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MindGuard: Schweizer App hilft der Ukraine im Krieg gegen Russland

Teaserbild Projekt MindGuard, Ukraine
Ukrainische Rekrutin. Die psychische Gesundheit steht beim neuen Projekt im Zentrum.Bild: watson / imago-images.de
Interview

Wie eine Schweizer App die Resilienz der Ukraine aufrechterhält

Das von Benjamin Bargetzi lancierte Projekt «MindGuard» unterstützt ukrainische Kämpferinnen und Kämpfer bei der Rückkehr ins zivile Leben. Nun startet vor Ort die klinische Überprüfung.
15.04.2026, 08:5715.04.2026, 11:21

Der Schweizer Neurowissenschaftler Benjamin Bargetzi ist der Vater von «MindGuard». Mit einem Team von Fachleuten hat er eine Handy-App entwickelt, die ukrainischen Kriegsveteranen und Kriegsveteraninnen gesundheitlich helfen soll. In den kommenden Wochen beginnt die wissenschaftliche Überprüfung.

Im ausführlichen Hintergrund-Interview erklärt Bargetzi, warum Liegestütze manchmal besser sind als lange Therapiegespräche und wie künstliche Intelligenz zum Lebensretter werden kann. Und er verrät, wie sich das Projekt an alle vom Krieg betroffenen Menschen in der Ukraine richtet – und darüber hinaus.

Für eilige Userinnen und User: Am Ende des Interviews folgt eine Zusammenfassung.

Die Vorgeschichte

«Die Zukunft eines Landes entscheidet sich nicht nur an den Frontlinien, sondern auch in seinen Familien.»
Benjamin Bargetzi
Der Neurowissenschaftler Benjamin Bargetzi hat sich als Keynote-Speaker und KI-Experte international einen Namen gemacht.
Er hat sich als Tech-Pionier, Keynote-Speaker und KI-Experte international einen Namen gemacht. Nun setzt sich Benjamin Bargetzi für die Ukraine ein.Bild: PD

Als sich der russische Grossangriff auf die Ukraine am 24. Februar 2026 zum vierten Mal jährte, meldete sich Benjamin Bargetzi per E-Mail bei der watson-Redaktion. Er bedankte sich für die Berichterstattung und hob die Spendenbereitschaft der Bevölkerung und die dadurch ermöglichten Hilfsprojekte in der Ukraine hervor. Speziell erwähnte er die Reportage von Luzia Tschirky und die neue Hoffnung für ukrainische Veteranen.

Der Neurowissenschaftler schrieb:

«Es hat mich sehr gefreut zu sehen, wie viel Solidarität unsere Schweiz für die Ukraine hat. Der Beitrag erwähnte auch treffend, dass viele Initiativen derzeit unter dem Radar bleiben, obwohl sie gesellschaftlich und politisch hochrelevant sind. Ich möchte Ihnen deshalb ein Projekt vorstellen, das bislang kaum öffentlich sichtbar ist, aber genau in dieses Themenfeld fällt.»

Und damit sind wir beim Projekt MindGuard.

Der Auslöser

Herr Bargetzi, was war der konkrete Auslöser, der Sie bewogen hat, sich so intensiv für die Ukraine und speziell für Kriegsveteranen einzusetzen?
Benjamin Bargetzi:
Es war kein einzelner Moment, sondern eine Verdichtung. Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Erforschung von Resilienz, Angst und Stress. Durch meine Karriere im geopolitischen Umfeld kam ich immer stärker mit der Ukraine in Berührung. Je länger der russische Angriffskrieg dauerte, desto frustrierter war ich: Auf Konferenzen wurde viel geredet, was man alles tun sollte oder könnte. In der Realität wurde aber erstaunlich wenig umgesetzt.

Mir wurde klar, dass es hier nicht nur um einen geopolitischen Konflikt geht, sondern dass wir auf eine Welle aus Traumata, Leid und Schmerz zulaufen, die auch nach dem Krieg noch Generationen lang nachhallen wird.

Die Zukunft eines Landes entscheidet sich nicht nur an den Frontlinien, sondern auch in seinen Familien. Wenn Kinder in instabilen Verhältnissen aufwachsen und die Traumata ihrer Eltern mittragen, schwächt das die langfristige Genesung einer ganzen Nation. Deshalb ist mentale Resilienz für die Ukraine und ihre Verbündeten eine nicht verhandelbare humanitäre Krise. Sie hat aber auch wirtschaftlich und militärstrategisch hohe Priorität.

Was ist Resilienz?
Mit dem Begriff ist die psychische Widerstandskraft des Menschen gemeint. Resilienz beschreibt die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen wie Krisen oder Katastrophen ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu überstehen und sich relativ schnell zu erholen.
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Theateraufführung mit ukrainischen Veteranen, die auch mit schwersten Kriegsverletzungen einen Weg zurück in die Zivilgesellschaft finden.Bild: keystone

Sie waren 2025 mehrere Wochen an der Front, haben mit Soldaten gesprochen, mit Medizinern und hochrangigen Beamten. Welche Erkenntnisse aus diesen Begegnungen haben die Entwicklung von MindGuard am stärksten beeinflusst?
Die Front war doch noch einige Kilometer entfernt, eindrücklich war es aber schon. Am stärksten beeinflusst hat mich wohl die Erkenntnis, wie gross die Kluft ist zwischen dem, was traumatisierte Menschen theoretisch bräuchten, und dem, was sie im Alltag annehmen. In vielen Gesprächen wurde sehr klar, dass klassische psychologische Hilfe zwar als wichtig anerkannt wird, die Hemmschwelle aber enorm hoch ist; schlicht, weil Menschen im Krieg und nach dem Krieg zuerst ganz andere praktische Sorgen haben. Das hat unseren Ansatz stark geprägt: Hilfe muss extrem niederschwellig, alltagsnah und ohne grosses Vorwissen zugänglich sein.

