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Luke Harding: «Was Russland in der Ukraine tut, ist Faschismus»

Luke Harding, the Guardians Moscow correspondent, seen before his live interview on Ekho Moskvy (Echo of Moscow) radio station. February 2011 he was refused entry in Moscow despite having a valid Russ ...
Ein junger Luke Harding in Moskau. 2011 warf ihn der Kreml aus dem Land.Bild: imago-images.de

Russland werde noch vor Januar die Nato attackieren, warnt Luke Harding – aus diesem Grund

Mit Luke Harding warnt ein erfahrener Journalist und Osteuropa-Kenner vor einer drohenden militärischen Eskalation. Russland sei nur auf eine Art beizukommen.
25.09.2026, 20:0625.09.2026, 20:49

Der britische Journalist Luke Harding ist ein ausgewiesener Putin-Kenner, im doppelten Wortsinn. Von 2007 bis 2011 war er Moskau-Korrespondent des «Guardian» – bis ihm die Wiedereinreise verweigert und er deportiert wurde.

Harding hat mehrere preisgekrönte Bücher über Edward Snowden, Wikileaks und Russland veröffentlicht, sein neuestes Werk trägt den (übersetzten) Titel «Verrat: Trump, Putin und das neue Zeitalter der Eroberung».

Bei öffentlichen Auftritten nimmt Harding kein Blatt vor den Mund. In einem aktuellen Gespräch mit der Investigativjournalistin Carole Cadwalladr ging es um seine Einschätzungen zur aktuellen Bedrohungslage in Europa und die fragwürdige Rolle Donald Trumps. Harding erklärte in dem Interview aber auch, warum er den ukrainischen Präsidenten aktuell für den Anführer der freien Welt hält.

watson fasst die wichtigsten Punkte zusammen.

Welchen Denkfehler machen viele im Westen?

Luke Harding erklärt:

«Der Kreml – die russische politische Elite – denkt schon lange, dass er sich bereits im Krieg befindet, nicht nur mit der Ukraine, sondern mit dem, was er den ‹kollektiven Westen› nennt.

Mit anderen Worten, wir mögen uns nicht wünschen, dass es so ist, aber sie denken, sie seien im Krieg mit Europa, und insbesondere mit den Demokratien Europas.»
Luke Harding, 2026, während einer Podcast-Aufnahme.
Luke Harding, 2026, während einer Podcast-Aufnahme.Screenshot: YouTube

Warum bezeichnet er den russischen Angriffskrieg als faschistisch?

Harding wird im Interview darauf angesprochen, dass linke Kreise die Warnungen vor Russland wohl als Kriegstreiberei abtäten. Dann spricht die interviewende Investigativ-Journalistin Carole Cadwalladr, bekannt durch die Cambridge-Analytica-Enthüllungen, von einer gesellschaftlichen Spaltung in Grossbritannien, was Israels Gaza-Krieg betreffe. Viele Menschen konzentrierten sich sehr stark darauf, und das «völlig zu Recht», aber dieselben Leute könnten bei Russland und der Ukraine «kein ähnliches Muster» erkennen.

Harding erwidert:

«Da ist definitiv etwas Wahres dran. Natürlich können zwei Dinge gleichzeitig falsch sein. Sie heben sich nicht gegenseitig auf und stehen nicht miteinander im Wettbewerb. Aber was ich sagen würde, ist, dass die Linke in diesem Land eine stolze Tradition im Kampf gegen den Faschismus in den 1930er- und 1940er-Jahren hat, im Zweiten Weltkrieg.

Und um es klar zu sagen, was Russland in der Ukraine tut, ist Faschismus. Es ist russischer Faschismus. Es sind nicht die Nazis, aber es ist dieselbe Idee, denn es ist dieses totalitäre Projekt, es nicht nur territorial zu erobern, sondern die Ukraine zu entukrainisieren: ihre Geschichte, ihre Politik, ihre Dichter, ihre Sprache.»

Steht eine Attacke auf die NATO bevor?

Laut Harding ist damit zu rechnen. Er spricht von einem Zeitfenster, das sich aus der Sicht Russlands schliesse.

«Ich denke, die meisten Leute gehen wahrscheinlich davon aus, dass Donald Trump bei den Zwischenwahlen in irgendeiner Form verlieren wird, also haben die Russen bis Januar, wenn der neue Kongress vereidigt wird, Zeit, um etwas zu tun, wenn sie Artikel 5 des Nato-Vertrags testen wollen.»

Der Krieg verlaufe für Russland «ziemlich schlecht». Wladimir Putin erwecke zwar den Eindruck, dass ein Sieg unvermeidlich sei. Tatsächlich seien es aber fünf zermürbende Jahre gewesen. Und die Chancen, Kiew einzunehmen und Selenskyj loszuwerden, gingen «praktisch gegen null».

