Warum ein TV-Spot zu Trumps Waterloo wird
Im Rennen um den widerlichsten Politiker in den USA hat Vivek Ramaswamy beste Chancen auf einen Spitzenplatz, hart verfolgt von J.D. Vance. Beide zeichnet aus, was «New York Times»-Kolumnistin Michelle Goldberg wie folgt auf den Punkt bringt: Sie haben «keinen Hauch von Charme und versuchen unbeholfen, die grausamen Provokationen des Präsidenten nachzuahmen, ohne dessen dunkles Charisma und Gefühl für das komische Timing zu besitzen».
Mit der ohne den geringsten Beweis in die Welt gesetzten Behauptung, die Haitianer würden «Katzen und Hunden» essen, hat der Vizepräsident für einen Tiefpunkt im Wahlkampf 2024 gesorgt. Jetzt hat sein ehemaliger Studienkumpel Ramaswamy noch einen draufgesetzt: Er hat einen TV-Spot lanciert, in dem die Mutter von Amy Acton, seiner demokratischen Rivalin um den Gouverneursposten im Bundesstaat Ohio, ihrer Tochter vorwirft, sie sei eine Lügnerin.
Was der Spot verschweigt: Besagte Mutter hat ihre Tochter nicht verteidigt, als deren Stiefvater diese im Alter von 12 Jahren sexuell missbrauchte. Deshalb wurde dieser Frau das Sorgerecht für ihre Tochter und deren Bruder entzogen. Beide Kinder haben seither keinen Kontakt mehr zur Rabenmutter.
Der Spot hat in den letzten Tagen zu einem landesweiten Aufschrei geführt. Kein Wunder: «Es fällt schwer, sich einen grausameren und teuflischeren Akt vorzustellen, als ein Kind zu vergewaltigen», stellt David French ebenfalls in der «New York Times» fest. «Es gibt keinen grösseren Verrat, als wenn Eltern ihr Kind verraten. Und Ramaswamy hat diesen Verrat noch verschlimmert, indem er diese bösartige Mutter gegen ihre Tochter ausspielt.»
Der besagte TV-Spot ist so eklig, dass selbst verschiedene Republikaner ihrem Abscheu Ausdruck verliehen. So beispielsweise der noch amtierende Gouverneur in Ohio, Mike DeWine. Er hat Ramaswamy aufgefordert, den Spot unverzüglich wieder abzusetzen. Dieser jedoch tat genau das Gegenteil: Er will den Spot mit weiteren vier Millionen Dollar bis zum Wahltermin weiterlaufen lassen.
Ramaswamy tut dies mit der Unterstützung des Weissen Hauses. Vize Vance hat zwar ebenfalls seine Abscheu geäussert, doch nicht gegenüber dem unsäglichen Spot, sondern gegenüber den Parteifreunden, die diesen Spot verurteilen. Auch Donald Trump hat sich inzwischen zu Wort gemeldet. Der beschimpfte zunächst DeWine als RINO, als Papier-Republikaner (Republican In Name Only). Danach holte er auf seiner Plattform Truth Social zum Rundumschlag aus: «Die Presse versucht, den Spot zu schlecht zu machen, weil er so gut ist! Wer wünschte sich nicht eine solche Werbung? Ich würde sagen: Da hat jemand den Jackpot gewonnen.»
Abgesehen vom schieren Ekel ob so einer Äusserung eines Präsidenten, drängt sich die Frage auf: Weshalb tut er das? Die Antwort liegt darin, dass seine MAGA-Meute es mag, wenn sich ihr Held vulgär und primitiv aufführt. Deshalb haben seinerzeit die «Hollywood Access Tapes» – das Video, in dem Trump damit prahlt, Frauen in den Schritt zu greifen – nicht zu seiner Niederlage, sondern zu seinem Triumph geführt. Auch seine Verurteilung vor einem Zivilgericht, weil er eine ehemalige Journalistin sexuell belästigte, hat ihm nicht geschadet.
«Owning the libs» (die Linken zur Weissglut treiben) nennt man dieses Vorgehen, und auch diesmal hat Trump damit Erfolg, zumindest bei seiner MAGA-Meute. Ein Pastor namens Shane Vough fordert seine Schäfchen nicht sehr im Sinne der christlichen Nächstenliebe gar auf: «Hört auf, weich zu sein. Hört auf, schwul zu sein, hört auf, kein Rückgrat zu haben, hört auf, Mist zu bauen. Wir befinden uns im Krieg!»
Ausserhalb der MAGA-Blase sieht die Welt allerdings anders aus als 2016, ganz anders. Trumps Beliebtheitswerte sind mittlerweile auf einen historischen Tiefpunkt gefallen, alle Vorzeichen deuten auf einen Erdrutsch-Sieg der Demokraten in einer Woche hin. Inzwischen tolerieren selbst Republikaner die offene Korruption im Weissen Haus nicht mehr. Das zeigt eine Umfrage der «Financial Times». Dazu gesellen sich die Erschwinglichkeitskrise, der Krieg im Iran und die ungebrochene Inflation. Und schliesslich wird auch die Epstein-Affäre mit diesem Spot wieder aus der Versenkung geholt.
All dies ist zum Nachteil von Trump und den Republikanern. Dabei ist deren Lage bereits prekär. In der sogenannten Generic-Ballot-Umfrage – vergleichbar mit unserer Sonntagsfrage – liegen die Demokraten mittlerweile mit elf Prozentpunkten vorne. Zum Vergleich: Bei den Zwischenwahlen 2018 waren es vier Punkte weniger, trotzdem gewannen die Demokraten 41 Sitze im Abgeordnetenhaus und damit die Mehrheit.
Mit einer Monster-Rally-Tour versucht Trump, das Schlimmste noch abzuwenden und die low propensity voters – so nennt man die ungebildeten Wählerinnen und Wähler – wie vor zwei Jahren an die Urne zu prügeln. Ob ihm dies angesichts seiner miserablen Umfragewerte gelingt, ist fraglich. Zudem sind diese Rallys in den Worten des «Wall Street Journal» eher als Kuscheldecken für den Präsidenten zu verstehen denn als Wahlkampfhilfe für republikanische Kandidaten. Wenn möglich, bleiben diese denn auch diesen Rallys fern.
Die Unterstützung von Ramaswamy und seinem ekelerregenden Spot wird so zum Bumerang für Trump. Sie bietet allen Republikanern, die sich in den letzten Jahren zähneknirschend hinter den Präsidenten gestellt haben, eine Möglichkeit, sich jetzt langsam und vorsichtig zu distanzieren. Die «National Review» – eine Art amerikanisches Pendant zu unserer «Weltwoche» – beispielsweise hat die Kröte Trump jahrelang geschluckt, obwohl sie ihn anfangs 2016 noch als unwählbar bezeichnet hatte. Jetzt ist sie an vorderster Front mit dabei, Ramaswamy und Trump für den Spot zu verurteilen. Andere konservative Kommentatoren folgen diesem Beispiel.
Auf dem Höhepunkt der Kommunistenhatz in den Fünzigerjahren stellte Joseph Welch, ein Militäranwalt, dem damaligen Hassprediger Joseph McCarthy die unsterbliche Frage: «Sir, haben Sie eigentlich keinen Anstand?» «New York Times»-Kolumnistin Goldberg stellt fest, dass Politiker wie Ramaswamy, Vance und Trump darauf hoffen müssen, dass die Antwort auf diese Frage immer noch «Nein» ist.
