Trumps Gaza-Plan: Hamas soll zuerst Waffen abgeben, dann zieht Israel Truppen zurück
Am vergangenen Donnerstag verkündete US-Präsident Donald Trump, die Hamas und andere bewaffnete Gruppen im Gazastreifen hätten ihrer Entwaffnung zugestimmt; überdies werde die israelische Armee sich zurückziehen. Das entmilitarisierte Gebiet solle in Zukunft von einer neuen palästinensischen Regierung verwaltet werden, die mit dem von ihm ins Leben gerufenen Friedensrat («Board of Peace») zusammenarbeiten werde. Damit weckte Trump neue Hoffnungen auf Fortschritte in dem verfahrenen Konflikt.
Keine Einigkeit über Umsetzung
Schnell zeigte sich jedoch, dass über die Umsetzung von Trumps Friedensplan keineswegs Einigkeit herrscht. Die Hamas macht die Abgabe schwerer Waffen von mehreren Bedingungen abhängig, darunter dem Abzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen und der Gründung eines palästinensischen Staates. So sagte der an den Verhandlungen beteiligte Hamas-Vertreter Ghazi Hamad am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters, Israel müsse zunächst die Angriffe im Gazastreifen beenden und seine Streitkräfte auf die Positionen vom Oktober zurückziehen, bevor die Hamas ihre schweren Waffen abgeben werde.
In Jerusalem besteht man hingegen auf der umgekehrten Reihenfolge: Die Hamas müsse zuerst ihre Waffen abgeben, erst dann könne ein Rückzug der israelischen Truppen – sie kontrollieren derzeit etwa 70 Prozent des Küstenstreifens – erfolgen. Noch vor Trumps Ankündigung hatte ein israelischer Regierungsvertreter erklärt, man fordere «die vollständige Entwaffnung der Hamas … und die vollständige Entmilitarisierung des Streifens als Vorbedingung für jeden Prozess».
Massive Kritik an neuen Luftangriffen
Am Wochenende flog dann die israelische Luftwaffe erneut Angriffe auf Ziele im Gazastreifen; mehrere Palästinenser kamen dabei ums Leben. Die israelische Armee teilte mit, es seien ranghohe Kommandanten der Hamas getötet worden. Die Angriffe lösten scharfe Kritik der Vermittlerstaaten aus: In einer gemeinsamen Erklärung Katars, Ägyptens und der Türkei hiess es, «diese Verstösse» gefährdeten den Weg zur Deeskalation und verschärften das Leid der Zivilbevölkerung. Israel müsse seinen Verpflichtungen aus dem Völkerrecht nachkommen und die Bedingungen des Waffenruheabkommens einhalten, um dessen Umsetzung nicht zu untergraben.
Auch Nikolaj Mladenow, bulgarischer Gaza-Beauftragter des Friedensrates, verurteilte die israelischen Angriffe. Dabei seien Zivilisten getötet und medizinische Hilfsgüter zerstört worden, die die Bevölkerung benötige. «Zwei Tage lang haben Angriffe im Gazastreifen Zivilisten getötet und medizinische Hilfsgüter zerstört, auf die Menschen angewiesen sind», schrieb er auf der Plattform X.
Two days of strikes across Gaza have killed civilians and destroyed medical supplies that people depend on. This comes after intense efforts by the @BoardOfPeace and the mediators (Egypt, Turkiye, Qatar and the US) to bring the Palestinian factions in Gaza to agree to a Roadmap…
— Nickolay E. MLADENOV (@nmladenov) August 2, 2026
Zuerst Entwaffnung, dann Rückzug
Doch kurz darauf klang es wieder anders. Nach einem Treffen Mladenows mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu am Montag liess der Friedensrat auf X verlautbaren: «Entgegen unzutreffenden Berichten weisen wir darauf hin, dass der Rückzug der IDF hinter die Gelbe Linie erst erfolgen wird, sobald die Entwaffnung abgeschlossen ist, wie es die Hamas gegenüber den Vermittlern zugesagt hat.» Es scheint, dass sich hochrangige israelische Diplomaten durchgesetzt haben, die am Montag erklärt hatten, dass «wir uns unter keinen Umständen zurückziehen werden, bevor die Hamas entwaffnet ist», und dass «dies im ursprünglichen Trump-Rahmenabkommen nicht vereinbart wurde».
Misstrauen gegenüber der Hamas
Dass Israel auf der Entwaffnung der Hamas besteht, bevor es seine Truppen zurückzieht, hat mit einem tiefverwurzelten Misstrauen gegenüber der Hamas zu tun. Ein Sprecher von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte laut der Jüdischen Allgemeinen, der israelische Geheimdienst gehe davon aus, dass die Hamas weiterhin versuche, ihre militärischen Fähigkeiten wieder aufzubauen und keine echte Entwaffnung anstrebe. In der Tat hat die Terrororganisation in der Vergangenheit erklärt, weitere Angriffe auf Israel in der Art des 7. Oktobers ausführen zu wollen.
Aus israelischer Sicht ist daher die Frage der sogenannten persönlichen palästinensischen Waffen problematisch. Das Abkommen sieht vor, dass die Hamas schwere Waffen schrittweise an ein neues palästinensisches Verwaltungsgremium für den Gazastreifen übergibt und zudem die Tunnel unbrauchbar gemacht werden. Die Regelung persönlicher Waffen soll indes dem palästinensischen Recht überlassen bleiben. Für Israel bedeutet dies in der Praxis, dass die Hamas ihre Gewehre mit einem von Technokraten genehmigten Stempel behält, wie der israelische Journalist Amit Segal schreibt. «Die Tatsache, dass ‹Privatwaffen› besondere Aufmerksamkeit erhalten, ist fragwürdig, denn wenn es um die Verwaltung des Gazastreifens geht, spielen Kalaschnikows eine weitaus grössere Rolle als Tunnel oder Raketen», fügt Segal an.
Baldige Wahlen
Ein weiterer Faktor, der die israelische Politik mitbestimmt, sind die Wahlen, die am 27. Oktober stattfinden werden, also in weniger als 90 Tagen. Hauptherausforderer von Netanjahu ist Ex-Armee-Chef Gadi Eisenkot. Der Ausgang der Wahlen könnte sehr knapp werden – und dies zwingt Amtsinhaber Netanjahu dazu, in Gaza als Sieger dazustehen. Wie Segal es ausdrückt: Jeder Zentimeter, der in Gaza aufgegeben wird, bedeutet leicht einen Zentimeter, der in der Knesset aufgegeben wird. Vorderhand scheint es also, dass die israelische Regierung gegen das Abkommen arbeitet – so, wie sie es auch durch die Luftangriffe am Wochenende getan hat. Doch dies wird Jerusalem international weiter isolieren.
