CIA-Chef in Moskau – Geheimdienste sollen über brisante Informationen verfügen
Was ist passiert?
Das Flugzeug, das am Dienstag am Moskauer Flughafen Wnukowo landete, errregte Aufsehen. Es handelte sich um eine C-17A Globemaster III der US-Luftwaffe. An Bord des riesigen Militärtransporters befand sich offenbar ein hochrangiger Gesandter. Einen offiziellen Empfang gab es dennoch nicht, nicht einmal eine Bestätigung, dass der Flug aus den USA tatsächlich eingetroffen war. Vom Kreml hiess es, man wisse von nichts.
Wie ukrainische Medien berichten, hatten die USA die Regierung in Kiew aber zuvor gebeten, vom 24. bis zum 26. August keine Drohnenangriffe auf die Städte St.Petersburg und Moskau durchzuführen. Solcherlei Anfragen werden normalerweise nur erteilt, wenn hochrangige Staatsgäste den Luftraum passieren. Der Grund: An Bord der Maschine befand sich offenbar der Chef des US-Auslandsgeheimdiensts CIA: John Ratcliffe.
Was tat der CIA-Chef in Russland?
Was Ratcliffe dazu bewogen hatte, inmitten zunehmender Spannungen nach Moskau zu reisen, wurde sogleich Gegenstand von Spekulationen. Wollte der CIA-Boss in den Kreml, um Russlands autoritärem Herrscher eine Nachricht zu überbringen? Davon gehen jedenfalls die meisten politischen Beobachter aus. Wie unter anderem das «Wall Street Journal» berichtet, soll Trumps Mann der Führung in Moskau ins Gewissen geredet haben. Von einer Warnung an Wladimir Putin ist sogar die Rede.
Putin plant Mobilisierung
Die Zeitung berichtet unter Berufung auf amerikanische Geheimdienstquellen, dass die US-Regierung Informationen über eine grossangelegte Mobilisierungskampagne des Kreml besitzt. Damit rechnen einige Experten schon seit Monaten.
Nach den Parlaments-Wahlen Ende September könnte Putin eine solche Mobilisierung ausrufen. Sicher ist das jedoch nicht. Das Risiko für den Despoten in Moskau ist hoch. Denn der Unmut in der Bevölkerung über Engpässe an den Tankstellen und steigende Lebenshaltungskosten ist schon jetzt deutlich spürbar im Land. Eine grossangelegte Einberufung – die Rede ist von bis zu 300'000 Russen – dürfte die Lage für den Kremlherrscher verschärfen.
Ging es um eine mögliche Nato-Provokation oder den Iran?
Die Geheimniskrämerei um den Besuch Ratcliffs könnte jedoch auch noch einen weiteren Grund haben. Denn wie das «WSJ» berichtet, sollen die US-Geheimdienste auch über die Information verfügen, dass Putin einen Schlag gegen die Nato plant. Demnach wolle der 72-Jährige das Verteidigungsbündnis militärisch auf die Probe stellen.
«Es könnte darum gehen, Putin zu sagen: 'Wir wissen, was Sie vorhaben, und Sie sollten es besser lassen'», zitiert das Blatt Beth Sanner, die ehemalige Vize-Direktorin des US-Geheimdienstes für Missionsintegration.
Doch auch wenn Putin nichts dergleichen vorhat, weder eine Mobilisierung noch einen Angriff auf die Nato, ist die zweite Option nicht gerade beruhigender. Trump könnte sich dazu entschieden haben, den Kreml als Mittler im Iran-Konflikt einzuschalten und die militärische Unterstützung Teherans – etwa durch die Bereitstellung russischer Satellitendaten für iranische Angriffe auf US-Truppen – zu stoppen. Doch dafür wird Putin eine Gegenleistung verlangen. Und die könnte wiederum mit der Ukraine zu tun haben.
«Es könnte auch um den Waffenstillstand im Iran gehen und darum, eine weitere Partei in die Gespräche einzubeziehen», sagte CIA-Kennerin Beth Sanner. Ratcliffe könnte möglicherweise die Unterstützung des Kremls für die ins Stocken geratenen Verhandlungen der USA mit dem Iran anfragen. Schon im April hatte der Kreml erstmals seine Rolle als Mediator in dem Konflikt zwischen den USA und Iran angeboten.
Warum ist der Besuch aus Ukraine-Sicht brisant?
