Seuche erreicht Australien: «Es ist wie eine tickende Zeitbombe»
Australien war der letzte Kontinent, der von der Seuche verschont blieb. Nun gelten Hunderte einheimische Tierarten als gefährdet. Seit Juni grassiert die H5-Vogelgrippe auch auf dem australischen Festland. Inzwischen wurden mehr als 230 Infektionsfälle in mehreren Bundesstaaten nachgewiesen – zuletzt im südlichen Tasmanien.
Die Geflügelpest ist eine Infektionskrankheit, die in den vergangenen Jahren in Europa und anderen Kontinenten Millionen Tierleben gefordert hat. Eingeschleppt in Betriebe kann sie grosse wirtschaftliche Schäden verursachen. Ist ein Bestand befallen, müssen alle Tiere dort getötet werden. In Australien ist jedoch vor allem die Sorge um die einheimischen Vogel- und Säugetierarten gross. Rund 45 Prozent der Vögel im Land sind endemisch, das heisst, es gibt sie nirgendwo anders auf der Welt.
Ministerium rechnet mit Massensterben im ganzen Land
Das Land schreitet jetzt mit einer drastischen Massnahme voran: Es rollt eine Impfung für besonders gefährdete Vögel aus. Das teilte die Regierung in Canberra am vergangenen Dienstag mit. Die Kampagne werde in den «kommenden Tagen und Wochen» beginnen. Der Schwerpunkt läge zunächst auf Tierarten in Gefangenschaft, so Landwirtschaftsministerin Julie Collins.
Die Arten, die die Impfung zuerst erhalten sollen, werden Collins zufolge nach zwei Kriterien ausgewählt: anhand ihrer Anfälligkeit für die Vogelgrippe und der potenziellen Auswirkungen auf den Artenschutz. «Die Australier müssen mit einer stärkeren Ausbreitung und grösseren Fallzahlen rechnen, insbesondere mit toten Vögeln und Massensterben im ganzen Land aufgrund der H5-Vogelgrippe», so Collins. Die Regierung versuche aber, «Massnahmen zu ergreifen, um die am stärksten gefährdeten Arten zu schützen». Bislang stehen Impfstoffe im Wert von 2 Millionen australischen Dollar zur Verfügung – rund 1500 Ampullen, die unter den Staaten und Territorien aufgeteilt werden.
Auch Meeressäuger und Beuteltiere gefährdet
Anfang dieses Monats hatte die Regierung eine Analyse veröffentlicht, in der das Risiko einer Vogelgrippeinfektion für mehr als 2000 Tierarten bewertet wurde. Fast 400 einheimische australische Vogel- und Säugetierarten sind demnach einem hohen Risiko durch das tödliche Virus ausgesetzt. Darunter gelten Pinguinarten, Pelzrobben, Quolls, Delfine, mehr als 300 Vogelarten und der Tasmanische Teufel als mindestens stark gefährdet. Fünf Arten gelten als extrem gefährdet, was bedeutet, dass sie dort, wo das Virus vorkommt, wahrscheinlich nicht überleben werden.
Professor John Woinarski, ein führender Naturschutzwissenschaftler an der Charles Darwin University, sagte, die Ergebnisse zeichneten ein düstereres Bild ab. «Wir werden mit gravierenden Folgen für viele Arten rechnen müssen», so der Professor zum «Guardian». Die Vielfalt von Vögeln und Säugetieren werde durch das Virus voraussichtlich erheblich beeinträchtigt werden.
5000 kleine Pinguine werden in Victoria geimpft
Mehr als 13'000 Robbenwelpen waren im vergangenen Jahr auf den subantarktischen Heard- und McDonald-Inseln an dem Virus gestorben (watson berichtete). Vergangene Woche kam es auf dem australischen Festland zum ersten Massensterben durch die Seuche. Auf einer Insel vor der Küste Südaustraliens verendeten rund 50 einheimische Brandseeschwalben.
Rund 60 der Ansteckungsfälle wurden bislang im Nachbarstaat Victoria nachgewiesen. Dort befindet sich auch die weltweit grösste Zwergpinguinkolonie mit rund 40'000 Tieren. Pinguine sind aufgrund ihrer engen Zusammenlebensweise besonders gefährdet, sich mit dem Virus anzustecken. 5000 der Pinguine sollen nun über mehrere Wochen hinweg auf ihren täglichen Wanderungen auf Phillip Island und St. Kilda abgefangen werden, um sie zu impfen. Die Behörden des Bundesstaates erklärten, es handele sich um die weltweit grösste Impfung von Wildvögeln. Für einen wirksamen Impfschutz benötigt es zwei Impfdosen. Der Bundesstaat will mit der Regierung in Canberra zusammenarbeiten, um dieses Impfziel zu erreichen und ausreichend Impfstoff zu sichern.
«Es gibt keine spezifischen Impfstoffe für Robben»
Debbie Eagles, Direktorin des Australian Centre for Disease Preparedness (ACDP), sagte im Interview mit der ABC, dass der nationale Impfstoff, der aus dem Ausland bezogen und ursprünglich für Geflügel entwickelt wurde, nicht für den breiten Einsatz bestimmt sei. Eine grosse Anzahl von wilden Vögeln könne nicht geimpft werden. «Es wird sich vor allem um die bedrohten Tierarten drehen, die eingefangen und geimpft werden können», erklärte sie. Es besteht der Forscherin zufolge zudem die Gefahr, dass sich das Virus durch Mutationen weiter verändern und somit zunehmend Säugetiere leichter infizieren könne.
Konkrete Pläne zur Impfung von Seelöwen und Seehunden gebe es aktuell nicht, sagte Eagles. «Es gibt keine spezifischen Impfstoffe für Robben», sagte die Wissenschaftlerin. Auch für Beuteltiere gebe es offenbar keinen Impfstoff.
Eine Ansteckung von Menschen tritt selten auf. Menschen infizieren sich fast ausschliesslich durch sehr engen, direkten Kontakt mit infizierten Tieren oder stark kontaminierten Umgebungen.
Vorkehrungen in der Geflügelindustrie
Auch die Geflügelkonzerne in Australien, eine milliardenschwere Industrie, bereiten sich auf die weitere Ausbreitung der Seuche vor. Inghams, der grösste Geflügelhalter des Landes, hat seine Vorschriften zur Biosicherheit verschärft und seine Betriebsstandorte abgeriegelt. In Victoria wurde ein Lockdown – also eine Stallpflicht – für Geflügel in mehreren Regionen von Betrieben mit über 50 Tieren angeordnet.
Landwirt Bradley McAuliffe erzählte dem TV-Sender 9News, dass sein Betrieb im Jahr 2024 fast über Nacht stillgelegt wurde, als die Vogelgrippe H7 landesweit etwa zwei Millionen Vögel auslöschte. «Wir haben innerhalb von nur 14 Tagen mehr als 600'000 Vögel verloren», sagte McAuliffe. «In den letzten drei Jahren haben wir zig Millionen Dollar in die Biosicherheit investiert, nicht nur als Unternehmen, sondern auch branchenweit.» Die H5-Variante des Virus gilt als aggressiver als H7.
Peter Marinos, ein Grosshändler, der die Gastronomiebranche mit Millionen von Eiern beliefert, sagte gegenüber 9News, die Branche spiele auf Zeit und warnte davor, dass eine einzige Infektion in einem Betrieb den Preis für eine Eierpackung verdoppeln könnte. «Es ist wie eine tickende Zeitbombe, nicht zu wissen, wann es passieren wird», sagte Marinos. «Es wird zu extremen Preissteigerungen kommen.»