Ein zweiter Punkt war, wie zentral Kameradschaft, Würde und soziale Bindung für viele Veteraninnen und Veteranen geblieben sind. Sehr viele Probleme entstehen nicht nur durch das eigentliche Trauma, sondern auch durch den Verlust von Struktur, Zugehörigkeit und Aufgabe nach der Rückkehr ins Zivilleben.

Drittens wurde uns in Gesprächen mit Ärztinnen, Ärzten und Institutionen sehr klar, dass die psychische Belastung in der Ukraine in einer Grössenordnung angekommen ist, die wie eine Flutwelle des Elends die humanitäre, ökonomische und militärische Zukunft Europas gravierend mitgestalten wird. Mit klassischen Modellen allein wird man das niemals auffangen können.

Zur Person
Benjamin Bargetzi ist Neurowissenschaftler und Psychologe mit Ausbildung an der Oxford-Universität und dem University College London (UCL). Er war bei Google und Amazon tätig, sowie persönlicher Berater von Klaus Schwab und dem World Economic Forum (WEF). Heute ist er Gründer und CEO von MindGuard. Das ist eine wissenschaftsbasierte Resilienz- und Mental-Health-Plattform für kriegsbetroffene Menschen in der Ukraine; sowohl Veteranen als auch Zivilbevölkerung.
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Benjamin Bargetzi (r.) mit ukrainischem Gesprächspartner.Bild: Benjamin Bargetzi

Sie haben sich für dieses Projekt viel Know-how erarbeitet. Wie sieht Ihr Rüstzeug aus?
Ursprünglich komme ich aus der Neurowissenschaft und Psychologie. Später arbeitete ich an der Schnittstelle zu Technologie und KI, unter anderem bei grossen Tech-Konzernen und dem Weltwirtschaftsforum (WEF). Für MindGuard war aber entscheidend, dass ich nicht nur auf Theorie vertraut habe. Ich bin in die Ukraine gereist, habe Veteranen, Ärzte und Ministerien getroffen und einfach zugehört. Das Projekt wird heute von einem wissenschaftlichen Beirat aus Koryphäen der Traumaforschung und einem ukrainisch-schweizerischen Team begleitet.

Das MindGuard-Prinzip: Handeln statt Grübeln

Die Herangehensweise Ihres Projekts unterscheidet sich fundamental von bisherigen Mental-Health-Apps. Erklären Sie uns das Prinzip.
Die meisten Apps setzen auf KI-Chatbots oder Achtsamkeitsübungen. Wir beginnen beim Körper und den täglichen Routinen. Traumatisierte Menschen haben oft Mühe, ihr Leiden in Worten auszudrücken und brauchen nicht noch mehr Stimulation, sondern einen einfachen Weg zurück in einen geordneten, routinierten Alltag. Wir arbeiten mit «Mikro-Interventionen»: kurze körperliche Übungen, Atemtechniken oder soziale Aufgaben.

Mikro-Interventionen
Damit sind kleine, gezielte Handlungen im Alltag gemeint, die darauf abzielen, das Wohlbefinden zu steigern oder Stress zu regulieren, ohne die User zeitlich oder emotional zu überfordern. Wie zum Beispiel das tägliche Absolvieren von Liegestützen oder das morgendliche Aufstehen zur immer gleichen Zeit.

Der eigentliche «MindGuard-Loop» ist einfach: Die App gibt den Nutzerinnen und Nutzern einen machbaren Impuls. Gelingt dieser, entsteht ein Erfolgserlebnis. Der Mensch merkt, dass er wieder handlungsfähig ist, statt dem Stress ausgeliefert zu sein. Dieses Gefühl wird sozial verstärkt – durch Mentoren, Fortschrittsanzeigen in der App oder kleine finanzielle Anreize in Form von Spendengeldern, die wir eingesammelt haben.

Genau dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Handlung wiederholt wird. Und aus Wiederholung entsteht schrittweise wieder Struktur; aus Struktur entsteht mehr Stabilität, und aus Stabilität wächst überhaupt erst die Bereitschaft, sich zu öffnen, Hilfe anzunehmen und sich wieder als Teil des Lebens zu erleben.

Warum setzen Sie auf Sport und Smartphone-Kontakte statt auf klassische Gesprächstherapie?
Weil klassische Therapie in der Ukraine aktuell viel zu wenige Menschen erreicht. Zudem würden viele Kriegsveteranen diesen Schritt zunächst bewusst gar nicht machen. Nicht unbedingt, weil sie keine Hilfe brauchen, sondern weil Scham, Vorurteile, kulturelle Prägung oder logistische Hürden diesen Zugang erschweren.

Eine sportliche Challenge fühlt sich zugänglicher an als die Einladung, über ein Trauma zu sprechen. Sport ist hier kein Selbstzweck, sondern ein niederschwelliger Einstieg. Das Smartphone ist das praktischste Werkzeug, um die Menschen dort zu erreichen, wo sie sind. Wir wollen einen einfachen Zugang schaffen für jene, die sonst völlig durch das Netz fallen würden.

Challenges gegen Kameraden – das klingt nach neuem Stress?
Es geht nicht darum, dass jemand verliert oder sich beweisen muss. Die Challenges sind eher ein strukturierter sozialer Anker: ein gemeinsamer Impuls, eine kleine Aufgabe, ein Grund, in Bewegung zu kommen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und wieder Verbindlichkeit zu erleben. Der Wettbewerb ist also höchstens ein motivierendes Element innerhalb eines grösseren Systems aus Beziehung, Handlung und Wiederholung. Zudem lässt sich die App bei Bedarf auch in einen kooperativen Modus einstellen.

