Wird Russland zu einem zweiten Nordkorea?
Es läuft derzeit nicht gut für Wladimir Putin. Das Schlachtenglück scheint wieder auf der Seite der Ukraine zu sein. Gleichzeitig merkt die russische Bevölkerung immer stärker, dass der Krieg nicht bloss eine Sache bezahlter Söldner ist, sondern sie direkt betrifft. Experten schätzen, dass mittlerweile zwischen 20 und 40 Prozent aller Ölraffinerien von den Ukrainern ausgeschaltet worden sind. Deshalb müssen Autofahrer in langen Schlangen auf mittlerweile rationierten Treibstoff warten und Moskau muss notfallmässig zusätzliches Benzin aus Belarus importieren.
Auch geopolitisch verschlechtert sich die Lage. Die Europäer haben ihre Hilfe für die Ukraine massiv aufgestockt und selbst auf den launigen US-Präsidenten kann sich Putin nicht mehr verlassen. «In der Realität sind die Chancen, dass Trump einen Handel zugunsten von Putin abschliessen wird, kleiner geworden – und sie werden immer kleiner», stellt der Russlandkenner Alexander Gabuev in «Foreign Affairs» fest.
Der «Economist» bringt die Sorgen des Kremlchefs wie folgt auf den Punkt: «Die Realität widerlegt Mr. Putins oft wiederholte Versprechen, wonach die militärische Spezialoperation nach Plan verlaufe und ein Durchbruch kurz bevorstehe. Obwohl weder die russische Wirtschaft vor dem Kollaps steht noch ein Aufstand der Bevölkerung wahrscheinlich ist, spüren die Russen, dass ihr Land in eine Sackgasse geraten ist.»
Dieses Gefühl teilt auch Andrei Melnitschenko, einer der reichsten Russen. Er lebt zwar mehrheitlich in St. Moritz, ist seinem Vaterland jedoch eng verbunden und alles andere als ein Putin-Kritiker. Mit Dünger, Kohle und Stahl hat er ein Milliardenvermögen erworben, und er verfolgt die russische Politik sehr genau.
Als studierter Quantenphysiker weiss er auch, wie unsicher die Welt ist und dass derzeit auch ein Atomkrieg wieder möglich geworden ist. «Was immer uns auch in die derzeitige Situation gebracht hat, wir müssen uns bewusst sein: Wir befinden uns in Neuland», erklärt Melnitschenko im «Economist». Und er warnt: «Jede Strategie, die davon ausgeht, dass eine nukleare Eskalation eine überschaubare Ausweitung konventioneller Druckversuche sei, geht von einer falschen Annahme aus: Dass ein komplexes System an seine Grenzen gebracht werden und genau dann gestoppt werden kann, wenn es politisch erwünscht ist. Reale Systeme verhalten sich nicht so.»
Melnitschenko hat sich 60 Stunden lang mit dem «Economist» unterhalten und auch einen Gast-Essay verfasst. Darin schildert er vier mögliche Szenarien, wie der Ukraine-Krieg ausgehen könnte.
Ein besiegtes und gedemütigtes Russland würde sich ein bisschen verhalten wie Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Selbst wenn sich die historischen Umstände geändert haben, bleibt die strukturelle Logik die gleiche: Die Souveränität einer Grossmacht wird zwar gebrochen, aber sie verschwindet nicht. Sie kehrt in einer noch gefährlicheren Form zurück.
In einem zweiten möglichen Szenario wird Russland zu einem Vasallenstaat von China. Das Reich der Mitte tritt an die Stelle des Westens. Russland würde zwar die Symbole einer Grossmacht behalten, in Wirklichkeit würde es jedoch dem Diktat aus Peking folgen müssen. «Die offensichtliche Asymmetrie einer solchen Verbindung wäre toxisch», so Melnitschenko, «und man kann sich leicht vorstellen, dass daraus eine Anti-China-Koalition entsteht.»
Möglich ist auch, dass Russland nach einer Niederlage unregierbar wird. Es gäbe dann Machtkämpfe um den Besitz der Nuklearwaffen, Rohstoffe und Grenzverläufe. Es wäre ein apokalyptisches Szenario und würde gemäss Melnitschenko das «Konzept der nuklearen Abschreckung zerstören».
Nicht viel besser sieht indes sein viertes Szenario aus: Russland schliesst sich fast hermetisch von seiner Umwelt ab und wird ein riesiges Nordkorea. «Technologie, Wissenschaft, Kapital und eine Zivilgesellschaft können sich unter diesen Umständen in einem Zustand eines permanenten Notstands nicht entwickeln», so Melnitschenko. «Ein solcher Zustand beendet den Krieg nicht. Er verwandelt den Staat in eine Institution, um diesen Krieg zu organisieren.»
Wie aber können diese dystopischen Szenarien verhindert werden? Entscheidend für Melnitschenko ist, dass der Westen die Souveränität Russlands akzeptiert. «Es stellt sich nicht die Wahl zwischen einem freundlichen oder feindlichen Russland», stellt er fest. «Es geht darum, ob das Verhalten von Russland berechenbar ist oder nicht. In der sich abzeichnenden Welt ist Berechenbarkeit wichtiger als Sympathie.»
Die Frage, wie es um die Souveränität der Ukraine steht, beantwortet Melnitschenko nicht. Die Tatsache jedoch, dass ein Mann seines Kalibers sich in die Diskussion um einen möglichen Ausgang des Krieges einmischt, ist ein Hoffnungsstrahl in einer düsteren Welt.
Auch Alexander Gabuev fordert die führenden europäischen Staatsmänner dazu auf, den Dialog mit Putin zu suchen. «Die News, dass Europa einen Ausweg für den Kreml sucht, wird früher oder später auch die russische Elite erreichen», schreibt er. «Und wenn Europa dieser Elite signalisieren kann, dass ein friedlicheres Moskau auch Partner im Westen finden kann, dann könnte dies den Kreml zusätzlich unter Druck setzen.»
