Die unglaubliche Geschichte des jungen Iren, der Russland das Fürchten lehrt
In Kriegszeiten gibt es Journalistinnen und Journalisten, die durch besonderen Mut und Entschlossenheit auffallen. Sie riskieren ihre Gesundheit, ja das Leben, um möglichst ungefiltert zu berichten und die Öffentlichkeit aufzurütteln.
Und dann ist da Caolan Robertson.
Dieser Artikel dreht sich um die verrückte Geschichte des jungen Mannes, der heute in der Ukraine lebt und arbeitet. Seine berufliche Laufbahn weist einen bemerkenswerten ideologischen und inhaltlichen Wandel auf.
Robertson produzierte früher YouTube-Videos, in denen er vor dem «Albtraum der Masseneinwanderung» in Europa und einem «Völkermord an der weissen Bevölkerung» in Südafrika warnte. Seine damaligen Produktionen erreichten Millionen Aufrufe und trugen dazu bei, rechtsextreme Aktivisten wie den Amerikaner Alex Jones bekannt zu machen.
Dann mutierte Robertson vom rechten Propagandisten zum Aufklärer. Nun berichtet er kritisch über den russischen Angriffskrieg und nimmt auch Putin-Unterstützer im Westen journalistisch aufs Korn. In Moskau gilt er bereits als Staatsfeind und wird per Haftbefehl gesucht.
Der Social-Media-Experte ist mit seinen hartnäckigen Recherchen, Reportagen und Hintergrund-Interviews vor allem bei YouTube und Instagram erfolgreich. Zwischendurch landet er aber auch bei TikTok Treffer. Und so erreicht er inzwischen wieder Millionen von Menschen weltweit.
Dieser Artikel dreht sich um seinen Werdegang sowie sein Engagement gegen Russlands völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in der Ukraine und die Kreml-Propaganda.
Was wissen wir über seine Vergangenheit?
Sein genaues Alter ist nicht bekannt. Auf der persönlichen Wikipedia-Seite steht: «geboren ~1996».
Zur Welt kam er in der irischen Stadt Kilkenny und als Teenager zog er mit seinem Vater nach Grossbritannien.
Der offen schwul lebende Robertson radikalisierte sich in jungen Jahren im Internet. Auslöser war der Terroranschlag auf den Pulse-Nachtclub in Orlando, 2016. Daraufhin rutschte er online immer weiter in den «Kaninchenbau» hinein, wo Rassisten gegen den Islam hetzten. Er produzierte rund drei Jahre lang Videos für ein rechtsextremes Medien-Netzwerk und für rechtsextreme US-Akteure wie Lauren Southern, die von Donald Trumps MAGA-Bewegung profitierten.
Der Ausstieg
2019 distanzierte sich Robertson vollständig von der rechtsextremen Szene. Später bezeichnete er sie als «Sekte». Auslöser war der Terroranschlag eines weissen Rassisten auf zwei Moscheen in Christchurch mit sehr vielen Opfern.
In der Folge wandelte sich Robertsons Arbeit ins genaue Gegenteil: Er nutzte sein Wissen über «die Mechanismen viraler Empörung», um rechtsextreme Desinformation aufzudecken, also die gezielte Verbreitung von Falschinformationen. Und er war Mitbegründer sowie Leiter bei Byline TV, einem unabhängigen, ausschliesslich durch Abonnenten finanzierten britischen Video- und Nachrichtensender.
Als Trump-Anhänger 2021 das Kapitol in Washington D.C. stürmten und Sicherheitsbeamte ermordeten, lancierte er mit Mitstreitern die Online-Initiative «Future Freedom». Diese half Menschen dabei, rechtsextreme und Alt-Right-Bewegungen zu verlassen und sich zu deradikalisieren.
Vom Aufklärer zum Kriegsreporter
Robertson arbeitete einige Jahre in Grossbritannien als Journalist und berichtete auch schon kritisch über das Gebaren Wladimir Putins. Der Wendepunkt in seinem Leben kam 2022 mit der russischen Invasion in der Ukraine. Während eines ersten Dokumentarfilm-Drehs in Cherson prägten ihn seine Eindrücke und Erfahrungen im kriegsversehrten Land so stark, dass er nicht mehr zurückkehren wollte.
Robertson verlagerte seinen Schwerpunkt komplett auf die Kriegs- und Krisenberichterstattung vor Ort und zog 2024 dauerhaft nach Kiew. Aus dem politischen Online-Aktivisten wurde immer stärker ein investigativer Reporter.
Er reist an die Front, ermittelt aber auch im Hinterland und bei den diversen Russland-Unterstützern in ganz Europa. Der Kreml hat zudem einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erlassen, da er auch aus russischen Gebieten berichtete, die die Ukraine vorübergehend besetzt hatte.
Welche Ziele verfolgt Robertson?
Desinformation bekämpfen
Ein erklärtes Hauptziel seiner Videoproduktionen ist es, russische Propaganda zu entkräften und Beeinflussungs-Kampagnen des Kreml in Europa offenzulegen.
Die Realität des Krieges zeigen
Robertson legt grossen Wert darauf, das Geschehen direkt an den Frontlinien im Osten und Süden der Ukraine zu dokumentieren. So möchte er der Öffentlichkeit ein ungeschöntes Bild des Krieges vermitteln und Gleichgültige aufrütteln.