Der wissenschaftliche Ansatz dahinter

Die Ukraine leidet unter einem massiven Mangel an Fachleuten. Die App kann Psychologen aber nicht ersetzen, richtig?
Ganz genau. Es wäre unseriös, etwas anderes zu behaupten. Die Realität ist: An die 10 Millionen Menschen in der Ukraine brauchen aktuell bereits dringlichst psychologische Unterstützung. Nach Schätzungen der WHO und des Gesundheitsministeriums kommen bis zu weitere 15 Millionen hinzu, sobald der Krieg einmal vorbei ist und die Realisierung des ganzen Krieges sich dann wirklich sacken lässt und zu Trauer, Frust, Hass, PTBS und Ohnmacht führt. Dem stehen nur wenige tausend Trauma-spezialisierte Fachpersonen gegenüber. MindGuard ist eine vorgelagerte Ebene; wir wollen Betroffene früh aktivieren und Warnsignale sichtbar machen. Wenn jemand tiefergehende Hilfe braucht, leiten wir ihn oder sie an Fachpersonen und Kliniken weiter.

Was ist die grösste psychologische Hürde beim Übergang vom Kampfmodus in den zivilen Alltag, die MindGuard technisch adressieren kann?
Dass das Nervensystem nach langer Zeit im Krieg nicht einfach automatisch zurück in den Zivilmodus schaltet. Ständige Wachsamkeit, schnelle Reaktionen, Misstrauen, hohe innere Spannung, klare Rollen – all das kann im Krieg überlebenswichtig sein. Im zivilen Alltag aber wird genau dieser Zustand zum Problem. Das Nervensystem bleibt auf Alarm, obwohl die Umgebung eigentlich wieder Geduld und Ruhe benötigt. Viele Betroffene erleben dann, dass sie zwar physisch zurück sind, innerlich aber noch immer im Einsatzraum leben.

MindGuard versucht genau diese Hürde zu adressieren, indem wir nicht erwarten, dass jemand von einem Tag auf den anderen «einfach wieder normal» funktioniert. Wir versuchen, dem Nervensystem langsam wieder beizubringen, dass es ausserhalb des Kampfmodus neue Struktur, Zugehörigkeit und Kontrolle gibt.

KEYPIX - A Ukrainian war veteran walks on the pedestrian side of Khreschatyk street in center of Kyiv, Ukraine, on Thursday, Sept. 18, 2025. (AP Photo/Evgeniy Maloletka)
Für ukrainische Ex-Soldaten geht der Kampf auf persönlicher Ebene weiter.Bild: keystone

Aus neurowissenschaftlicher Perspektive gefragt: Wie hilft eine Liegestütz-Session konkret gegen ein überreiztes Nervensystem?
Ein Trauma ist oft ein biologischer Zustand: Das Nervensystem steckt im Alarmzustand fest. Die Amygdala – unser Alarmzentrum im Gehirn – ist chronisch überaktiv. Körperliche Aktivität bringt den Menschen aus der Passivität zurück ins Handeln. Der Körper kommt in Rhythmus, die Muskelspannung wird entladen und der Mensch spürt sich wieder selbst. Wer 15 Liegestütze schafft, erlebt: «Ich kann noch etwas steuern.»

Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist neuropsychologisch extrem wertvoll. Natürlich lösen Liegestütze alleine noch keine Traumata auf. Doch die psychiatrische Literatur ist klar: geregelte Routinen von körperlicher Betätigung und sozialem Austausch tragen massgeblich zur Bewältigung von Traumata und Stress bei.

Welches wissenschaftliche Prinzip bildet das Herzstück der App?
Das Prinzip der Neuroplastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrung zu verändern. Wenn man lange in Stress und Isolation lebt, festigen sich diese Muster im Gehirn. Wenn wir regelmässig kleine Gegenbewegungen wie Bewegung, Atemregulation und soziale Kontakte etablieren, lernt das System Schritt für Schritt wieder Sicherheit und Vertrauen.

Im Kern beruht MindGuard auf einem recht einfachen, aber wissenschaftlich sehr starken Gedanken: Das Nervensystem eines Menschen stabilisiert sich nicht primär durch Verständnis oder kognitive Leistung, sondern durch wiederholte, konkrete Aktion und Erfahrung. Anders gesagt: Wir begleiten Menschen durch das Tun im Körper; nicht durch das Grübeln im Kopf.

Die Rolle von KI

Sie sind nicht nur Neurowissenschaftler, sondern beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Potenzial von Künstlicher Intelligenz. Welche Rolle spielt die Technologie im MindGuard-Projekt?
KI spielt bei MindGuard eine wichtige Rolle, aber bewusst nicht in der plakativen Form, wie man es heute aus vielen Mental-Health-Apps kennt. Wir bauen nicht einfach einen Chatbot, der mit traumatisierten Veteraninnen und Veteranen «über Gefühle spricht» und so tut, als könne er therapeutische Beziehung ersetzen. Das wäre mir fachlich zu oberflächlich und ethisch zu heikel.

Die eigentliche Stärke von KI liegt für uns woanders; in der Personalisierung, Skalierung, Mustererkennung und intelligenter Begleitung im Hintergrund.

