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Der 99-jährige Jude, der die Nazis bekämpfte und nun gegen Putin antritt

Otto Šimko.
Otto Šimko kritisiert schonungslos Putin und den russischen Angriffskrieg.Bilder: Otto Šimko / zvg

Dieser Holocaust-Überlebende hat eine klare Botschaft, was Putin anbelangt

Weil sich die slowakische Regierung weigert, die Ukraine in ihrem Verteidigungskampf zu unterstützen, springen mutige Bürgerinnen und Bürger ein. Vorn mit dabei ist der Weltkriegs-Veteran Otto Šimko.
22.04.2024, 11:1322.04.2024, 12:31
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Otto Šimko setzt sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür ein, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer den Kampf gegen die russischen Invasoren gewinnen.

Der 99-jährige Slowake blickt auf ein sehr bewegtes Leben zurück. Nun hat er eine deutliche Botschaft:

«Wenn wir Putin nicht besiegen, wird er eine Bedrohung darstellen. Nicht für die zwei oder drei Jahre, die mir noch auf dieser Erde verbleiben, sondern für meine Enkel und Urenkel, für die Slowakei und die ganze Welt.»

Die britische BBC konnte kürzlich mit dem Holocaust-Überlebenden und Weltkriegs-Partisanen sprechen. Aktueller Anlass ist eine aussergewöhnliche Spendenaktion, an der sich viele slowakische Bürgerinnen und Bürger beteiligen. Sie wollen nicht hinnehmen, dass ihre Regierung der von Russland überfallenen Ukraine wichtige Hilfe verweigert.

Von der eigenen Regierung im Stich gelassen

«Ich habe den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Ich habe in ihm gekämpft. Ich kann Ihnen sagen, dass es keinen Sinn hatte, mit Hitler zu verhandeln, und es hat keinen Sinn, mit Putin zu verhandeln.»
Otto Šimko

Gegenüber der BBC erklärt der 99-Jährige:

«Erinnern Sie sich an [Neville] Chamberlain. Seine Idee, dass es Frieden bringen würde, Hitler das Sudetenland anzubieten – es stellte sich als völlige Illusion heraus.

Unsere Regierung macht genau das Gleiche. Geben Sie ihm den Donbas, solange Frieden herrscht. Geben Sie ihm die Krim, solange Frieden herrscht. Das ist eine völlige Illusion.»
Otto Šimko, 2024.
Otto Šimko erlebte schon in jungen Jahren antisemitische Anfeindungen und kämpfte als Partisan gegen Nazis.Bild: municiapreukrajinu.sk

Šimkos Kritik bezieht sich auf die populistisch-nationalistische Regierung seines Heimatlandes. Das slowakische Kabinett verfolgt eine auffallend russlandfreundliche Politik. Ministerpräsident Robert Fico kam im Oktober (erneut) an die Macht und verkündete prompt, man werde «keine weitere Ladung Munition» mehr in die Ukraine schicken.

Wegen des Mangels an Artillerie-Granaten, Raketen und Luftabwehrmitteln kämpfen die ukrainischen Streitkräfte bekanntlich mit wachsender Verzweiflung darum, ihre Frontlinien gegen den russischen Vormarsch zu verteidigen.

Die Regierung im Nachbarland Tschechien startete eine Initiative zur Beschaffung grosser Mengen Artilleriemunition auf dem globalen Waffenmarkt, der sich inzwischen rund 20 Länder angeschlossen haben. Aber nicht die Slowakei.

Ministerpräsident Fico behauptete öffentlich, dass die westliche Unterstützung und Aufrüstung der Ukraine den Krieg nur verlängere und Kiew stattdessen seine Waffen niederlegen und um Frieden mit Moskau bitten sollte.

Das wollten initiative Bürgerinnen und Bürger nicht hinnehmen.

Mut zur Selbsthilfe

«Wenn die Regierung nicht will, dann tun wir es.»
Slogan der Unterstützungs-Kampagne, die Bürgerinnen und Bürger in der Slowakei lanciert haben

Wie die BBC berichtet, führte «ein zufälliges Gespräch» des Weltkriegs-Veteranen Otto Šimko mit einem Journalisten und einem Philosophen zu der Idee, slowakische Hilfe für die Ukraine per Crowdfunding zu finanzieren.

