Gefährliche Mücke erobert die Schweiz: Jetzt setzen Forscher auf Selbstvernichtung
Zielstrebig steuert Diego Parrondo auf die Hecke zu, die den betonierten Vorplatz des Spitals von Mendrisio säumt. Im Gepäck: 20'000 Asiatische Tigermücken, verteilt auf 20 durchsichtige Plastikschalen. Aus einer streift der 34-Jährige tausend der Insekten auf das Blatt eines Amberbaums. Die Tiere mit schwarz-weiss gestreiften Beinen wirken wie erstarrt. Doch schon nach wenigen Sekunden regen sich die ersten und schwirren davon – in Richtung des Spitals und der umliegenden Gärten.
«Jetzt müssen sie für uns arbeiten», sagt Parrondo. Dann geht er mit den verbliebenen 19'000 Tigermücken zur nächsten Hecke. Der Tessiner will die Patienten des Spitals nicht etwa mit Plagegeistern belästigen. Freigelassen hat er nur männliche Tigermücken – und die stechen nicht.
Parrondo arbeitet an der Fachhochschule der italienischen Schweiz (Supsi) an einem national einmaligen Forschungsprojekt zur Bekämpfung der Tigermücke. Die ursprünglich aus Südostasien stammende Art ist lästig und potenziell gefährlich: Anders als heimische Mücken stechen die Weibchen auch tagsüber. Zudem können sie tropische Krankheiten wie das Dengue-Fieber und das Chikungunya-Virus übertragen.
Männchen müssen genug «sexy» sein
Die Tigermücke breitet sich hierzulande immer mehr aus. Aus einem einzigen Weibchen, dessen Körper bis zu einem Zentimeter gross ist, können pro Sommer mehrere Tausend Nachkommen entstehen. Stoppen lässt sich dieses exponentielle Wachstum, wenn man den männlichen Tigermücken ihre Männlichkeit nimmt: Die in Mendrisio freigelassenen Insekten sind sterilisiert.
Treffen sie auf ein Weibchen, nehmen sie die Verfolgung auf und paaren sich mit ihr. Zwar legt das Weibchen anschliessend weiterhin bis zu 60 Eier. Larven schlüpfen daraus jedoch keine. Und damit nicht genug: «Je mehr sterilisierte Männchen wir freilassen, desto mehr sind die Weibchen abgelenkt und gestresst», sagt Parrondo. «Sie finden weniger Zeit zum Stechen und sterben früher.»
Die Methode heisst im Fachjargon Sterile-Insekten-Technik und wird umgangssprachlich auch Selbstvernichtungsverfahren genannt. Sie funktioniert nur, wenn die freigelassenen Männchen genug «sexy» sind, um sich gegen ihre natürlich vorkommenden Artgenossen durchsetzen zu können.
Dafür sorgt ein Biolabor im 250 Kilometer entfernten Bologna. Es «produziert» die sterilisierten Männchen für 0,018 Cent pro Stück. Dazu werden die Mücken Röntgenstrahlen ausgesetzt, wie sie auch in der Medizin zum Einsatz kommen. Anders als wir Menschen erhalten die Insekten jedoch keine bleierne Schürze. «Die Geschlechtsorgane reagieren besonders empfindlich auf die Strahlung und werden als Erstes geschädigt», sagt Eleonora Flacio, die das Tessiner Forschungsprojekt leitet. Ist die Strahlendosis tief genug, bleibe die übrige DNA weitgehend unbeschädigt – und die Männchen damit genügend attraktiv.
Mücken reihen sich in den Ferienverkehr ein
Jeweils am Dienstag und Freitag werden 20'000 sterilisierte Tigermücken aus Bologna ins Tessin geliefert. Sie nehmen denselben Weg wie Schweizerinnen und Schweizer nach den Strandferien in Italien: über Chiasso und dann auf die Autobahn. Sieben Minuten nach dem Grenzübertritt endet die Fahrt in Mendrisio. Dort packt das Forschungsteam das auf acht Grad gekühlte Kartonpaket aus.
Viel Zeit bleibt nicht. Die sterilisierten Männchen leben nur drei Tage. Sie fliegen durchschnittlich 100 Meter weit. Das Team setzt sie innerhalb eines Radius von 200 Metern frei – und überwacht den Erfolg mit einem engmaschigen Netz von Fallen.
Wer durch die Strassen von Mendrisio geht, entdeckt sie überall: Hinter einem Abfallcontainer steht ein schwarzer Plastikkübel mit stinkendem Wasser, das den Weibchen ideale Bedingungen zur Eiablage bietet. Wenige Meter daneben lockt unter einer Hecke eine Klebefalle erwachsene Tigermücken an.
«In der Zone, in der wir sterilisierte Männchen freisetzen, finden wir aktuell dreimal weniger Weibchen als ausserhalb», sagt Parrondo. Ausserdem seien dort nur 40 Prozent der Eier befruchtet. Frühere Versuche an anderen Orten im Tessin hatten ebenfalls gezeigt, dass sich die Population massiv reduzieren lässt. Eine Ausnahme war letztes Jahr Ascona.