In der App kann sowohl im kollaborativen als auch im kompetitiven Modus gespielt werden, und sie passt sich an die Persönlichkeit der User an. So nutzen wir nämlich KI: Nicht als KI-Chatbot, sondern als ein Analytik-Tool, das den User aufgrund von Wearable-Daten und Persönlichkeitstest «versteht». Ziel ist es, die User mit Übungen auszustatten, die für sie wissenschaftlich am effektivsten sind, und sie gleichzeitig mit jenen anderen Nutzern zu verbinden, die von der Persönlichkeit her optimal als Freunde oder Mentoren infrage kommen.

Jeder Kriegsveteran bringt eine andere Mischung aus Belastung, Persönlichkeit, Tagesrhythmus, sozialem Verhalten, körperlicher Verfassung und Motivation mit. Genau hier kann KI helfen, aus vielen Signalen ein individuelleres Bild zu formen: Welche Übungen sind für diese Person realistischer? Wann ist der beste Zeitpunkt für einen Impuls? Welche Art von Sprache, Struktur oder sozialem Kontakt erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass jemand tatsächlich dabeibleibt?

Was ist entscheidend, damit sich Kriegsveteranen über die MindGuard-Plattform gegenseitig stützen, statt in ihrer Belastung zu verstärken?
Zwei traumatisierte Menschen helfen einander nicht automatisch, nur weil sie Ähnliches erlebt haben. Im Gegenteil. Bevor wir User über die App zusammenbringen, ermitteln wir Faktoren wie Verlässlichkeit, emotionale Grundstabilität, Empathiefähigkeit und Impulskontrolle. Dies tun wir mithilfe von Persönlichkeitstests, respektive einem eigenes dafür trainierten KI-Modell (LLM).

Beim anschliessenden «Matching» der User achten wir sehr streng nicht nur auf ähnliche Erfahrungen, sondern auch auf Persönlichkeit, Kommunikationsstil, Belastungsniveau und die Frage, ob aus dieser Verbindung ein Mehrwert entstehen kann. Nicht jede geteilte Verletzung verbindet heilend; hilfreich wird es erst, wenn aus Ähnlichkeit auch Sicherheit und Halt entstehen.

Moderne Technik und Ex-Sowjetkultur

Ukrainische Kriegsveteranen beim Konditionstraining, März 2026.
Ukrainische Kriegsveteranen beim Konditionstraining, März 2026.Bild: imago-images.de

In den ukrainischen Streitkräften dienen auch viele Frauen. Wie berücksichtigen Sie das?
Das ist zentral. Veteraninnen tragen oft andere Belastungen und Traumafolgen mit sich. Unsere KI passt sich individuell an die User an – egal ob biologischer Rhythmus, Tonalität oder sozialer Kontext. Wir haben MindGuard gemeinsam mit Veteranen und Veteraninnen entwickelt. Die App ist zudem inklusiv: Wenn jemand Prothesen hat oder blind ist, passt das System die Übungen oder die Bedienung («Voice-Only») automatisch an.

Wie gehen Sie mit kulturellen Nuancen und Bewältigungsmechanismen in einem stark von der früheren Sowjetunion geprägten Land um?
Das ist für uns ein wichtiger Punkt. Man kann ein Projekt wie MindGuard nicht einfach in der Schweiz oder im Silicon Valley konzipieren und dann glauben, es lasse sich kulturell neutral in die Ukraine übertragen. Gerade in einem Land mit sowjetischer Vergangenheit spielen Themen wie Misstrauen gegenüber Institutionen, ein hoher Wert von Härte, Selbstdisziplin und Durchhaltewillen, aber auch ein eher zurückhaltender Umgang mit psychischer Verletzlichkeit eine grosse Rolle.

Das muss man ernst nehmen. So reiste ich nur wenige Wochen nach Gründung der Initiative bereits in die Ukraine; ich musste vor Ort mit Veteraninnen und Veteranen in den Spitälern, Psychiatrien und im militärischen Umfeld sprechen, um zu verstehen, was genau wir eigentlich beitragen können, wo wir gebraucht werden, und in welcher Form ein solches Projekt akzeptiert würde.

Wie reagieren erfahrene Soldaten auf Technik in einem so intimen Bereich wie der psychischen Gesundheit?
Skepsis ist am Anfang völlig normal. Es wird sicher Veteraninnen und Veteranen geben, die moderner Technik in einem so sensiblen Bereich zunächst kritisch begegnen. Das ist auch völlig verständlich. Wer Krieg, Kontrollverlust und institutionelles Misstrauen erlebt hat, wird nicht einfach blind einer App vertrauen.

Bestehen hohe kulturelle Barrieren gegenüber einer «technologischen Lösung» für mentale Probleme?
Ja, diese Barrieren gibt es sicher, aber ich würde sie nicht überschätzen. Die eigentliche Hürde ist aus meiner Sicht weniger «die Technologie» an sich, denn die Ukraine ist enorm digitalisiert, auch im Vergleich zum Rest von Europa. Es geht vielmehr um die Frage, ob eine Lösung als glaubwürdig und respektvoll angeschaut wird.

Wenn die Soldaten spüren, dass die App ihre Realität ernst nimmt und sie nicht bevormundet, wird sie angenommen. Wir nutzen KI nicht als «sprechenden Therapeuten», sondern im Hintergrund, um Interventionen zu personalisieren und Risiken früh zu erkennen.

Wie wird die App von der ukrainischen Bevölkerung und den Veteranen aufgenommen?
Wir haben bisher sehr positive Unterstützung erfahren, aus Institutionen, der Regierung und – am wichtigsten – auch direkt von Veteranen und Veteraninnen selbst. Gleichzeitig ist uns sehr bewusst, dass Vertrauen in einem so sensiblen Bereich nicht durch Hype entsteht, sondern nur durch gründliche wissenschaftliche Arbeit und konkreten Nutzen im Alltag. Entscheidend wird nicht sein, wie wir das Projekt selbst beschreiben, sondern ob die Menschen vor Ort spüren, dass MindGuard ihnen wirklich hilft und ihre Realität ernst nimmt.