Die Initiative «Mier Ukrajine» (Frieden für die Ukraine) war geboren. Das gesammelte Geld fliesst direkt in die Munitionsbeschaffungs-Aktion der tschechischen Regierung.

Die Crowdfunding-Kampagne biete Menschen, die nicht der Meinung der Regierung seien, ein willkommenes Ventil, hält die BBC in ihrem Bericht fest. Und tatsächlich: Seit dem Start am vergangenen Dienstag haben fast 50'000 Slowakinnen und Slowaken an die 3 Millionen Euro gespendet.

Screenshot: municiapreukrajinu.sk
Das Zitat auf der Website stammt von einem der drei Gründerväter der Tschechoslowakei: «Wer glaubt, dass andere seine Freiheit gewinnen werden, ist ihrer nicht würdig.»Bild: Screenshot: municiapreukrajinu.sk

Die Sammelaktion läuft unter dem Slogan «Wenn die Regierung nicht will, dann tun wir es» und wird gemäss Zuzana Izsakova, Firmenanwältin bei Siemens, Aktivistin und Mitinitiantin von «Frieden für die Ukraine», fortgesetzt.

«Es ist ein Zeichen des Widerstands der slowakischen Gesellschaft gegen die Regierung und die Aussenpolitik von Robert Fico.»
Zuzana Izsakova

Gemäss der tschechischen Regierung sind bis zu 1,5 Millionen Artillerie-Granaten auf dem Weltmarkt verfügbar. Und Otto Šimko erklärte gegenüber der BBC, er habe nicht gezögert, auf seine eigene Rente zurückzugreifen, um den Kampf der Ukraine gegen den Totalitarismus zu finanzieren.

«Wir müssen Putin aus der Ukraine vertreiben. Wir müssen ihn besiegen.»

Ein bewegtes Leben

Otto Šimko wurde am 1. Juni 1924 in der slowakischen Kleinstadt Topoľčany in der Familie eines angesehenen Anwalts und späteren Richters geboren. Sie waren Juden und erlebten ab 1939 und der Einführung einer ultranationalistische Einparteiendiktatur, wie ihre Mitbürger immer stärker in antisemitische und nazifreundliche Gefilde abdrifteten.

Der slowakische Widerstandskämpfer und Holocaust-Überlebende Otto Šimko, 1939.
Der spätere Widerstandskämpfer und Holocaust-Überlebende Otto Šimko. Zwei Drittel der slowakischen Juden wurden in deutsche Vernichtungslager deportiert.Bild: pametnaroda.cz

1942 wurde die Familie, mit Ausnahme des Vaters, der wegen der Mitgliedschaft in der sozialdemokratischen Partei bereits als politischer Gefangener inhaftiert war, in ein Deportationslager in Žilina transportiert. Ein Onkel rettete sie vor dem Tod in einem Vernichtungslager, indem er sie gerade noch rechtzeitig mit gefälschten Taufscheinen ausstattete.

Gedenkblatt des Bruders von Otto Šimko.
Gedenkblatt für Ottos Bruder Ivan, der später an unbekanntem Ort von den Nazis umgebracht wurde.screenshot: blog.sme.sk

Als im August 1944 der slowakische Nationalaufstand ausbrach, beteiligte sich Otto als Partisan an den Kämpfen, die von russischen Kommunisten angeführt wurden. Er wurde aber verhaftet und musste im Gefängnis eine Reihe brutaler Verhöre ertragen. Nur durch einen glücklichen Zufall konnte er der Abschiebung ins KZ durch Flucht entgehen.

Während eines bewachten Spitalaufenthalts, organisiert durch das Rote Kreuz, öffnete er unbemerkt ein Fenster und sprang heraus. Otto schaffte es in die Stadt Nitra, wo sich bereits seine Mutter und Grossmutter versteckten. Hier half ihm die Untergrundbewegung und bot ihm Unterschlupf.

Die Befreiung durch die Rote Armee erlebte er in seinem Versteck, das sich unter einer Bierhalle befand.

Nach Kriegsende zog er nach Bratislava, wo er 1949 sein Jurastudium abschloss und eine Anstellung beim Staat erhielt, also der kommunistischen Tschechoslowakei.

