5 Jahre Taliban-Herrschaft – diese Gesetze haben Afghanistan verändert
Seit der Machtübernahme vor fünf Jahren haben die Taliban schrittweise ein alternatives Rechtssystem aufgebaut. Die Rechtsetzung in Afghanistan funktioniert nicht mehr wie in einem parlamentarischen System. Neben mit im Amtsblatt veröffentlichten «Gesetzen» regieren die Taliban insbesondere durch Dekrete des obersten Führers, ministerielle Erlasse, Rundschreiben und verbindliche Anweisungen.
Amnesty berichtete im Juni 2026 unter Verweis auf UN-Angaben von mehr als 470 Dekreten, Direktiven und Anordnungen seit 2021. Besonders einschneidend sind die neuen Regelungen für Frauen und Mädchen – UN Women zählt inzwischen mehr als 100 Massnahmen, die sie betreffen.
Die wichtigsten Gesetzesänderungen in Afghanistan im Überblick.
«Sonderdekret über Frauenrechte»
Nur rund vier Monate nach der Machtübernahme erliessen die Taliban das «Sonderdekret über Frauenrechte» – ein zehn Artikel umfassendes Dekret, das zunächst einige Rechte von Frauen festschrieb. So sollte etwa eine Frau einer Ehe zustimmen müssen, wodurch Zwangsverheiratung untersagt wurde. Spätere Regelungen stehen jedoch im Widerspruch zu diesem Dekret.
Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Frauen
Wenig später ordneten die Taliban an, dass Frauen bei längeren Reisen von einem männlichen Mahram (bezeichnet im Islam einen Verwandten) begleitet werden müssen. In einigen Teilen des Landes wird von Frauen jedoch erwartet, dass sie auch bei kürzeren Strecken in Begleitung eines männlichen Vormunds reisen. Das Zuhause wurde als bevorzugter Aufenthaltsort dargestellt. Männliche Angehörige werden für Verstösse verantwortlich gemacht.
Für diejenigen ohne nahe männliche Verwandte ist die Lage prekär. Sie dürfen nicht einmal Lebensmittel kaufen, ohne ihre Sicherheit zu gefährden.
Verschärfte Bekleidungsvorschriften für Frauen
Im Mai 2022 verschärften die Taliban die Bekleidungsvorschriften für Frauen. Sie sollten den Körper von Kopf bis Fuss bedecken. Auch hier wurden männliche Familienangehörige für die Einhaltung der Regeln verantwortlich gemacht. Sollten sich Frauen und Mädchen weigern, die Vorschriften zu befolgen, droht den Männern eine Haftstrafe.
Ausschluss von Mädchen aus weiterführenden Schulen
Afghanische Mädchen dürfen seit 2022 nur bis einschliesslich der sechsten Klasse reguläre Schulen besuchen. Afghanistan ist damit das einzige Land, in dem Mädchen landesweit von der Sekundarschulbildung ausgeschlossen werden.
Verbot von Schlafmohn und Drogen
Ein Dekret von April 2022 verbietet den Anbau von Schlafmohn. Auch die Produktion, Verwendung und Handel mit verschiedenen anderen Rauschmitteln verboten die Taliban.
Verpflichtende Anwendung der Taliban-Auslegung der Scharia
Im November 2022 ordnete der oberste Taliban-Führer den Richtern die Anwendung von Hudud-, Qisas- und anderen Scharia-Strafen an, sollten nach ihrer Rechtsauffassung die Voraussetzungen erfüllt sein. Öffentliche Auspeitschungen sowie andere Körperstrafen nahmen daraufhin deutlich zu.
Ausschluss von Frauen aus Parks, Fitnessstudios, Universitäten und Arbeit
Ende 2022 wurden Frauen erst von Parks und Fitnessstudios ausgeschlossen, und dann auch von öffentlichen und privaten Universitäten. Am 24. Dezember folgte das Verbot, Frauen bei nationalen und internationalen NGOs zu beschäftigen.
Arbeitsverbot für Frauen bei den Vereinten Nationen
Die NGO-Regel wurde wenig später auf afghanische Mitarbeiterinnen der Vereinten Nationen ausgeweitet. UNAMA (United Nations Assistance Mission in Afghanistan) bestätigte diese Änderung.
Schliessung von Schönheitssalons
Im Juli 2023 mussten Schönheitssalons schliessen, die von Frauen geführt oder für Frauen bestimmt waren. Somit fiel einer der wenigen verbliebenen privaten Erwerbsbereiche für Frauen weg.
Verbot von politischen Parteien
Einen Monat später wurden sämtliche politischen Parteien in Afghanistan verboten. Der Taliban-Justizminister hatte dieses Gesetz damit begründet, dass Parteien keine Grundlage in der Scharia hätten.
Gesetz zur «Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters»
Im August 2024 erliessen die Taliban das Gesetz zur «Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters». Dabei handelt es sich um ein strenges moralisches Regelwerk, das viele ältere Einzelanweisungen in einem kodifizierten Taliban-Gesetz bündelt. Es legalisiert die Befugnisse der «Sittenwächter» und schränkt die Grundrechte massiv ein. Dabei zielt es vor allem auf die vollständige Verdrängung von Frauen aus dem öffentlichen Leben ab.
Das Gesetz beinhaltet unter anderem die vollständige Körper- und Gesichtsbedeckung von Frauen, die Einschränkung des Kontakts zwischen nicht verwandten Männern und Frauen sowie die Verbote von Musik, Alkohol, Glücksspiel und zahlreichen bildlichen Darstellungen.
Verbot medizinischer Ausbildung für Frauen
Ende 2024 schlossen die Taliban Frauen und Mädchen vom Besuch privater medizinischer Ausbildungsstätten, etwa für Krankenpflege und Hebammenbildung, aus.
Neue strafrechtliche Gerichtsregeln
Anfang dieses Jahres erliessen die Taliban neue strafrechtliche Gerichtsregeln. Damit legten sie Tatbestände und Strafen für Taliban-Gerichte fest. Die Regeln enthalten unter anderem Körperstrafen und erweitert anwendbare Todesstrafen. Sie unterscheiden bei Strafen nach sozialem Status und enthalten diskriminierende Bestimmungen gegenüber Frauen und religiösen Minderheiten. So kann einer Frau Haft drohen, wenn sie wiederholt ohne Erlaubnis ihres Ehemannes Verwandte besucht und eine gerichtliche Rückkehranordnung missachtet. Seitdem wird häusliche Gewalt zudem nur unter sehr engen Voraussetzungen erfasst.
Erleichterung von Kinderehen
Eine der letzten Änderungen ist ein Familienrechtsdekret. Es regelt, unter welchen Voraussetzungen sich insbesondere Frauen trennen können.
Darüber hinaus erkennt es von Vätern oder Grossvätern arrangierte Ehen Minderjähriger unter bestimmten Voraussetzungen an – so kann das Schweigen eines Mädchens nach Eintritt der Pubertät als Zustimmung gewertet werden. Gleichzeitig werden die Möglichkeiten von Frauen, eine solche Ehe anzufechten oder zu verlassen, stark eingeschränkt. Amnesty und UN-Menschenrechtsexperten warnen deshalb, dass das Dekret Kinderehen rechtlich legitimiert.