Sie konnten sich mit Vitali Klitschko, dem früheren Profiboxer und heutigen Bürgermeister von Kiew, austauschen. Was hält er von dem Projekt?
Wir durften ihm MindGuard persönlich vorstellen und haben dabei sehr viel positive Resonanz erlebt. Mein Eindruck war, dass der Bedarf an Lösungen für die psychische Stabilisierung und Reintegration von Veteraninnen und Veteranen auf politischer Ebene sehr gut verstanden wird. Gerade in Kiew ist das Bewusstsein vorhanden, dass der Wiederaufbau eines Landes nicht nur aus Strassen und Infrastruktur besteht, sondern auch aus der inneren Stabilität seiner Menschen.

Benjamin Bargetzi, Projekt MindGuard, Treffen mit Vitali Klitschko, dem Bürgermeister von Kiew (Ende 2025).
Ein Foto des Treffens mit Vitali Klitschko.Bild: Benjamin Bargetzi

Hürden bei der Nutzung

Wie soll erkannt und rechtzeitig reagiert werden, wenn jemand nicht auf die Hilfe per App anspricht?
Wir überlassen die Sicherheit nie der Technologie allein, sondern arbeiten mit mehreren Ebenen, um bei Auffälligkeiten schnell und richtig zu reagieren. Die App soll also nicht selbst «Therapeut spielen», sondern helfen, kritische Entwicklungen früher zu erkennen und betroffenen Menschen schneller die richtige Unterstützung zukommen zu lassen. Wir haben exakt hierfür eine Firma aus den USA akquiriert. Sie hat sich während fünf Jahren im Umfeld der Harvard-Universität mit der Erforschung von Sicherheitsfragen und Qualitätsprüfungen im Mental-Health-Bereich beschäftigt.

Wenn wir über längere Zeit gewisse Muster in menschlichem Verhalten beobachten, kann KI helfen, kritische Veränderungen früher sichtbar zu machen, als es in einem rein manuellen System möglich wäre. Natürlich nicht als endgültiges Urteil, sondern als Frühwarnsystem. Gerade in einem Land wie der Ukraine, wo Millionen Menschen psychisch belastet sind und viel zu wenige Fachpersonen zur Verfügung stehen, kann eine solche intelligente Priorisierung enorm wichtig werden.

Die unsichtbare Front
Während die Kämpfe an der Front die Schlagzeilen beherrschen, braut sich im Hinterland der Ukraine eine gesellschaftliche Katastrophe zusammen. Aktuelle Daten und Studien aus dem Jahr 2025 und von Anfang 2026 zeichnen ein düsteres Bild der mentalen Verfassung derer, die aus dem Krieg zurückkehren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte im Februar, zu Beginn des fünften Kriegsjahres, dass fast jeder zweite Ukrainer von psychischen Problemen betroffen sei. Das Suizidrisiko wurde in einer Befragung von fast der Hälfte der Veteranen als kritisch eingestuft. Die Arbeitslosenquote unter ihnen ist mehr als doppelt so hoch wie bei der übrigen Zivilbevölkerung.
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Veteranen an einem Wettkampf.Bild: keystone

Wie benutzerfreundlich ist die App?
Das oberste Designprinzip ist für uns radikale Einfachheit unter Stress. Eine traumatisierte oder körperlich belastete Person hat oft weder die Ruhe noch die Energie, sich durch komplexe Menüs oder abstrakte Inhalte zu arbeiten. Genau deshalb ist MindGuard so aufgebaut, dass die App die User nicht überfordert. Sie soll nicht das Gefühl erzeugen, dass man etwas «lernen» oder «verstehen» muss, bevor man sie nutzen kann. Die App soll sich eher anfühlen wie eine Art täglicher Begleiter, der einem den nächsten machbaren Schritt zeigt.

Hinzu kommt, dass wir nicht nur psychische Belastung, sondern auch körperliche Einschränkungen mitdenken müssen. Viele Veteraninnen und Veteranen leben mit Verletzungen, Erschöpfung, Schmerzen oder motorischen Einschränkungen. Deshalb müssen Bedienung, Übungsauswahl und Intensität anpassbar sein. Die KI passt die Sport- und Beruhigungsübungen direkt an.

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Tanzpaar an einem ukrainischen «Brave Hearts»-Wohltätigkeitsball im Mai 2025.Bild: keystone

Wie gross ist die mentale Hürde für Veteranen, den Schritt von der virtuellen Liegestütz-Challenge zu persönlichen Treffen zu machen?
Für manche Veteraninnen und Veteranen ist schon der erste digitale Kontakt mit anderen Menschen nach belastenden Erfahrungen ein grosser Schritt. Der Übergang zu einem realen Treffen ist nochmals sensibler, weil dort Themen wie soziale Unsicherheit, Kontrollverlust oder auch Sicherheitsbedenken hineinspielen. Genau deshalb gehen wir diesen Schritt nicht abrupt, sondern stufenweise an. MindGuard ist so gedacht, dass zunächst eine niedrigschwellige Verbindung entsteht. Erst wenn sich schrittweise Vertrauen, Rhythmus und eine gewisse psychologische Sicherheit aufgebaut haben, wird ein reales Treffen überhaupt attraktiv oder sinnvoll.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das zentral, weil traumatisierte Menschen oft nicht primär an mangelndem Willen scheitern, sondern an einem Nervensystem, das sehr schnell Gefahr, Unsicherheit oder Überforderung signalisiert. Wenn aber zuerst digitale Verlässlichkeit, kleine gemeinsame Erfolge und ein Gefühl von Ähnlichkeit oder Kameradschaft entstehen, dann wird die Hürde für ein echtes Treffen deutlich kleiner.