Otto Šimko wurde vom Präsidenten der Slowakischen Republik „für die Verdienste der Demokratie und den Schutz der Menschenrechte und Freiheiten“ geehrt.
Otto Šimko wurde später vom slowakischen Präsidenten «für die Verdienste der Demokratie und den Schutz der Menschenrechte und Freiheiten» geehrt.Bild: bnaibritheurope.org

Seine idealisierten Vorstellungen von der kommunistischen Herrschaft hielten sich allerdings nicht, wie aus Berichten zu seinem bewegten Leben hervorgeht. In der Zeit, als die Partei Scheinprozesse gegen Feinde durchführte, sei er als Jude und «politisch unzuverlässiger Mensch» seiner Funktion enthoben und zur Arbeit in einer Fabrik verbannt worden.

Er arbeitete als Drechsler und später als Lehrer in einem Lehrlingsheim sowie auch als Journalist. In den Beruf des Anwalts konnte er erst nach vielen Jahren zurückkehren, als er 1971 aus der Redaktion seiner Zeitung entlassen wurde.

Erst die «Sanfte Revolution» – also der Systemwechsel der Tschechoslowakei vom Realsozialismus zur Demokratie im Jahr 1989 – befreite ihn nach seinen eigenen Worten endgültig – und das sowohl innerlich als auch äusserlich.

2004 trat Otto Šimko der jüdischen Gemeinde an seinem Wohnort bei. Nicht etwa aus religiösen Gründen – er sei Atheist, erklärte er später in einem Interview. Seine Motivation sei vielmehr gewesen, jener Schicksalsgemeinschaft beizutreten, mit der er die gleiche Vergangenheit teile.

Vom Journalisten gefragt, wie er nach dem Horror des Holocausts weiterleben konnte, sagte er: «Niemand kann das Geschehene rückgängig machen und ich habe die Wahl. Entweder betrete ich das Licht eines neuen Tages oder ich versinke im Dunkel der Erinnerungen. Ich wähle Licht.»

Slowaken protestieren gegen Populisten
Tausende Menschen haben am Freitagabend in den beiden grössten Städten der Slowakei gegen die linksnationalistische Regierung unter dem Ministerpräsidenten Robert Fico demonstriert. Der Protest richtete sich vor allem gegen Regierungspläne zum Umbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens RTVS.

Zu den Kundgebungen aufgerufen hatten die beiden liberalen Oppositionsparteien «Progressive Slowakei» (PS) und «Freiheit und Solidarität» (SaS). Sie werfen der Regierung vor, sie wolle RTVS unter ihre Kontrolle bringen und am Ende einen Propagandasender daraus machen.

Kundgebungsteilnehmer trugen auch Transparente mit Karikaturen und Schmähparolen gegen Kulturministerin Martina Simkovicova. Die ehemalige TV-Ansagerin eines privaten Boulevardsenders wurde von der rechtspopulistischen kleinsten Koalitionspartei SNS (Slowakische Nationalpartei) für den Ministerposten vorgeschlagen, gehört dieser aber nicht an. Kritiker sagen ihr Nähe zu Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern nach. (sda)

Quellen

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132 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Snowy
22.04.2024 11:21registriert April 2016
Was für eine inspirierende Persönlichkeit: Möge er noch lange leben und wirken!

Danke für diesen Bericht.
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scrum-half
22.04.2024 11:34registriert Oktober 2023
Früher hat man noch auf die alten Leute gehört. Der alte Herr war dabei beim Verrat von München, als feige Staatsführer die Tschechoslowakei Hitler auslieferten. Ein Jahr später ist der Krieg trotzdem ausgebrochen, weil Hitler ein eroberungslüsterner Verbrecher war. Heute wollen feige Staatsführer die Ukraine Putin ausliefern. Auch hier hat der alte Herr vollkommen recht, auch hier ergibt ein feiger Verrat erst recht Krieg.
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stronghelga
22.04.2024 12:19registriert März 2021
„Wir müssen Putin aus der Ukraine vertreiben. Wir müssen ihn besiegen.“ Wie recht er hat. Russland hat uns den Krieg zurück gebracht. Nach Jahren des Friedens und der Prosperität ist wegen Russland Angst und Schrecken wieder latent, dies das Empfinden der denkenden Menschen in Europa. Die Meisten empfinden nur Abscheu vor dem Gebaren Putins.
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