«Ich bin ziemlich überzeugt, dass sie etwas tun werden. Und ich denke, der wirkliche Testmoment wird sein, wenn Russland ‹absichtlich aus Versehen› EU-Bürger tötet – zwei Personen an der estnischen Grenze, oder vier Personen in einem Bauernhaus in Polen, oder einige Personen in Moldawien.

Ich denke, wir sind ziemlich nah dran, und europäische Geheimdienste denken das offensichtlich auch und sind besorgt.»

Wie würde ein solcher Angriff auf Nato-Territorium aussehen?

Harding prognostiziert:

«Es wird keine Panzer geben. Es könnten Wassersysteme [betroffen] sein; es könnte Elektrizität sein. Sie haben europäische Flughäfen, Marinestützpunkte und Atomanlagen umflogen, Unterseekabel in der Ostsee durchtrennt und versucht, ein ukrainisches Flugzeug am Flughafen Leipzig in die Luft zu jagen – was sie beinahe geschafft hätten und was jemanden hätte töten können.»

Er glaube, so Harding, dass die Russen nicht subtil seien; sie seien vielmehr offensichtlich.

Ich denke, das Offensichtlichste, was man tun kann, ist etwas in den baltischen Staaten – in Narva [an der russischen Grenze] in Estland, oder in Litauen. Man greift einen Zollposten mit einer Drohne an. Man sagt, es sei eine ukrainische Drohne. Man fängt vielleicht sogar eine ukrainische Drohne ab und fliegt sie in einen Zollposten.

Ein mögliches Szenario sei, dass bei einem solchen Drohnenangriff ethnische Russen umkämen, die in Estland leben. Und dann behaupte der Kreml, die Ukrainer töteten ethnische Russen. Man müsse eskalieren, um sich zu verteidigen.

«Sie werden mehrere Pläne und mehrere Optionen haben. Aber, auf die Gefahr hin, alle zu erschrecken, ich glaube schon, dass etwas im Anmarsch ist.»

Warum sollte der Kreml die Nato angreifen?

Harding gibt sich keiner Illusion hin.

«Man muss verstehen, dass dem russischen Regime eine kriminelle Energie innewohnt, und es kümmert sie wirklich nicht, ob sie Menschen als Kollateralschaden töten. Ich glaube sogar, sie wollen das eher, denn es ist ein Test: Wie wird die Nato reagieren?»

Wieso hilft Donald Trump Russland?

Harding erzählt, er biete in seinem neuen Sachbuch «drei sich überschneidende Erklärungen» an.

  • Der «Diktator-Neid»: Das sei die Theorie der britisch-amerikanischen Sicherheitsexpertin Fiona Hill. Nämlich, dass Trump als US-Präsident ganz gerne den Handlungsspielraum hätte, den Putin habe, «um noch mehr Geld zu stehlen, als Trump es ohnehin schon getan hat».
  • Die ideologische Übereinstimmung: Viele Leute von der extremen Rechten – dem MAGA-Flügel der Republikanischen Partei – sähen Russland als eine Art verwandten Staat. Dort sei es in Ordnung, Frauen zu verprügeln, und man dürfe Homosexuelle hassen. Sie nähmen Russland als wohlgeordneten, christlich-konservativen Ort wahr.
  • Das Kompromat: Russland verfüge über kompromittierendes Material des US-Präsidenten, ist Harding überzeugt. Tatsächlich interessierten sich osteuropäische Geheimdienste seit den späten 1970er-Jahren für Trump. Der KGB habe Trump 1987 nach Moskau gebracht, und dieser absolvierte in den 1990ern mehrere aufeinanderfolgende Geschäftsreisen nach Russland – und «berüchtigterweise» 2013 wegen des Miss-Universe-Schönheitswettbewerbs.

Jeder hochrangige internationale Besucher, der in einem Fünf-Sterne-Hotel in Moskau übernachtete, sei wohl bespitzelt worden. Und der Geheimdienstausschuss des US-Senats habe solche Überwachungsaktionen bestätigt.

