Mehr Natur(garten), weniger Weltuntergang
In letzter Zeit beschleicht mich so ein Gefühl: Vielleicht habe ich all die Jahre aufs falsche Pferd gesetzt. Kultur hat mich immer beflügelt, besonders ihre Geschichte. Alles, was der Mensch hervorgebracht und zerstört hat. Ich wollte verstehen, was ihn antreibt.
Allmählich aber denk ich: zum Teufel damit. Ich hab die Schnauze voll davon. Denn am Ende sieht es doch so aus: In all diesem irren Tun haben wir unsere Welt an den Rand des Ruins gebracht. Wäre sie eine Scheibe, wäre sie längst zerbrochen. Aber sie ist eine Kugel, wenn auch eine eher unförmige, und sie dreht und dreht sich immer weiter, erträgt stoisch ihre ganze elende Vernutzung. Zumindest noch.
Lang ist's her, als wir nur in ihr überleben wollten, als wir Teil der Natur waren, eingebunden in ihre Kreisläufe. Inzwischen sind wir zu ihrem Gegenspieler geworden, bestimmt von Geld- und Güterkreisläufen, während sie selbst versucht, uns zu überleben.
Es gibt ein Wort für die Epoche, in der wir leben: Anthropozän. Es ist das Erdzeitalter, in dem sich die Kultur zur geologischen Kraft entwickelt hat: Der Mensch hat nicht nur Spuren auf der Erdoberfläche hinterlassen; seine Präsenz ist tief in die Erde gedrungen, wo sich nun die Nebenprodukte unseres Daseins aufschichten – Plastik, Pestizide, Radionuklide. Das ist kein Fussabdruck mehr, wir treten unseren Planeten blutig.
Wächst die globale Wirtschaft und damit unser Konsumverhalten immer weiter, verschwinden parallel dazu unsere Lebensgrundlagen: Mindestens eine Million Arten könnten in den nächsten Jahrzehnten aussterben. Das ist rund ein Achtel aller Tier- und Pflanzenarten, sagt der Weltbiodiversitätsrat (IPBES).
Und da ist sie auch schon, die Biodiversität, das Schlagwort, das bereits nervt, bevor man es in seiner dreidimensionalen Tragweite überhaupt begriffen hat. Biodiversität umfasst nicht nur die Vielfalt der Arten, sondern auch diejenige der Lebensräume sowie die genetische Vielfalt. Das ist die wahre Dreifaltigkeit; die Formel, nach der unsere Schöpfung geformt wurde.
Und diese ist es, die ich künftig verstehen lernen will.
Mein Garten soll ein winziges Pflästerli werden auf einer dieser zahllosen Erdenwunden. Ein Ort der Heilung. Ein kleiner Fleck, auf dem die Natur ihren Platz zurückbekommt. Hier kann ich ein klein wenig wirken, und wenn jeder Mensch mit einem Balkon, einem Fenstersims oder einem Dach auch ein wenig mitwirkt, werden wir einen Verband um unser zerfurchtes Land wickeln können. Auf dass sich die Natur ein wenig erhole.
Denn auch das Siedlungsgebiet spielt dafür eine sehr wichtige Rolle. 17 Prozent der Fläche macht es im Schweizer Mittelland aus; aus dem Rest der Landschaft wurde im letzten Jahrhundert ein Grossteil der Tiere und Pflanzen verdrängt; ihr Lebensraum wurde von Strassen zerschnitten, von Lichtern verschmutzt und durch zu viel Dünger übersäuert. Bäche wurden in unterirdische Röhren verlagert, ganze Gebiete wurden entwässert, während Hecken, Baumgruppen und Steinmauern weitgehend verschwunden sind.
Hier geht's zur Liste der invasiven Neophyten der Schweiz.
Die bekanntesten und noch immer in ganz vielen Gärten wachsenden Übeltäter sind Kischlorbeer (Prunus laurocerasus) und Sommerflieder (Buddleja davidii). Auch für den Essigbaum (im Bild, Rhus typhina) und die Tessiner Palme (Chinesische Hanfpalme, Trachycarpus fortunei) gilt seit Herbst 2024 ein Inverkehrsbringungsverbot; die invasiven Pflanzen dürfen also nicht mehr in die Schweiz eingeführt oder hier verkauft oder verschenkt werden.
Sich verstecken und ernähren müssen sich viele unserer Wildarten darum in alten Gärten und Parkanlagen, auf noch unbebautem Bauland oder auf Gewerbearealen, weil sie dort einen Ersatzlebensraum finden, der dem ähnelt, den sie einst bewohnt haben. Das Siedlungsgebiet ist also zu ihrem Exil geworden. Der Igel ist mittlerweile sogar vollständig hierhergezogen. Sorgen wir also dafür, dass es ihm gut geht. Ihm und allen anderen botanischen und zoologischen Binnenflüchtlingen. Schaffen wir es, sie zu erhalten, können sie sich von unseren Städten, wo knapp 85 Prozent der Schweizer Bevölkerung lebt, in eine hoffentlich bald wieder lebensfreundlicher gestaltete Landschaft hinausvermehren.
