«Oh, eine Rakete auf Kiew»: Eine Minute Zeit, um 150’000 Ukrainer zu warnen
An diesem milden Augustabend in Kiew liegt die Wahrscheinlichkeit eines Raketenangriffs bei rund 50 Prozent. Zu diesem Schluss kommt Esko, der einen Kanal auf Telegram betreibt. Auf seinem Bildschirm verfolgt er die Flugbahnen russischer Angriffe, um die Bevölkerung zu warnen.
Sein Kanal Aeris Rimor («Den Himmel beobachten» auf Lateinisch) veröffentlicht wie Dutzende andere in Echtzeit Warnmeldungen auf der in der Ukraine sehr beliebten Plattform. Die Menschen verfolgen sie mit grösster Aufmerksamkeit, um Drohnen und Raketen im Auge zu behalten – ähnlich wie ein Gewitter in einer Wetter-App. Nur mit weniger Gewissheit und möglicherweise tödlichen Folgen.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Bei einem kürzlichen nächtlichen Angriff durften Journalisten der AFP Esko bei seiner Arbeit begleiten. Voraussetzung war, dass seine Identität und bestimmte operative Details geheim bleiben.
Der 19-Jährige mit leichtem Bartflaum arbeitet normalerweise von zu Hause aus. Wenn die Angriffe ihm eine Pause lassen, schaut er die Serie «Criminal Minds» oder steuert in einem Simulator eine Drohne.
Um 0.26 Uhr ertönt in der Stadt die Sirene, die vor möglichen Luftangriffen warnt. Kurz darauf erscheint auf der Karte auf seinem Bildschirm ein roter Punkt. Es ist dieselbe Karte, die auch von der Luftabwehr verwendet wird:
Daraufhin warnt er die rund 150’000 Abonnenten seines Kanals mit einer knappen Nachricht: «ZIEL AUF KIEW!» Die Stadt habe nur «etwa eine Minute», bevor die Rakete eintreffe, erklärt er. Schnell schickt er die Namen der anvisierten Stadtteile hinterher und ärgert sich über seine Tippfehler.
Wenige Sekunden später sind Explosionen zu hören. Der rote Punkt verschwindet. Fast sofort taucht ein zweiter auf. «Man muss wirklich an seinem Platz bleiben und die ganze Zeit auf den Bildschirm starren, weil man es sehr leicht verpassen kann», sagt Esko, der auch spät in der Nacht noch wach wirkt. Rote Symbole, die russische Drohnen darstellen, verteilen sich über die Karte und verschwinden wieder, sobald sie von der ukrainischen Luftwaffe abgeschossen werden.
Nächtliches Dilemma in der Ukraine: Schlafen oder sich schützen
Die Behörden tolerieren diese Kanäle, rechtlich bewegen sie sich jedoch in einer Grauzone. Sie stützen sich auf Informationen ihrer Kontakte bei der Luftabwehr, die eigentlich geheim bleiben sollten. Esko hält sich deshalb bedeckt, wenn es um seine Quellen geht.
Nachts setzt Russland gegen Kiew immer häufiger ballistische Raketen ein. Sie schlagen mit mehreren Tausend Kilometern pro Stunde ein und sind deutlich schwieriger abzufangen als die viel langsameren Drohnen.
Jeden Abend stehen die Bewohner vor dem gleichen Dilemma. Sie können direkt in einen Schutzraum gehen, meist in eine Metrostation oder einen Keller, und damit etwas mehr Sicherheit gewinnen – auf Kosten einer unbequemen Nacht. Oder sie schlafen im eigenen Bett und wissen, dass diese Entscheidung sie das Leben kosten kann.
Die Behörden versuchen, möglichst frühzeitig vor der Wahrscheinlichkeit eines Angriffs zu warnen. Die inoffiziellen Telegram-Kanäle schliessen jedoch eine Informationslücke, indem sie täglich Einschätzungen zur Wahrscheinlichkeit verschiedener Angriffsarten veröffentlichen.
Esko sagt, er erhalte häufig Nachrichten von verängstigten Bewohnern, die wissen wollten, ob sie in einen Schutzraum gehen sollten. Er erklärt:
An einem Abend, an dem ein russischer Angriff wahrscheinlich, aber nicht sicher erscheint, entscheiden sich Hunderte Bewohner vorsichtshalber dafür, mit Zelten und Kissen in die Metro hinunterzugehen. Unter ihnen ist Kateryna Rechetnyk. Sie hat ihre Entscheidung getroffen, nachdem sie mehrere Telegram-Kanäle verglichen hat, «die gute Informationen veröffentlichen». In dieser Nacht dienen Campingstühle ihr, ihrer Mutter und ihrer Grossmutter als provisorische Betten.
Neben ihren Besitzern schnarchen Hunde, während diese auf ihre Handybildschirme schauen und den Verlauf der Angriffe verfolgen:
Schliesslich wird es Morgen – ohne grösseren Angriff.
Die ukrainische Luftwaffe toleriert diese Kanäle. «Man kann sie nicht verbieten. Sie existieren, sie informieren die Öffentlichkeit, für manche Menschen ist das praktisch», sagt ihr Sprecher Iouri Ignat. Die Luftwaffe verlangt lediglich, dass die Betreiber keine zu detaillierten Informationen veröffentlichen, die von der russischen Armee genutzt werden könnten.
Esko ist sich bewusst, dass seine Mitbürger ihr Leben riskieren können, wenn sie sich auf seine Beiträge verlassen. Sein Leben vor dem Bildschirm lässt wenig Zeit zum Schlafen. Trotzdem sind ihm unruhige Nächte lieber als beängstigende Ruhephasen, in denen er sich ausmalt, wie sich russische Soldaten auf neue Angriffe vorbereiten.