Geldbeträge per App

Das MindGuard-Prinzip sieht kleine Geldzahlungen für aktive User vor. Wie begründen Sie das?
Viele Veteraninnen und Veteranen kämpfen nicht nur mit Stress, Trauma oder sozialem Rückzug, sondern zugleich auch mit finanzieller Unsicherheit, Perspektivverlust und dem Gefühl, nach ihrer Rückkehr zu wenig gesehen zu werden. Ich selbst war ja mehrfach in der Ukraine und habe dort auch einige dutzend Veteranen persönlich mit einem Dolmetscher interviewt. Dabei kam auch oft der Wunsch nach finanzieller Hilfe auf.

Bringen kleine Geldbeträge wirklich etwas?
Für uns ist Geld nie die eigentliche Heilung, sondern ein kleiner, realistischer Verstärker innerhalb eines grösseren Resilienzsystems. Unsere bisherigen Studien zeigen, dass sich das Verhalten der Veteranen schnell von extrinsisch motivierten finanziellen Anreizen zu intrinsisch motivierter Aktivität auf der App wandelt. Wir belohnen ja keine Selbstauskunft über Trauma oder Ähnliches, sondern rein die regelmässige Ausführung von gesundheitsfördernden Handlungen.

Und ganz offen gesagt: Wenn wir möchten, dass Menschen nach Kriegserfahrungen ins alltägliche Leben zurückfinden, sollten wir nicht überrascht sein, dass auch finanzielle Anreizsysteme eine Rolle spielen. Entscheidend ist, dass sie ethisch sauber eingesetzt werden. Ein Beispiel: Wir zahlen das Geld bewusst nur zu solchen Zeiten aus, wo es statistisch gesehen eher für Essen und die Familie, denn für Alkohol ausgegeben wird.

Ist das wissenschaftlich abgesichert?
Ja, sehr stark sogar. Aus der Verhaltenspsychologie und der Dopaminforschung wissen wir, dass Menschen deutlich eher in gesunde Routinen hineinkommen, wenn auf eine kleine Handlung auch eine unmittelbare, spürbare Rückmeldung folgt. Der positive Effekt von gesundheitsfördernden Tätigkeiten und meditativen Atemübungen ist ebenfalls klar nachgewiesen.

Anzumerken ist, dass wir dieses Vorgehen zuerst noch testen; falls die Leute auch ohne finanzielle Anreize die App sehr gerne nutzen – trotz aller Kriegsbelastung und Stress –, würden wir eventuell eher auf intrinsische Motivation statt extrinsische Anreize aufbauen.

Klinische Validierung

Wie geht es nun konkret weiter?
Diesen Monat startet in der Ukraine die erste Phase der klinischen Validierung. Zunächst beginnen wir mit einer ersten Testgruppe von gut 150 Nutzerinnen und Nutzern. Dabei untersuchen wir vor allem verhaltensbezogene Daten der App-User, die über ihre Smartwatches gewonnenen Gesundheitsdaten und Veränderungen im subjektiven Wohlbefinden.

Im Mai folgt eine zweite Gruppe mit weiteren 300 Teilnehmenden in Zusammenarbeit mit einem ukrainischen Spital. Dort werden zusätzlich mit Beihilfe einer Ethikkommission auch Speichelproben erhoben, um unter anderem Veränderungen des Cortisolspiegels, also des zentralen biologischen Stresshormons, mitzuverfolgen.

Welche externen Fachleute sind involviert?
Das Universitätsspital Zürich (USZ) und die Psychiatrische Universitätsklinik (PUK) Zürich sind für uns wichtige wissenschaftliche Partner. Führende Forscherinnen, Forscher und klinische Fachleute aus beiden Institutionen unterstützen uns insbesondere beim Studiendesign, bei der methodischen Qualitätssicherung und bei der Frage, wie wir belastbare, klinisch sinnvolle Daten erheben können. Uns war von Anfang an wichtig, dass MindGuard nicht nur technologisch innovativ ist, sondern auch wissenschaftlich und ethisch auf einem sehr soliden Fundament steht. Genau dabei helfen uns diese Partnerschaften ganz entscheidend.

Wir arbeiten zudem direkt mit dem ukrainischen Gesundheitsministerium und mit zwei der renommiertesten Veteranen-Spitäler in der Ukraine zusammen.

Ab wann rechnen Sie mit belastbaren Daten, die zeigen, dass Ihr Ansatz Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) tatsächlich hilft?
Hier müssen wir wissenschaftlich vorsichtig sein. Erste belastbare Daten bezüglich Nutzung, Stabilisierung, Stressindikatoren und Wohlbefinden erwarten wir bereits in den ersten Monaten der Validierung. Ob sich dadurch aber tatsächlich die Rate an chronischen PTBS-Fällen senken lässt, kann man seriös erst über längere Beobachtungszeiträume hinweg beurteilen. Der Fokus liegt für uns nun darauf, zu zeigen, dass MindGuard im Alltag angenommen wird und messbar zur frühen psychischen Stabilisierung beiträgt.

Inwiefern fliessen die Erkenntnisse aus den ukrainischen Kliniken zurück in die Schweizer Forschung?
Ein Rückfluss der Patientendaten ist ganz klar nicht vorgesehen; die Daten bleiben in der Ukraine. Die Schlüsse aus dem Forschungsprojekt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die methodischen Erfahrungen werden aber sicherlich gemeinsam mit Schweizer und anderen europäischen Partnern weitergedacht und weiter erforscht. Auch aufseiten der Militärakademie MILAK der Schweizer Armee besteht bereits Interesse an diesen übergeordneten Learnings. Und wir wurden auch aus Brüssel, England und den USA kontaktiert.

