Der fatale Fehler von Trumps «menschlichem Drucker»
Die vergangenen Wochen waren miserabel für Donald Trump, seine eh schon schlechten Umfragewerte sind einmal mehr noch schlechter geworden. Schuld daran sind nicht die Fake News, wie der Präsident glaubt. Er ist nicht mehr populär, weil sein Krieg gegen den Iran immer mehr zu einem Desaster wird, weil die Inflation nicht besiegt ist und die Erschwinglichkeitskrise für die normalen Bürgerinnen und Bürger Tatsache bleibt, weil das brutale Vorgehen seiner Einwanderungspolizei ICE Empörung auslöst, und weil seine Eitelkeitsprojekte und seine Korruption auf kein Verständnis stossen.
All das will der Präsident nicht wahrhaben, und er muss es auch nicht. Natalie Harp, seine Assistentin und «menschlicher Drucker», füttert ihn in der Regel nur mit News, die ihn in einem guten Licht erscheinen lassen.
Am vergangenen Freitag hat sie offenbar eine Ausnahme gemacht und ihm einen Clip des linksliberalen TV-Senders MS Now (früher MSNBC) vorgespielt, in dem er schlecht ausgesehen hat. Trump tobte und erliess umgehend einen präsidialen Ukas, in dem er den Journalisten dieses Senders den Zutritt zum Weissen Haus künftig verbot. Und weil er gerade in Fahrt war, schloss er auch noch die Vertreter von CNN und Politico mit ein.
Damit haben der Präsident und sein «menschlicher Drucker» ein Eigengoal erster Güte geschossen. Der erste Zusatz der Verfassung, der die Meinungsfreiheit garantiert, ist den Amerikanerinnen und Amerikanern heilig, auch den Konservativen. Deshalb beschlossen die fünf TV-Stationen – ABC, NBC, CBS, CNN und Fox News – die in einem Pool den Präsidenten auf Schritt und Tritt verfolgen und die Videos austauschen, diesen Dienst einzustellen, bis der Präsident seinen Bann gegen die Kollegen widerrufen würde.
Solidarität unter Journalisten ist sehr selten, doch diesmal meinen sie es ernst. Als der Präsident gestern seinen neuen Helikopter-Landeplatz einweihte – ein Projekt, auf das er sehr stolz ist – blieb seine Rede ungehört. Die Tontechniker des TV-Pools blieben dem Anlass fern. Ob die Kameras Trump bei seinem Besuch bei der Uno und später bei seinem Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping begleiten werden, ist ungewiss.
Keine Kameras um sich zu haben, ist für Trump die Höchststrafe. Es ist, wie wenn man einem Junkie den Stoff entzieht. Der pathologische Narzisst soll täglich vier Stunden vor dem Bildschirm verbringen. Noch bevor er ins Weisse Haus einzog, liess er einen riesigen Bildschirm im Oval Office installieren und ihn mit einer Bedienung ausstatten, die es ihm erlaubt, mehrere Shows gleichzeitig aufzunehmen.
«Für Trump ist TV das wichtigste Ding überhaupt», erklärt denn auch Ramin Setoodeh, der Autor eines Buches über den Präsidenten, gegenüber der «New York Times». «Als ich ihn für mein Buch interviewte, vertraute er mir an, dass die Einschaltquoten das Einzige seien, das wirklich zählt. Es sei unwichtig, ob du eine gute oder eine schlechte Person bist. Wenn du eine gute Einschaltquote hast, dann bist du erfolgreich.»
Mit dem Boykott der anderen TV-Stationen hat Trump offenbar nicht gerechnet, schon gar nicht damit, dass selbst sein Lieblingssender Fox News mitmachen würde. Insgeheim wird er daher vielleicht gar hoffen, dass die Klage der drei verbannten Medien, welche diese bereits eingereicht haben, Erfolg haben wird, ihre Journalisten wieder Zutritt zum Weissen Haus erhalten und der Spuk vorbei ist.
Die Chancen für dieses Szenario stehen gut. Der zuständige Richter – er wurde von Trump ernannt – hat schon einmal in einem ähnlichen Fall gegen den Präsidenten entschieden. Damals ging es um den CNN-Reporter Jim Acosta, den Trump nicht mehr im Weissen Haus dulden wollte. Auf richterliches Geheiss musste er diesen Bann wieder aufheben.
Auch diesmal ist die Begründung für den Ausschluss der drei Medien mehr als dürftig. «Praktisch jede Geschichte, die von mir handelt, ist negativ», jammert Trump. «Das ist gefährlich für das Land.» Damit vor einem Richter den ersten Verfassungszusatz aushebeln zu wollen, dürfte schwierig sein.
Dazu kommt, dass der politische Wind in den USA gedreht hat. «Trump hat endlich das Narrativ verloren», stellen Jonathan Rauch und Peter Wehner in einem Gastkommentar in der «New York Times» fest.
Begleitet von devoten und skrupellosen Helfern wie Stephen Miller und Russell Vought und unterstützt von konservativen Ideologen wie Kevin Roberts von der Denkfabrik Heritage Foundation oder Patrick Deneen, einem Professor an der katholischen Notre Dame University, plante Trump eine kulturelle Revolution. «Ihr Projekt war es, mithilfe der Macht der Regierung und des noch nie erreichten Einflusses eines Präsidenten die Zivilgesellschaft zu dominieren und umzukrempeln», stellen Rauch/Wehner fest.
Dieses Projekt ist gescheitert, die Revolution ist abgeblasen. Ein paar Journalisten aus dem Weissen Haus zu verbannen ist letztlich nicht mehr als eine hilflose Geste. Oder wie Rauch/Wehner schreiben: «Der 80-jährige Präsident verliert die Kontrolle über die Macht und seine eigene Basis. Die MAGA-Bewegung zersplittert. Und der Präsident flösst keine Angst mehr ein. Heute wissen wir, was vor einem Jahr noch nicht klar war: Die amerikanische Zivilgesellschaft in Angst zu versetzen und neu zu organisieren ist weit schwieriger, als es sich die MAGA-Revolutionäre vorgestellt haben.»
