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US-Psychiaterin will Trump-Kritik als Krankheit anerkennen lassen

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US-Psychiaterin will Trump-Kritik als Krankheit anerkennen lassen – das steckt dahinter

Trump-Kritiker als psychisch Kranke einstufen: Diese Idee treibt nicht nur eine Psychiaterin in den USA voran. Was wie ein schlechter Scherz klingt, vergiftet die politische Debatte.
30.10.2026, 16:4530.10.2026, 16:47
Julia Naue / t-online
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t-online

Carole Lieberman muss selbst lachen, als sie erzählt, was sie vorhat. «Das ist eine ziemliche Aufgabe», sagt die Psychiaterin. Doch sie gibt sich überzeugt: Die Situation sei mittlerweile so «todernst», dass sie handeln müsse. Lieberman will etwas, das sie «Trump Derangement Syndrome» nennt, offiziell als psychische Störung anerkennen lassen. «Ich rede hier nicht über Leute, die Trump mögen oder nicht», sagt sie bei ihrem Auftritt im Nationalen Presseclub in Washington. «Es geht um etwas viel Ernsteres.»

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Carole Lieberman (Archivbild): Die Psychiaterin hält die Lage für «todernst».Bild: www.imago-images.de

Lieberman hat den Begriff «Trump Derangement Syndrome», abgekürzt TDS, nicht erfunden. Es handelt sich um einen abwertenden Ausdruck für angeblich irrationale Reaktionen auf US-Präsident Donald Trump. Er wird vor allem von Trump-Unterstützern und Trump selbst verwendet, um Kritik an dem Republikaner als übertrieben oder gar hysterisch darzustellen.

Eigentlich kommt der Begriff aus einer ganz anderen Zeit: Der konservative Kommentator Charles Krauthammer prägte 2003 den Ausdruck «Bush Derangement Syndrome» für die Kritiker des damaligen Präsidenten George W. Bush. Seitdem wird der Ausdruck immer wieder im Zusammenhang mit unterschiedlichen Politikern genutzt. Wirklich populär wurde er aber erst bei Trump.

Zwar wird TDS heute auch umgekehrt verwendet: Trump-Kritiker nutzen den Ausdruck für Unterstützer, die Trump ihrer Ansicht nach bedingungslos verteidigen. Vorherrschend bleibt aber die Verwendung im Trump-Lager, das seine Gegner abwerten und als krank darstellen will.

Lieberman: «Irrationaler Hass auf alles, was mit Trump zu tun hat»

Trump postete vor einigen Monaten auf seiner Plattform Truth Social sogar ein KI-generiertes Video, in dem er als «Dr. Trump» in einem weissen Kittel zu sehen ist und einen «Behandlungsplan» gegen das «Trump Derangement Syndrome» anbietet. In dem Video sind als geheilte Patientinnen Trumps Intimfeindin, die Komikerin Rosie O'Donnell, und Schauspielerin Julia Roberts dargestellt.

Die Psychiaterin Lieberman, die regelmässig als konservative Stimme in den Medien auftritt, hat nun kurz vor den wichtigen Zwischenwahlen einen Antrag an die US-amerikanische Fachgesellschaft der Psychiater verfasst, in dem sie fordert, das «Trump Derangement Syndrome» (TDS) als psychische Störung in das offizielle Diagnosehandbuch der Gesellschaft aufzunehmen. Sie habe jetzt sogar endlich einen Termin bekommen, behauptet sie.

Es sei wichtig, dass betroffene Menschen behandelt würden, sagt Lieberman mit ernster Miene. Aber auch für Freunde und Angehörige wäre es ein grosser Schritt, weil TDS Familien und Freundschaften zerstört habe. Sie habe Freundinnen verloren, weil sie Trump unterstütze, so die Psychiaterin mit Praxis in Beverly Hills.

Psychiaterin Carole Lieberman: Sie stellt ihren Antrag in Washington vor.
Psychiaterin Carole Lieberman: Sie stellt ihren Antrag in Washington vor.Bild: Julia Naue/t-online

In ihrem Antrag definiert sie TDS als «irrationalen, quasi-psychotischen Hass auf alles, was mit Trump zu tun hat». Es sei ein «Hass, der zu Wut und masslosen Bemühungen führe, ihn und sein Wirken zu zerstören», so Lieberman. Besonders anfällig, sagt sie, seien Männer mit niedrigem Selbstwertgefühl oder feministische Frauen mit höherer Bildung ohne Partner.

Madonna, Obama und sogar der Papst angeblich betroffen

In ihrem Antrag nennt sie Beispiele für «milde Formen»: Betroffene würden zum Beispiel schreien oder etwas in Richtung Fernseher werfen, wenn Trump dort auftrete. Ein weiteres Symptom seien heftige Reaktionen, wenn Trumps Name falle oder mit ihm verbundene Lieder wie «YMCA» und «God Bless the USA» erklingen würden. Berühmte Beispiele für so eine Form seien die Popstars Madonna oder Bruce Springsteen, aber höchstwahrscheinlich auch der Papst, heisst es in dem Antrag.

Bei moderaten Formen litten Betroffene unter einer ausgeprägten Unfähigkeit, zwischen der Ablehnung von Trumps Politik und der persönlichen Abneigung gegen ihn zu unterscheiden – verbunden mit jähzornigen Wutausbrüchen gegen alle, die es wagten, dies infrage zu stellen. Einige Erkrankte würden sich auch «in Fantasien über Trumps Tod ergehen und daraus Befriedigung ziehen». Andere würden im Strassenverkehr aggressiv reagieren, wenn sie einen Trump-Aufkleber auf einem Fahrzeug sehen. Auch hier nennt Lieberman wieder Beispiele für Betroffene einer moderaten Form, darunter Popstar Cher oder Ex-Präsident Barack Obama.