Dafür müssen die grünen Flächen vernetzt werden; das nennt sich ökologische Infrastruktur – noch so ein schönes Wort. Im grossen Stil geht es darum, Naturschutzgebiete, Wälder und Feuchtgebiete miteinander zu verbinden. Das gelingt über sogenannte Wanderkorridore, die aus Hecken, Bächen oder Baumgruppen bestehen. Sie stellen sicher, dass die Arten umherziehen können: Wenn zum Beispiel plötzlich eine neue Siedlung ihren Lebensraum einnimmt oder die Hitze ihren angestammten Tümpel für immer austrocknet, müssen sie ein neues Zuhause finden.
Aber nicht nur das. Solche Vernetzungsgebiete ermöglichen natürlich auch den Genfluss. Sprich, das, was im isolierten Bergdörfli für den Menschen früher oder später zum Problem wird, ist auch für die Tiere nicht förderlich: Inzucht führt im schlimmsten Fall zum Niedergang einer Population. Wenn sich über Generationen hinweg immer nur dieselben wenigen Individuen untereinander vermehren, schrumpft der Genpool, die Fruchtbarkeit sinkt und die Resistenz gegen Krankheiten nimmt ab. Dasselbe gilt für Pflanzen. Die Folge nennt man Inzuchtdepression; die biologische Fitness serbelt dahin, bis sich die betroffenen Gewächse den Herausforderungen der sich verändernden Umwelt nicht mehr genügend erwehren können.
Für unsere Städte und Dörfer heisst das: Was wir zersiedelt haben, müssen wir wenigstens behelfsmässig wieder zusammentackern. Wasser-, Verkehrs-, Strom- und Kommunikationsnetze, sie alle garantieren das Funktionieren unserer Gesellschaft; die Natur aber braucht die ökologische Infrastruktur, um zu überleben.
Wanderkorridore sind ihre Lebensadern, sie müssen sich als grüne Brücken über unsere Autobahnen ziehen, als Wildblumenmeer unsere Gleisbetten fluten, als frei fliessende Bäche durch die Gegend züngeln.
Türmt Ast- und Steinhaufen in euren Gärten auf, schneidet Löcher in eure Zäune, säumt eure Grundstücke mit Wildhecken. Entsiegelt eure Vorplätzchen, lasst aus jeder Fuge die Hoffnung spriessen!
Der Igel braucht auf seinem Streifzug alle 250 Meter eine wilde Ecke und ein Loch im Zaun. Er labt sich gerne an Kompost und zieht sich für den Winterschlaf in ein geschütztes, mit Laub ausgekleidetes Plätzchen zurück, wo er dann nur noch ein bis zwei Mal pro Minute atmet. Die Haselmaus geht nicht gern auf dem Boden, sie bewegt sich in dicht stehenden Gehölzen und Hecken kletternd fort. Die Zwergfledermaus versteckt sich gern in Holzbeigen und vertilgt in der Nacht, die sie am liebsten stockdunkel hat, an die 2000 Mücken.
Die Eidechse holt sich die Wärme von aussen in den Körper, darum sieht man sie so gern auf sonnigen Steinen hocken. Neben den Fröschen, Kröten, Molchen und Salamandern, deren Larven im Wasser leben, brauchen auch die anderen Tiere das nasse Element. Besonders in den hitzegeplagten Sommern dient ein Teich oder auch nur ein kleines Wasserschälchen Vögeln, Wildbienen und Igeln als Trinkstelle.
Gratis Gartenberatung
Wenn du deinen Garten auch naturnaher gestalten möchtest, dann hilft dir die führende Naturschutzorganisation der Schweiz Pro Natura dabei. Als gemeinnütziger Verein organisiert, setzt sie sich für mehr Natur ein – überall. Also auch im Siedlungsgebiet. Schliesslich übersteigen Schweizer Privatgärten flächenmässig sämtliche Schweizer Naturschutzgebiete zusammen.
Hier kannst du dich online für eine kostenlose Gartenberatung anmelden.
Auch Gemeinden bieten oftmals Beratungen an, Steinhausen (ZG) zum Beispiel, im Aargau ist das Projekt «Natur findet Stadt» dafür zuständig, im Kanton Thurgau «Natur Daheim».
Gartentest
Wenn du deinen Garten selber testen willst, wie viel er zur lokalen Artenvielfalt beiträgt, hier entlang. Zusätzlich kann dir der Test Ideen liefern, damit es noch mehr summt, brummt und schnauft vor deiner Haustür.