2021 kam schon einmal ein CIA-Chef nach Moskau
So oder so, es wären keine guten Nachrichten für die Ukraine und für Europa. Das letzte Mal, dass ein CIA-Chef Moskau besuchte, war im November 2021. Damals reiste William Burns nach Moskau, um Putin vor einer völkerrechtswidrigen Invasion der Ukraine zu warnen. Drei Monate später überfiel Russland das Nachbarland und begann einen brutalen Vernichtungskrieg, der nun schon länger andauert als der Kampf der Roten Armee gegen die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.
Trump versprach Patriot-Lizenzen – passiert ist nichts
Derzeit gibt es in den USA mehrere pro-ukrainische Initiativen, die Russland schaden. Dazu zählt etwa die Überlegung, Kiew Lizenzen zum Bau von Patriot-Abwehrraketen zu geben. Beim Nato-Gipfel im Juli hatte Trump dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj noch zugesagt, der ukrainischen Rüstungsindustrie diese Lizenzen zu verkaufen. Seitdem ist jedoch nichts mehr passiert.
Auch die Bitte Kiews an Trump, Patriot-Raketen in den USA kaufen zu dürfen, blieb bislang unbeantwortet. Die Bestände an Abwehrraketen der Ukraine sind so gut wie leer. Das Land ist dem täglichen Bombenterror Russlands quasi schutzlos ausgesetzt. Und das Putin-Regime hat seine Angriffe auf kritische und zivile Infrastruktur im Nachbarland in den vergangenen Wochen ausgeweitet. Ginge es nach dem Kreml-Despoten, soll das auch noch eine Weile so bleiben. Er will mit den täglichen Bombardierungen auf Wohnhäuser, Schulen und die Strom- und Wasserversorgung das Leben in den ukrainischen Städten unmöglich machen. Eine Ukraine ohne Munition für Abwehrraketen käme ihm dabei recht.
Druckmittel? Der «Lindsey O. Graham Act»
Ein anderes Druckmittel, das dem russischen Machthaber vorschweben dürfte, betrifft das neuerliche Sanktionspaket: der «Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act of 2026», wie sein Titel offiziell heisst. In den USA ist das nach dem im Juli verstorbenen Senator Lindsey Graham benannte Paket bereits vom Senat mit grosser Mehrheit verabschiedet worden. Nun muss es noch durch die zweite Kammer des US-Parlaments, bevor es vom Präsidenten unterzeichnet wird.
Sollte dieses Sanktionspaket tatsächlich in Kraft treten, hätte es womöglich schwere Folgen für den russischen Finanzsektor und die Ölindustrie. Die ohnehin geschwächte russische Wirtschaft könnte durch die geplanten, weitreichenden US-Sanktionen zusätzlich unter Druck geraten, der Unmut in der Bevölkerung weiter steigen. Putin dürfte daran gelegen sein, dieses Szenario unbedingt zu verhindern.
Warum Trump und Putin unter Druck sind
Fakt ist, dass sich die USA und Russsland in einer ähnlichen Lage befinden. Beide Regierungen stecken in einem desaströsen Krieg, aus dem es keinen schnellen Ausweg gibt. Beide sehen sich wichtigen Wahlen gegenüber – Russland schon in wenigen Wochen, die USA Anfang November. Eine Vereinbarung zwischen Trump und Putin halten Beobachter daher nicht für ausgeschlossen.
Der Besuch von John Ratcliffe in Moskau könnte dafür ein Indiz gewesen sein. «CIA-Direktoren reisen normalerweise nicht nach Moskau», sagte Glen Howard, Russlandexperte der US-Denkfabrik Saratoga Foundation gegenüber «Radio Free Europe». Der US-Analyst ist überzeugt, dass Ratcliffe mit einem dringenden Anliegen im Kreml auftaucht. Er ist «sicher nicht einfach so den ganzen Weg nach Russland gereist», so Howard, «es sei denn, es ist wirklich wichtig».
Quellen
- wsj.com: CIA Director John Ratcliffe Makes Surprise Trip to Moscow (kostenpflichtig)
- kyivindependent.com: US asked Ukraine to refrain from striking Moscow during CIA chief's visit, source says
- rferl.org: CIA Director Ratcliffe's Surprise Moscow Trip Raises Questions Over Russia, Ukraine, Iran
- cbsnews.com: CIA Director John Ratcliffe on secret trip in Russia
- nestcentre.org: Could Russia become a mediator between the US and Iran?
- aljazeera.com: Kremlin denies US talks amid reports CIA Director Ratcliffe in Russia
- bbc.com: Russia's second-biggest online retailer targeted in Ukrainian strikes
- abcnews.com: Putin issues decree opening door to state control of key sites after drone strikes
(dsc/t-online)