Feriengäste erschweren die Bekämpfung
Das dürfte daran liegen, dass der Ort ein Eldorado für Deutschschweizer Feriengäste ist. Sie sind weniger mit der Bekämpfung der Tigermücke vertraut, weil diese in ihrem Kanton vielleicht noch gar nicht oder erst seit Kurzem vorkommt. Zudem können sich die invasiven Insekten rund um Ferienwohnungen, die nur im Sommer bewohnt sind, besonders gut vermehren. Die Tigermücke muss von Mai bis September durchgehend bekämpft werden.
«Die Freisetzung sterilisierter Männchen ist das Tüpfelchen auf dem i», sagt Parrondo. «Sie wirkt nur, wenn Behörden und Bevölkerung mitmachen und aktiv Brutstätten beseitigen.» Für den eigenen Garten oder Balkon bedeutet das: Nirgends darf sich stehendes Wasser ansammeln. Regenrinnen sind regelmässig zu reinigen, Pflanzenuntersätze zu leeren, Flaschen regengeschützt aufzubewahren und Regentonnen hermetisch zu verschliessen.
In einem Ort mit vielen Feriengästen seien diese Massnahmen schwierig durchzusetzen, sagt Parrondo. Tessinerinnen und Tessiner werden dagegen seit Jahren intensiv informiert – und das von klein auf. Kinder lernen bereits in der Schule, wie sich die Tigermücke bekämpfen lässt. Am Strassenrand werben orange Plakate mit dem Slogan: «Combattiamo la zanzara tigre!» Und in Mendrisio erhalten die Einwohner per Post sogar ein Säckchen mit einem biologischen Biozid zugeschickt. Damit dürfen sie aber nur Wasserstellen behandeln, die sich nicht beseitigen lassen – etwa Gullys.
Droht das auch in der Deutschschweiz?
Eleonora Flacio kennt die Tigermücke wie kaum jemand sonst. Im Jahr 2003 wies die Biologin auf einem Rastplatz der Autobahn A2 in Coldrerio erstmals ein Exemplar in der Schweiz nach. Heute berät sie viele Kantone im Kampf gegen die invasive Art. «In den nächsten Jahren wird sich die Tigermücke in der ganzen Schweiz etablieren», sagt sie. Flächendeckend verbreitet ist sie bislang im Tessin, in Genf, im Grossraum Basel und im Unterwallis.
Für die Übertragung tropischer Krankheiten sind das schlechte Vorzeichen. Letztes Jahr registrierte das Bundesamt für Gesundheit hierzulande 119 Fälle des Chikungunya-Fiebers. Die Krankheit kann bei Risikopersonen monatelange Gelenkschmerzen auslösen. 2025 infizierten sich zudem 187 Schweizerinnen und Schweizer mit Dengue. Gefährlich ist die Krankheit vor allem bei einer Zweitinfektion.
In allen Fällen wurde die Krankheit aus dem Ausland eingeschleppt – durch Personen, die von Reisen zurückkehrten. Zu einer lokalen Übertragung kam es in der Schweiz dagegen noch nie. Dafür müsste eine weibliche Tigermücke zunächst einen infizierten Ferienrückkehrer stechen und das Virus später auf eine weitere Person übertragen. In Italien und Frankreich gab es bereits solche Fälle.
In der Schweiz gelang es bislang stets, eine Ausbreitung zu verhindern – dank der jeweils eingeleiteten Sofortmassnahmen. So wurde kürzlich nach einem importierten Dengue-Fall ein Quartier der Walliser Gemeinde Fully mit Insektizid behandelt. Der Einsatz solcher chemischer Mittel gilt jedoch als Ultima Ratio.
Dass Viren wie Dengue oder Chikungunya dereinst auch hierzulande lokal übertragen werden, sei nicht auszuschliessen, sagt Flacio. Je kleiner die Population der Asiatischen Tigermücke sei, desto mehr sinke jedoch das Risiko einer solchen lokalen Ansteckung. Genau darauf zielt das Tessiner Forschungsprojekt mit der Freisetzung sterilisierter Männchen ab. Es hat noch Grosses vor.
Die Fachhochschule der italienischen Schweiz (Supsi) will in Mendrisio eine Biofabrik bauen, die bis zu fünf Millionen sterilisierte Tigermücken-Männchen pro Woche produzieren kann. Ein Grundstück ist bereits gefunden, bis Ende Jahr soll der Businessplan stehen.
Frühestens 2029 könnte die Produktion starten. Die Kosten sollen im Vergleich zu heute auf einen Zehntel sinken. Man sei nicht gewinnorientiert, betont Flacio. Nur so könnten weitere Gemeinden dem Beispiel von Mendrisio folgen, das dieses Jahr 20'000 Franken in das Projekt investiert hat. Und die Tigermücken im grossen Stil bekämpft werden. (schweizheute.ch)