Grundlagen des Naturgartens
Bioterra, die führende Organisation für den Bio- und Naturgarten in der Schweiz, hat die Grundlagen des Naturgartens in einem Bild zusammengefasst. Auch Pro Natura hat die wesentlichen Prinzipien hier gelistet.
Zertifizierung zum Schmetterlingsgarten
Ist dein Garten schon ein Naturparadies, kannst du ihn von Pro Natura zertifizieren lassen. Dieses Jahr allerdings ist die Anmeldefrist bereits vorbeigezogen, aber du kannst dich schon mal auf die Warteliste setzen.
Bezugsquellen für deine Pflanzen
Wildstauden- und Biogärtnereien sind auf die hiesige Flora spezialisiert und ziehen ihre Wildpflanzen aus dem Saatgut eigener Mutterpflanzenbestände. Da bekommst du also alles, was eigentlich in unsere Gärten und auf unsere Balkone gehört, weil sich unsere Wildtiere davon ernähren.
Und damit du Pflanzen kaufen kannst, die aus deiner biogeographischen Region (Nördlicher Jura, Westliches Mittelland, etc.) stammen, ist es am besten und bequemsten, dafür eine Gärtnerei in deiner Umgebung aufzusuchen: Bioterra hat dafür eine ganze Liste geschaffen.
Garten-Profi finden
Suchst du jemanden, der dir all deine Wünsche umsetzt und aus deinem Garten eine biodiverse Idylle zaubert oder deinen Naturgarten pflegt? Dann findest du in dieser Biotterra-Liste zertifzierte Fachpersonen in deiner Umgebung.
Auch künstlich angelegte Nistplätze wie Fledermauskästen, Vogel- und Igelhäuschen oder Insektenhotels geben den in Wohnungsnot geratenen Tieren ein Zuhause.
Mit Schwarzdorn (Prunus spinosa) und Salweide (Salix caprea) kann man sich rund 300 Schmetterlingsarten in den Garten holen. Mit Wilden Karden (Dipsacus fullonum) den Distelfink. Mit einem Faulbaum (Rhamnus frangula) die Holzbiene, diesen blauschwarz schimmernden Giganten unter den wilden Brummern.
Alles hängt mit allem zusammen. Und alles ist so unendlich fein aufeinander abgestimmt. Wir haben viel Zeit damit verbracht, diese botanisch-zoologischen Verzahnungen auseinanderzureissen. Wir haben die Welt kultiviert, haben die Böden für unsere Zwecke produktiver gemacht, haben sie bis zur Unkenntlichkeit verzweckt. Sie vergiftet, überdüngt und mit den ewig gleichen Hochleistungspflanzen bestellt. Der Ertrag wurde gesteigert, der Hunger ist geblieben.
Wir haben Batteriehühner gezüchtet, die rund 300 Eier pro Jahr legen. Wir vermehren Pflanzen millionenfach über Stecklinge, weil Klonen billiger, schneller und einfacher ist, als sich um die Samen und deren Anzucht zu kümmern. Wir haben Ziergewächse durch auserwählte Verkreuzungen biologisch dermassen verkrüppelt, dass sie tatsächlich nichts mehr als zieren können und einzig noch unserem erlesenen Sinn für Schönheit dienen.
Diese Form von Schönheit müssen wir uns ganz schnell abgewöhnen. Worin besteht die Schönheit von Sterilität, von asphaltiertem Grau, von toter Ordnung? Ohne Leben keine Schönheit, so schwierig ist die Rechnung nicht.
Ordnung gibt dem Menschen das Gefühl von Kontrolle. Aber schaut raus in die Welt, sieht da irgendwas danach aus, als hätten wir es auch nur ansatzweise unter Kontrolle? Es ist Zeit, sie der Natur ein Stück weit zurückzugeben. Sie weiss besser, was zu tun ist.
Räumt eure Zimmer auf, aber nicht die Gärten. Putzt den Dreck unter euren Fingernägeln, aber lasst die Finger von den Ritzen eurer Einfahrt. Steuert eure Triebe, aber lasst den Wildpflanzen den Spass der Versamung. Macht den Weg frei für eure Kinder, aber lasst das Laub im Quartierpärkli liegen.
Setzt euch lieber hin und beobachtet, wer sich darin einnistet. Seht zu, wie sich euer Garten verändert, wie er vom Herbst in den Winter wechselt, ohne alles kahlzuschneiden. Lasst Verblühtes stehen, nicht als Mahnmal für die Vergänglichkeit, sondern als Garant für das Fortbestehen. Für den Kreislauf des Lebens, in den wir uns so dringend wieder eingliedern müssen.