Former President Barack Obama, right, embraces Bruce Springsteen during the dedication ceremony for the Obama Presidential Center, Thursday, June 18, 2026, in Chicago. (AP Photo/Jon Cherry)
Barack Oba ...
Barack Obama und Bruce Springsteen: Lieberman ist der Auffassung, beide litten am «Trump Derangement Syndrome».Bild: keystone

Schliesslich gebe es noch schwere Verläufe, so Lieberman. Mögliche Symptome seien: aus Protest gegen Trump die USA verlassen und sich in einem anderen Land niederlassen oder illegale Handlungen begehen, um Trump aufzuhalten. Auch aufgelistet: das private Tesla-Fahrzeug einer Person, einen Tesla-Ausstellungsraum oder eine Produktionsstätte angreifen.

Beispiele für den schweren Verlauf seien zahlreiche Richter in den USA, die gegen Trump entschieden haben, oder der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani. Lieberman merkt immerhin noch an, dass sie die genannten Betroffenen allesamt nicht selbst untersucht habe.

Nun könnte man sagen: Lieberman ist vielleicht keine ganz ernst zu nehmende Psychiaterin mehr, sondern eher eine Fernsehpersönlichkeit, die rund um die Midterms nach Aufmerksamkeit sucht und sich zu vermarkten weiss. Und kurz vor den Midterms macht ihr Vorstoss noch einmal mehr Wirbel, aber bei der Fachgesellschaft der Psychiater dürfte das Scheitern fast sicher sein.

Sogar der Gesundheitsminister spricht davon

Doch das «Trump Derangement Syndrome» steht in der US-Politik für Schwerwiegenderes: Es geht um die Delegitimierung inhaltlicher Kritik als irrational oder krankhaft, das Lächerlichmachen und Herabsetzen des politischen Gegners. Diese Strategie vergiftet nicht nur die politische Debatte, sie macht eine inhaltliche Auseinandersetzung mit politischen Streitthemen nahezu unmöglich.

Die Kolumnistin und Autorin Michelle Goldberg schrieb vergangenes Jahr in der «New York Times»: Die politische Rechte habe den Begriff erfunden, um «Analysen von Trumps autokratischen Tendenzen, seiner zwanghaften Lügerei und seinem insgesamt verabscheuungswürdigen Charakter als liberale Hysterie abzutun». Für Konservative, die sich nicht mit substanzieller Kritik an Trump auseinandersetzen wollten, sei das «Trump Derangement Syndrome» eine Möglichkeit, kritisches Denken abzuwürgen.

Nicht nur Trump selbst unterstellt Kritikern regelmässig, psychisch krank zu sein und am TDS zu leiden. Der Ausdruck findet sich in offiziellen Pressemitteilungen des Weissen Hauses und anderer Ministerien. Sogar der Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. sprach davon, dass TDS bei einigen Trump-Gegnern «pathologisch» sei. Und Trumps Republikaner nutzen TDS auch als politische Waffe in den Parlamenten.

epa13340229 US President Donald Trump attends the White House Trick-or-Treat event at the White House in Washington, DC, USA, 29 October 2026. EPA/Aaron Schwartz / POOL
Donald Trump hat Mühe mit Kritik.Bild: keystone

Republikaner schreiben Gesetzesentwürfe

So haben etwa republikanische Abgeordnete im Senat von Minnesota einen Gesetzentwurf eingebracht, der das «Trump Derangement Syndrome» in diesem Bundesstaat als psychische Erkrankung einstufen soll. Ihr Vorstoss war nicht erfolgreich. Die demokratische Mehrheitsführerin im Senat, Erin Murphy, sagte damals aber: «Falls das als Scherz gemeint ist, verschwendet es die Arbeitszeit der Mitarbeitenden und Steuergelder und verharmlost zugleich schwerwiegende psychische Erkrankungen.»

Auch auf Bundesebene machte ein Republikaner TDS zum Thema und brachte es in den US-Kongress. Der Republikaner Warren Davidson forderte im Mai 2025 die Nationalen Gesundheitsinstitute NIH in einem Gesetzentwurf dazu auf, Forschung zu dem Phänomen durchzuführen oder zu unterstützen. Der Entwurf ist niemals verabschiedet worden.

Psychiaterin Lieberman hat sich bei ihrem Auftritt im Nationalen Presseclub in Washington prominente Unterstützung an ihre Seite geholt. Ein Journalist des konservativen TV-Senders Fox News moderiert die Veranstaltung, eine Reporterin des rechten Senders One America News Network, ein konservativer Radiomoderator und andere Medienpersönlichkeiten sitzen mit auf der Bühne und pflichten Lieberman bei. Die Demokraten seien gegen alles, wofür Trump sei – und das sei krankhaft, so die einhellige Meinung.

Die Runde ist sich einig: Kritik am Präsidenten, juristische Niederlagen Trumps oder Klagen gegen ihn, politische Gewalt, negative Berichterstattung in der Presse, Proteste gegen Trumps Politik: All das gehe auf das «Trump Derangement Syndrome» zurück. Trump selbst ist in dieser Welt unfehlbar.

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