Sicherheit und Datenschutz

Website zu Projekt MindGuard von Benjamin Bargetzi.
Die Projekt-Website ist auf Englisch und Ukrainisch verfügbar.Bild: mymindguard.ai

Wie garantieren Sie Datensicherheit und Datenschutz in einem Land, das sich im Kriegszustand befindet und unter permanenter Cyberbedrohung steht?
Das hat bei uns absolute Priorität. Gerade weil sich die Ukraine im Krieg befindet, gehen wir hier besonders vorsichtig vor. Wir arbeiten mit einem Prinzip der Datensparsamkeit, rollenbasierten Zugriffsrechten, klaren Verschlüsselungsstandards und möglichst weitgehender Pseudonymisierung beziehungsweise Anonymisierung.

Zudem ist unser Ansatz bewusst so gestaltet, dass sensible Gesundheitsdaten nicht unnötig breit verteilt oder für andere Zwecke verwendet werden. Wo immer es geht, löscht unser System die Daten direkt wieder, die es nicht unbedingt benötigt. Als ich damals in der Ukraine war, habe ich auch Vertreter der ukrainischen Geheimdienste getroffen. Sie halfen, dass die App den Sicherheitsstandards eines Kriegsgebiets genügt.

Wo werden die hochsensiblen Daten gespeichert?
Die genaue technische Architektur wird bewusst mit Zurückhaltung kommuniziert. Grundsätzlich achten wir darauf, dass hochsensible Daten nur in entsprechend geschützten und professionell abgesicherten Infrastrukturen gespeichert werden und der Zugriff streng beschränkt bleibt. Sie dürfen davon ausgehen, dass wir auf militärischem Niveau agieren und mit sehr hohen Sicherheitsstandards arbeiten.

Die biometrischen Daten dienen in unserem System ausschliesslich dazu, individuelle Belastungsmuster besser zu erfassen und die Interventionen per App an die aktuelle Tagesform des Patienten anzupassen. Unser Interesse gilt also nicht einer dauerhaften Speicherung umfassender Gesundheitsdaten, sondern einer kurzfristigen, funktionalen Einordnung des aktuellen Zustands. Entsprechend werden diese Daten nur sehr begrenzt vorgehalten und anschliessend wieder gelöscht.

Finanzierung und Nachhaltigkeit

«Für die Ukraine arbeiten wir strikt nicht gewinnorientiert.»

Ist MindGuard als Non-Profit-Organisation oder als kommerzielles Social Enterprise konzipiert?
MindGuard ist als Social Enterprise konzipiert. Unser primärer Antrieb ist klar humanitär und gesellschaftlich.

Auch vor MindGuard habe ich bereits mehrere Initiativen gegründet, etwa das ACIT Global Future Institute, das sich global für die Förderung von freier Bildung insbesondere bei Kindern und jungen Erwachsenen einsetzt. Dort hatten wir immer das Problem, dass die NGO-Struktur uns sehr abhängig machte von Förder- und Spendengelder. Entsprechend wollten wir nun mit MindGuard eine Struktur aufbauen, die langfristig tragfähig und skalierbar ist; gerade im humanitären Bereich halte ich es für wichtig, dass gute Lösungen nicht nur idealistisch gedacht, sondern auch nachhaltig finanziert und professionell betrieben werden können. Nur so bewahrt sich auf Dauer die Beständigkeit des Projekts. Für die Ukraine arbeiten wir aber strikt nicht gewinnorientiert.

Wie wurde MindGuard finanziert, und wie sieht das Geschäftsmodell nach der Validierungsphase aus?
Ich habe bisher gut 150'000 Franken in das Projekt investiert. Nebst diesem persönlichen Investment haben wir das grosse Glück, von sehr einflussreichen und vermögenden Privatpersonen mit philanthropisch motivierter Denkweise unterstützt zu werden. Hinzu kommt, dass wir durch die Akquisition der oben bereits angesprochenen Technologie und Forschung aus den USA bereits auf einer sehr starken Basis aufbauen konnten.

Nach der Validierungsphase von April bis Juni wird entscheidend sein, was sich in der Praxis als sinnvoll, wirksam und ethisch tragfähig erweist. Denkbar sind Kooperationen mit Kliniken, öffentlichen Stellen, Veteranenorganisationen, Stiftungen oder später auch institutionellen Gesundheitspartnern. Im Zentrum steht für uns derzeit jedoch zunächst, wissenschaftlich sauber zu belegen, dass der Ansatz tatsächlich funktioniert.

Gibt es Pläne, das Modell auf andere Konfliktregionen oder den zivilen Gesundheitsmarkt zu übertragen?
Ja, grundsätzlich schon. Wenn sich der Ansatz in der Ukraine als wirksam, sicher und tragfähig erweist, wäre es natürlich naheliegend, ihn später auch in kulturell angepasster Form auf andere Kontexte und Krisengebiete zu übertragen. Die zugrunde liegenden neurologischen Mechanismen sind ja nicht nur im Krieg relevant, sondern auch in anderen Hochstress-Umfeldern.

Aus meiner Sicht ist es aber falsch, zu früh in «Skalierungsfantasien» zu verfallen. Derzeit liegt unser Fokus klar auf der Ukraine. Dort ist der Bedarf akut, dort haben wir unsere Partner, und dort muss der Ansatz sich zuerst wissenschaftlich und praktisch bewähren.

