Lanz über «undankbare Ossis»: «Kontinuierliches Diffamieren des Ostens»
Die politische Spaltung Deutschlands ist nach Ansicht des Publizisten Dirk Oschmann durch die Überheblichkeit des Westens mitverursacht. «Es ist ein kontinuierliches Diffamieren und Ausschliessen und Diskriminieren des Ostens», sagte der Bestsellerautor («Der Osten: eine westdeutsche Erfindung», 2023) am Mittwochabend bei «Markus Lanz». Seit Jahrzehnten werde den Ostdeutschen vorgehalten, sie seien «das Andere», defizitär, zurückgeblieben. Das habe auf Dauer einen gewaltigen Effekt.
«Bald 40 Jahre nach der Wiedervereinigung sind sie wieder da: der Besser-Wessi und der Jammer-Ossi – und jetzt neu im Programm auch der Jammer-Wessi», hatte Lanz die Sendung eingeleitet. Reinhard Bingener von der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» machte anders als Oschmann im Osten ein eher hausgemachtes «Abgrenzungsverhalten» aus, das zunehmend aggressiv werde.
Der Journalist verwies auf Äusserungen der BSW-Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, Claudia Wittig, das Land solle auf keinen Fall von einem Wessi oder Zionisten regiert werden. Und der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke habe die Westdeutschen als «Deutsch sprechende Amerikaner» bezeichnet.
«Wehe, wenn die Langmut im Westen endet» – mit diesem FAZ-Kommentar hatte Bingener im August für Aufsehen gesorgt. Er bekräftigte bei «Lanz» mit Blick auf den Länderfinanzausgleich seine Feststellung aus dem Artikel:
Oschmann widersprach in der Dreierrunde, dass es diese Langmut des Westens gegenüber dem Osten jemals gegeben hat. Forderungen, bei unliebsamen Wahlergebnissen den Länderfinanzausgleich zu kippen, bezeichnete der Literaturprofessor von der Universität Leipzig als zutiefst undemokratisch. Von Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern werde dem Osten mit Paternalismus begegnet. Das führe bei den Menschen zu einer Kränkung.
«Vermännlichung» und Überalterung
Oschmann betonte bei «Lanz», dass 60 Prozent der Wähler bei der Bundestagswahl 2025 nicht für die AfD gestimmt hätten. Trotzdem werde der Osten im Westen plakativ als AfD-Hochburg dargestellt. Die Wahlerfolge der AfD erklärte der Germanist insbesondere mit der Abwanderung junger Menschen und Frauen seit 1945.
Diese eher links wählenden Bevölkerungsgruppen würden heute fehlen. Die Folge: «Vermännlichung», Überalterung sowie grosse Unterschiede zwischen Städten und dem ländlichen Raum sorgten für einen deutsch-deutschen Sonderfall, der die Erfolge der AfD ermögliche.
Für deutlichen Widerspruch sowohl von Lanz als auch von Bingener sorgte Oschmann mit einer zugespitzten Formulierung. Er kritisierte zunächst, dass beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit 2025 in Saarbrücken kein Redner aus Ostdeutschland kam. Dies hatte auch Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) öffentlich bemängelt. So sagte der Germanist:
«Zu hart», konstatierten seine beiden Gesprächspartner.
Ostdeutsche diskriminiert?
Bingener warf Oschmann vor, seine These von den systematisch diskriminierten Ostdeutschen durch falsche Zahlen zu untermauern. So habe der Autor in seinem Buch behauptet, in der Bundeswehr werde eine 0,0-Prozent-Idealquote für Ostdeutsche angestrebt. In Wahrheit seien sie aber beispielsweise im Heer bei den Stabsoffizieren mit 35 Prozent in etwa doppelt so stark repräsentiert, wie es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Das seien die Zahlen gewesen, die ihm damals vorgelegen hätten, entgegnete Oschmann.
Bingener bezog sich bei der Statistik auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion. Dort stand aber auch: Bei Heer und Luftwaffe gibt es nur jeweils einen einzigen General aus Ostdeutschland und in der Marine keinen einzigen ostdeutschen Admiral.
Zwar bezeichnete Oschmann die deutsche Wiedervereinigung trotz allem als insgesamt erfolgreich. Er warnte jedoch aus ostdeutscher Sicht: «Wir können hier nicht auf Augenhöhe diese Gesellschaft mitgestalten.» Dafür müsse sich das öffentliche Bild ändern und Medien und Politik differenziert, fair und respektvoll über die Lebensverhältnisse im Osten sprechen.
Der Deutsche Bundestag definiert die Kleine Anfrage folgendermassen: «Fraktionen oder Abgeordnete in Fraktionsstärke können durch eine Kleine Anfrage schriftlich von der Bundesregierung Auskunft über bestimmte Sachverhalte verlangen. Kleine Anfragen werden im Bundestag nicht beraten. Sie werden vor allem von der Opposition genutzt, um die Regierung zu kontrollieren und Informationen sowie Stellungnahmen zu erhalten.»
In der Schweiz gibt es ein dieses Konzept auch. Das Parlamentswörterbuch schreibt: «Mit einer Anfrage* verlangt ein Ratsmitglied, die Mehrheit einer Kommission oder eine Fraktion vom Bundesrat Auskunft über wichtige innen- oder aussenpolitische Angelegenheiten. Der Bundesrat beantwortet die Anfrage schriftlich bis zur nächsten Session.»
*Die Kleine Anfrage wurde erst in Einfache Anfrage umbenannt und heisst seit 2003 schlicht Anfrage. (jul)