«Das ist keine Hypothese von mir, sondern eine Tatsache. Es wird also Aufnahmen von Trump geben. Vielleicht zeigen sie Donald Trump, wie er eine Tasse Kräutertee trinkt und ‹Krieg und Frieden› liest. Wer weiss? Es könnte sich um ein klassisches Werk der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts handeln, oder er könnte eine exotischere und aufregendere Erfahrung machen. Wir wissen es nicht.»
epaselect epa12303523 US President Donald Trump (R) welcomes Russian President Vladimir Putin during their meet to negotiate at Joint Base Elmendorf-Richardson in Anchorage, Alaska, USA, 15 August 202 ...
Zu Putins Alaska-Besuch sagt Harding: «Trump applaudiert einem Mann, der ein Massenmörder ist, der vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht wird, dem blutrünstigsten Führer seit Stalin, und Trump applaudiert wie ein nervöser Schuljunge. Es ist ein zutiefst merkwürdiges Verhalten.»Bild: keystone

Das Fazit Hardings:

«Trump weiss, dass Putin weiss. Und ich denke, das erklärt mehr als alles andere den Einfluss, den Putin über Trump zu haben scheint.»

Was hält Harding von Putin?

Die Einschätzung des erfahrenen Journalisten:

«Putin ist ein Psychopath, und er lebt in einer völlig fiktiven Welt, in der ihm seine Generäle sagen, dass der Sieg sicher ist und unmittelbar bevorsteht, und das glaubt er. Leider ist er, wie die meisten Diktatoren, ein Leben lang dort [im Kreml]. Ich sehe also kein Ende oder auch nur eine Pause im Krieg, bis Putin horizontal herausgetragen wird aus dem Kreml, wie Leonid Breschnew, in einem Sarg.»

Was ist mit den Putin-Doppelgängern?

Auch dazu hat Harding eine klare Einschätzung:

«Er hat Doppelgänger. Das haben mir verschiedene Geheimdienstchefs gesagt. Da ist der kühle Putin, 10 Meter von seinem Gesprächspartner entfernt am Ende eines sehr langen Tisches, und dann gibt es einen von hinten gefilmten Putin, der sich in Menschenmengen stürzt und Babys umarmt. Das ist der Doppelgänger. Und ich glaube, der Doppelgänger hat einen Doppelgänger, für den Fall, dass der Doppelgänger einen freien Tag hat.»

Welche Rolle spielt der ukrainische Präsident?

Er habe Wolodymyr Selenskyj in den letzten neun Monaten zweimal interviewt, und kenne ihn ziemlich gut, erzählt Harding. Seine Einschätzung des Präsidenten:

«International ist er ein sehr effektiver Führer für die Ukraine gewesen. Er hat phänomenale Kommunikationsfähigkeiten. Er ist der einzige Politiker, den ich kenne, der ein iPhone halten und sich selbst gut filmen kann. Er ist einfach charmant: Er betritt den Raum, er hat tollen Augenkontakt, er lacht, er lächelt, er ist selbstironisch.

Ich denke, er ist tatsächlich der Anführer der freien Welt. Es gibt im Moment nicht viele Kandidaten, also denke ich, dass er es ist.»

Allerdings werde Selenskyj im Inland immer unbeliebter, weil er die Angewohnheit habe, «wirklich bizarre Personalentscheidungen zu treffen». Harding erwähnt die Entlassung «des sehr beliebten Verteidigungsministers», Mychajlo Fedorow. Das sei wohl das Werk von Leuten mit Zugang zum Präsidenten gewesen, die sich an der Korruptionsbekämpfung störten.

Was muss Europa besser machen?

Harding argumentiert, bei Russlands hybrider Kriegsführung könnten die europäischen Demokratien mit ihren legalen Mitteln nichts ausrichten. Dies zeige sich etwa bei Sabotage-Aktionen durch Putins Schattenflotte. Und auch die wirtschaftlichen Sanktionen brächten zu wenig. Es brauche entschiedene Gegenwehr, wenn nötig auch Gewaltanwendung.

«Wir müssen ... was ist das richtige Wort? Ich wollte sagen ‹unseren Mann stehen›. Wir müssen als Person wachsen. Wir müssen unsere Frau stehen ... Wir müssen einfach mit Stärke antworten. Leider ist das das Einzige, was Putin abschrecken wird.»

Und an die Britinnen und Briten gerichtet:

«Wir können tatsächlich mehr für die Ukraine tun, wenn es darum geht, sie mit Waffen zu versorgen, und auch dabei zu helfen, Drohnen abzuschiessen. Wir könnten beispielsweise eine Flugverbotszone über der West- und Zentralukraine ankündigen.

Oder wir könnten sagen, wir schicken jetzt Truppen an die Grenze zu Belarus, um ukrainische Soldaten dort zu entlasten, damit sie an die Front verlegt werden können. Wir brauchen mehr Fantasie, wir müssen mutiger sein, und wir müssen schneller sein.»

Quellen

Das neue Sachbuch von Luke Harding: «Betrayal: Trump, Putin and The New Age of Conquest» (Guardian Faber)

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