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Die Ukraine ist auf Europas Solidarität angewiesen, um die immensen Folgen des russischen Angriffskrieges zu bewältigen.Bild: keystone

In Ihren Vorträgen betonen Sie, dass die Zukunft «gut wird». Wie bewahren Sie sich diesen Optimismus angesichts der traumatischen Realitäten?
Für mich ist Optimismus keine naive Verdrängung von Leid, sondern eine bewusste Entscheidung, trotz Leid an Gestaltung zu glauben. Gerade wenn man sich intensiv mit Trauma, Krieg und menschlicher Verletzlichkeit beschäftigt, sieht man ja auch, wie erstaunlich widerstandsfähig Menschen sein können. Ich habe in der Ukraine nicht nur Schmerz gesehen, sondern auch Würde, Mut, Humor, Loyalität und einen enormen Lebenswillen. Das beeindruckt mich tief. Mein Optimismus kommt deshalb nicht daher, dass ich die Realität unterschätze, sondern eher daher, dass ich die menschliche Fähigkeit zur Anpassung, Heilung und zum Wiederaufbau sehr ernst nehme.

Sie reisen diese Woche erneut ins Kriegsgebiet. Haben Sie keine Angst?
Doch, natürlich. Ich halte es weder für klug noch für ehrlich, so zu tun, als hätte man in einem Kriegsgebiet keinerlei Angst. Das ist ja zunächst einmal eine gesunde und biologisch sinnvolle Reaktion. Entscheidend ist aus meiner Sicht nicht, ob man Angst hat, sondern wie man mit ihr umgeht. Ich versuche, Risiken so gut wie möglich vorzubereiten, mich mit den richtigen Menschen abzustimmen und die Reise nicht leichtfertig anzugehen. Aber wenn man sich ernsthaft entschieden hat, helfen zu wollen, dann kann man sich nicht nur dort engagieren, wo es bequem und vollkommen sicher ist.

Wo möchten Sie mit MindGuard in fünf Jahren stehen?
Wir arbeiten tagtäglich daran, dass wir in fünf Jahren sagen können, wir haben nicht nur eine App gebaut, sondern eine strukturelle Veränderung in der psychologischen Versorgung und dem Wiederaufbau eines kriegsversehrten Landes herbeigeführt. Wir wollen beweisen, dass Technologie nichts Böses ist, sondern in Kombination mit dem menschlichen Willen zu gesellschaftlicher Erneuerung führen kann. Hoffnung beginnt, wenn wir sie teilen; und wenn Menschen heilen, heilt ein Land.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Projekt MindGuard wurde vom Schweizer Neurowissenschaftler Benjamin Bargetzi lanciert, um die psychische Gesundheit von ukrainischen Kriegsveteranen und -veteraninnen zu fördern und sie bei der Rückkehr ins zivile Leben zu unterstützen.
  • Die MindGuard-Plattform basiert auf dem Prinzip «Handeln statt Grübeln» und nutzt körperliche Mikro-Interventionen wie Liegestütze oder Atemtechniken zur Regulierung eines überreizten Nervensystems.
  • Im Gegensatz zu anderen Mental-Health-Apps wird bewusst auf Chatbot-geführte Therapiegespräche verzichtet und stattdessen KI im Hintergrund zur Personalisierung und Mustererkennung eingesetzt.
  • Zu den wissenschaftlichen Partnern gehören das Universitätsspital Zürich (USZ) sowie die Psychiatrische Universitätsklinik (PUK) Zürich, aber auch renommierte medizinische Institutionen in der Ukraine.
  • Ein wissenschaftlicher Beirat begleitet das Projekt. Koryphäen der Traumaforschung und Psychiatrie aus Europa, Schweiz, Ukraine und den USA unterstützen die Entwickler dabei, das System in Einklang mit der neuesten Forschung aufzubauen.
  • Im April 2026 startet die offizielle klinische Validierung in der Ukraine. Zur Messung von Stressveränderungen werden neben Daten von «Wearables» (Sportuhren etc.) in einer späteren Phase auch Speichelproben zur Analyse des Cortisolspiegels erhoben.
  • Das Schweizer Start-up MindGuard ist als Social Enterprise konzipiert, arbeitet innerhalb der Ukraine jedoch strikt nicht gewinnorientiert.
  • Um den Gefahren in einem Kriegsgebiet zu begegnen, nutzt die Plattform militärische IT-Sicherheitsstandards, Verschlüsselung und das Prinzip der Datensparsamkeit.

Anmerkung der Redaktion: Die in diesem Beitrag thematisierte App ist nicht frei verfügbar.

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Wie die Techkonzerne das Internet kaputtmachen
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Wie die Techkonzerne das Internet kaputtmachen

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mag sich als Nerd verkleiden, doch das ändert nichts daran, dass der Techmilliardär ein Totengräber des freien Internets ist. In diesem Beitrag erfährst du, warum jede neue Plattform für uns User im Desaster endet...

quelle: keystone / nic coury
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Reportage: Wie die Ukraine (verletzte) Veteranen wieder fit für den Arbeitsmarkt macht
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10 Kommentare
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Petersilly
15.04.2026 09:21registriert August 2020
Letztlich geht es bei MindGuard nicht nur um eine technologische Innovation, sondern um Solidarität, Würde und langfristige Stabilität – Werte, die nicht nur für die Ukraine, sondern für unsere globale Gemeinschaft von zentraler Bedeutung sind.

Ein Projekt, das Hoffnung nicht nur predigt, sondern systematisch fördert.

Respekt und beste Unterstützung für die Weiterentwicklung!
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001243.3e08972a@apple
15.04.2026 09:22registriert Juli 2024
Danke. ❤️
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