Verantwortliche konfrontieren
Ein wiederkehrendes Element seiner Videos ist die direkte, persönliche Konfrontation mit russischen Propagandisten und Offiziellen in verschiedenen europäischen Ländern.
Russlands geopolitischen Einfluss thematisieren
Robertsons journalistischer Fokus beschränkt sich nicht auf die russischen Kriegsverbrechen gegen die Ukraine. Bekannt ist, dass er auch in andere Krisengebiete reist, etwa Anfang 2025 nach Syrien, um den Einsatz von Chemiewaffen zu dokumentieren. Bekanntlich lebt der Hauptverantwortliche, der gestürzte Diktator Baschar al-Assad, heute im russischen Exil, auf Einladung von Wladimir Putin.
Welche Videos von Robertson sollte man kennen?
Der Kriegsreporter und Filmemacher hat einen grossen «Output». Allein bei YouTube publiziert er regelmässig Berichte und Interviews, die sich um den Ukraine-Krieg drehen. Die nachfolgende (subjektive) Auswahl von Videos soll einen Querschnitt durch seine Arbeit vermitteln.
Robert Brovdi, militärischer Rufname «Magyar» (Ungar), ist bereits eine lebende Legende in der Ukraine. Der Kommandant der Unbemannten Streitkräfte – sprich Drohnen und Roboter – empfängt den irischen Journalisten im streng geheimen Kommandobunker zum Hintergrundgespräch.
Robertson bezeichnet es als beispielloses Interview:
Ausserdem erzählt er die aussergewöhnliche persönliche Geschichte hinter all dem: wie aus einem Getreidehändler ein Soldat wurde, wie eine Gruppe von nur 27 Menschen begann, mit zivilen Drohnen zu experimentieren, und wie sich aus dieser improvisierten Initiative ein völlig neuer Zweig des ukrainischen Militärs entwickelte.»
Der Filmemacher spricht von seiner bislang grössten Recherche:
Das ist wichtig, denn die jüngsten ukrainischen Luftangriffe auf die Krim könnten etwas viel Tieferes erschüttert haben. Die Krim ist für Putin nicht einfach nur ein weiteres besetztes Gebiet. Sie ist seine Trophäe. Sein Symbol. Sein grosser imperialer Preis im Schwarzen Meer.»
Die Historikerin Anne Applebaum, Pulitzerpreisträgerin und Buchautorin, befasst sich seit Jahrzehnten mit Autoritarismus, sowjetisch-russischer Geschichte und Propaganda. Im Interview mit Robertson erklärt sie, warum der zunehmende russische Bombenterror gegen die ukrainische Zivilbevölkerung ein Zeichen wachsender Hilflosigkeit des Kremls sei.
Sie vermute, dass inzwischen sicher einige der Leute um Putin bereits zu dem Schluss gekommen seien, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden könne. Dass es unmöglich sei, die Ukraine zu einem Teil Russlands zu machen.
Der russische Staat nutzt laut Robertson die westliche Kunstszene, um von seinen Kriegsverbrechen abzulenken:
Das eigentliche Ziel der russischen Delegation sei nicht das breite Publikum, sondern die mediale Inszenierung, so Robertson. Ein Besuch des italienischen Vizepremiers Salvini im russischen Pavillon habe Moskau «genau die symbolkräftigen Bilder der Legitimität geliefert», die es für seine heimische und internationale Propaganda benötigte.
Seine Reportage endet mit einer eindringlichen Warnung vor der Vergesslichkeit Europas: Wie schon nach der Annexion der Krim 2014 drohe eine schleichende Normalisierung.
In diesem Dokumentarfilm wird die Ermordung eines Bauern zum Anlass genommen, um über die Auswirkungen des Angriffskrieges auf die Landwirtschaft zu thematisieren.
Robertson schreibt:
Die meisten Nachrichtenberichte über Cherson konzentrieren sich auf die Drohnenangriffe gegen Zivilisten im Stadtzentrum, daher erschien es mir wirklich wichtig, dieses Thema ausführlich zu beleuchten. Die Landwirte in dieser Region haben schreckliche Albträume durchlebt. Zuerst die Besatzung, dann die Minen, dann die Dürre und jetzt die FPVs [kleine Killer-Drohnen].»
Er habe alles komplett selbst gedreht und geschnitten, erklärt Robertson – «ohne staatliche Förderung oder offizielle Sponsoren».
Warum hat ihn der ukrainische Präsident ausgezeichnet?
Kürzlich erhielt er vom ukrainischen Präsidenten einen Verdienstorden dritter Klasse. Per Dekret ehrte Wolodymyr Selenskyj insgesamt 37 ukrainische und ausländische Medienschaffende für ihre Kriegsberichterstattung. In seiner Rede anlässlich der Preisverleihung dankte er Robertson und den anderen ausgezeichneten Journalistinnen und Journalisten, die «der Welt zeigen, was unser Volk zu ertragen hat».
Quellen
- youtube.com: YouTube-Kanal von Caolan Robertson
- instagram.com: Insta-Profil von Robertson
- tiktok.com: TikTok-Profil von Robertson
- wikipedia.org: Caolan Robertson
- jowhar.com: Irish journalist receives Ukraine’s Order of Merit honor for distinguished work (6. Juni)
- nbcnews.com: 'You are not alone': Former far-right activists launch project to fight online radicalization (2001)
In der Recherche-Phase und fürs Zitieren wurden YouTube-Inhalte mithilfe von Künstlicher Intelligenz übersetzt.
