Er gewinnt den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs – und gesteht KI-Nutzung
Der Prix Goncourt ist zwar nur mit zehn Euro dotiert, gilt aber als wichtigste Literaturauszeichnung Frankreichs. Der diesjährige Preisträger heisst Philippe Jaenada und hat für seinen Roman «nur» dreimal auf eine KI zurückgegriffen. Einen Tag nach der Preisverleihung für seinen Roman «L'Inconnue du quai de Javel» hat der 62-Jährige im Radiosender France Inter die Verwendung von künstlicher Intelligenz eingeräumt. Gilt er trotzdem als würdiger Preisträger?
«Man kann nicht so tun, als gäbe es sie nicht», sagte Jaenada und nimmt das Ganze erstaunlich locker. Beschwört er den nächsten KI-Skandal? Oder liefert er im Gegenteil den Beweis, dass sie auch in der Literatur bereits zur Normalität gehört?
Ein Hochstapler ist er jedenfalls nicht. Er habe die KI lediglich dreimal benutzt. Unter anderem habe er einen von ChatGPT formulierten Satz in seinem Buch versteckt – auch als Spiel mit den Leserinnen und Lesern. Zudem nutzte er die KI für technische Recherchen und baute ihre mitunter absurden Antworten ein.
Trotzdem ist das Eingeständnis brisant: Erst im September hatte die Jury den Roman von Thélyson Orélien aus der Auswahl des Prix Goncourt gestrichen, weil er mithilfe künstlicher Intelligenz entstanden sei. Nun hat Jaenada das Rennen um den Preis gemacht und mit seiner Aussage neues Öl ins Feuer gegossen.
Zündstoff gab es dafür auch schon vorher reichlich, wie Schlagzeilen dieses Jahres zeigen. Von der New York Times bis zu etablierten Verlagen flogen Autorinnen und Autoren auf, weil sie die KI ihre Texte schreiben liessen. Schriftsteller äussern sich in Interviews zu ihrer Arbeitsweise. Und der Schweizer Kabarettist und Schriftsteller Franz Hohler nutzt die KI für ein Experiment. Er legte Studierenden einen selbst geschriebenen Text sowie einen KI-generierten Text «Im Stile Franz Hohlers» vor. Die Frage, welches der echte Hohler-Text sei, beantworteten die meisten falsch.
KI-Künstler suchen sich eigene Preise
Seit das Verhältnis zwischen KI und Kunst zur öffentlichen Debatte steht, haben solche Diskussionen Konjunktur. Wie auch Shitstorms. Den hat beispielsweise die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk erlebt, nachdem sie in Interviews von den Vorzügen künstlicher Intelligenz geschwärmt hat. Schliesslich versicherte sie, dass sie die KI nicht zum Schreiben selbst benutzen würde.
Der Fall um den Prix Goncourt zeigt erneut die fragile Linie zwischen Hilfsmittel und Betrug. Dem Kulturbetrieb bereitet die Frage Kopfzerbrechen, welche Kunst noch als eigenständig gelten darf. Das betrifft nicht nur die Literatur. Die Fülle der KI-generierten Kunst ist so reich, dass ihr das Kunsthaus Aargau eine Ausstellung gewidmet hat.
Von Hollywood (wo KI-Filme vom Rennen um die Oscars ausgeschlossen werden) bis zum Prix Goncourt in Paris lehnen Jurys die Verwendung von KI weitestgehend ab. Aber wenn es schon KI-Filme, Schauspieler, Lieder, Bücher und mehr gibt, warum dann nicht auch eigene Preise? Fest steht nämlich spätestens seit Elon Musks KI-generierter «Odyssee»-Verfilmung auch, dass es gar nicht so leicht ist, überzeugende Produkte mittels KI herzustellen.
Seit dieser Woche steht es Autorinnen und Autoren offen, KI-generierte Bücher für den «Prix Pascal» einzureichen. Also möge der beste Prompt gewinnen. (schweizheute.ch)