Der eilbedürftigste Kultivierungsauftrag lautet: die Natur unseren eigenen gierigen Händen zu entziehen. Bis zum Jahr 2030 sollen 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresfläche unter Naturschutz gestellt sein, das hat die UN-Biodiversitätskonferenz beschlossen. Dieses Ziel erfordert weltweit eine Verdoppelung der Schutzflächen an Land und eine Vervierfachung im Meer.
Erhalten wir unsere Natur, erhalten wir uns.
So.
Ich muss jetzt in meinen Garten, wo in den Rispen meines Mönchspfeffers (Vitex agnus-castus) unzählige Hummeln hängen. Die Erschöpften unter ihnen schlafen auch darin, dafür haben sie ihre Beisszänglein in die Blüte geschlagen. Im Efeu, der unsere Pergola hochwuchert, versteckt sich ein Amselnest. In der Dachritze der Garage nisten Wespen. An der Unterseite von länger nicht benutzten Sandkastenschüfeli hängen fette Tigerschnegel.
Und wenn es eindunkelt, schnüffelt sich der Igel durchs Gebüsch. Aus seiner Nase tropft's zuweilen, so gut riechen kann er. Hat er den Laufkäfer gewittert, hört man einen Augenblick später auch schon das Panzerknacken. Zwischen seinen spitzen Zähnen stirbt die Beute dahin. Jetzt wird der Igel ganz Geschmack, verschmilzt mit seinem Mahl zu einem einzigen Sinn. Ekstatisch bis zum Umfallen windet sich das wilde Kerlchen nun, reibt sein Zünglein ungestüm am Stachelkleid, schäumt und speichelt sich ein, bis alles überall ist und er mittendrin.
Kein Wahnsinn, keine Tollwut, bloss seine eigentümlich intensive Art, Unbekanntes in sich aufzunehmen.

gif: facebook/igelhilfverein
Auch auf meinen 250 Quadratmetern gibt es noch vieles, das ich nicht kenne. Das es zu bestimmen, zu lernen und zu pflanzen gilt. Oder auszurupfen. So wie die immergrüne Heckenkirsche (Lonicera nitida), die hierzulande in den Neophytensack gehört, weil sie einheimische Arten verdrängt. Noch steht sie als grüner Zensurbalken in meinem Vorgarten, doch schon bald wird sie einer von mächtigen Tuffsteinen geprägten Ruderalfläche weichen.
Hier brätscht die Sonne gnadenlos nieder auf die steinige, magere Erde. Hier werden bald Hungerkünstler den Boden bevölkern. Ein blühendes Pionierpflanzenparadies aus Karthäuser-Nelken (Dianthus carthusianorum) und Natternköpfen (Echium vulgare), Heilziesten (Betonica officinalis) und Wilden Karden (Dipsacus fullonum). Wilde Möhren (Daucus carota) und noch wildere Doste (Origanum vulgare) sollen durch den Kiesweg spriessen, von der Gemeinen Wegwarte (Cichorium intybus) begleitet, der borstig Bewimperten und drüsig Behaarten, deren blasslila bis himmelblaue Blütenkörbchen sich nur an einem einzigen Tag öffnen. Welch zartschöne Vergänglichkeit in diesen wenigen Stunden liegt, in denen sie sich darbietet. Ohne Aufhebens, ohne Getöse streckt sie ihre lanzettliche Zierlichkeit in die Welt, immer und immer wieder mit neuen Knospen der alten Sterblichkeit hinterherblühend, ein Werden und Vergehen an einem steif aufrechten Stiele, das sich vom frühen Sommer bis in den Herbst hineinzieht.
Ich habe noch so viel vor. Dieser Garten soll gemeinsam mit meinen Kindern wachsen, ein Ort der Zukunft soll er werden, wo Leben auf vielfältigste Weise zuhause ist. Ein Ort auch, den ich irgendwann weitergeben kann als lebendiges Wissen über die Machenschaften der Natur – und der mich im besten Fall noch lange überdauern wird.
Literatur:
Sabine Tschäppeler, Andrea Haslinger: «Praxishandbuch Stadtnatur. Biodiversität fördern im Schweizer Siedlungsraum.»
Ulrike Aufderheide: «Tiere pflanzen: Faszinierende Partnerschaften zwischen Pflanzen und Tieren. 18 attraktive Lebensräume im Naturgarten gestalten»
P.S. Vielleicht gibt's die Pro-Natura-Naturgarten-Auszeichnung nächstes Jahr für mich. Aktuell ist noch zu viel Rasenfläche da. Ich hab aber bereits Ideen – und will euch gern auf den Weg dahin mitnehmen.
P.P.S. Kaiser Neros Lieblings-Wagenrennenteam waren die Grünen.
