanischen Partei – sähen Russland als eine Art verwandten Staat. Dort sei es in Ordnung, Frauen zu verprügeln, und man dürfe Homosexuelle hassen. Sie nähmen Russland als wohlgeordneten, christlich-konservativen Ort wahr.
- Das Kompromat: Russland verfüge über kompromittierendes Material des US-Präsidenten, ist Harding überzeugt. Tatsächlich interessierten sich osteuropäische Geheimdienste seit den späten 1970er-Jahren für Trump. Der KGB habe Trump 1987 nach Moskau gebracht, und dieser absolvierte in den 1990ern mehrere aufeinanderfolgende Geschäftsreisen nach Russland – und «berüchtigterweise» 2013 wegen des Miss-Universe-Schönheitswettbewerbs.
Jeder hochrangige internationale Besucher, der in einem Fünf-Sterne-Hotel in Moskau übernachtete, sei wohl bespitzelt worden. Und der Geheimdienstausschuss des US-Senats habe solche Überwachungsaktionen bestätigt.
Das Fazit Hardings:
Was hält Harding von Putin?
Die Einschätzung des erfahrenen Journalisten:
Was ist mit den Putin-Doppelgängern?
Auch dazu hat Harding eine klare Einschätzung:
Welche Rolle spielt der ukrainische Präsident?
Er habe Wolodymyr Selenskyj in den letzten neun Monaten zweimal interviewt, und kenne ihn ziemlich gut, erzählt Harding. Seine Einschätzung des Präsidenten:
Ich denke, er ist tatsächlich der Anführer der freien Welt. Es gibt im Moment nicht viele Kandidaten, also denke ich, dass er es ist.»
Allerdings werde Selenskyj im Inland immer unbeliebter, weil er die Angewohnheit habe, «wirklich bizarre Personalentscheidungen zu treffen». Harding erwähnt die Entlassung «des sehr beliebten Verteidigungsministers», Mychajlo Fedorow. Das sei wohl das Werk von Leuten mit Zugang zum Präsidenten gewesen, die sich an der Korruptionsbekämpfung störten.
Was muss Europa besser machen?
Harding argumentiert, bei Russlands hybrider Kriegsführung könnten die europäischen Demokratien mit ihren legalen Mitteln nichts ausrichten. Dies zeige sich etwa bei Sabotage-Aktionen durch Putins Schattenflotte. Und auch die wirtschaftlichen Sanktionen brächten zu wenig. Es brauche entschiedene Gegenwehr, wenn nötig auch Gewaltanwendung.
Und an die Britinnen und Briten gerichtet:
Oder wir könnten sagen, wir schicken jetzt Truppen an die Grenze zu Belarus, um ukrainische Soldaten dort zu entlasten, damit sie an die Front verlegt werden können. Wir brauchen mehr Fantasie, wir müssen mutiger sein, und wir müssen schneller sein.»
Quellen
Das neue Sachbuch von Luke Harding: «Betrayal: Trump, Putin and The New Age of Conquest» (Guardian Faber)
