Andy Burnham: Dieser Mann soll Labour und Grossbritannien «erlösen»
Der Druck war zu gross: Am Montag erklärte Sir Keir Starmer seinen Rücktritt als britischer Premierminister. Noch am letzten Freitag hatte sich der Labour-Politiker kämpferisch gezeigt und auf seine Errungenschaften verwiesen: Annäherung an die EU, kürzere Wartezeiten im Gesundheitswesen, ein deutlicher Rückgang bei der Zuwanderung.
Es half alles nichts. Über das Wochenende musste Starmer zur Kenntnis nehmen, dass selbst seine engsten Mitstreiter ihm das Vertrauen entzogen hatten. Er hatte keine andere Wahl, als seinen Verzicht auf den Labour-Vorsitz und damit das Amt des Regierungschefs bekanntzugeben. Es war ihm anzusehen, wie schwer ihm dieser Schritt fiel.
Keir Starmer ist integer und kompetent. Doch mit seinem Buchhalter-Image schaffte er es nicht, die von jahrelangem politischem Chaos und wirtschaftlicher Stagnation frustrierten Briten von sich zu überzeugen. Nun soll es einer richten, der einen ganz anderen Appeal hat: Andy Burnham, der bisherige Bürgermeister der Grossregion Manchester.
Indiz für Starmers Machtverlust
Schon kurz nach Starmers Auftritt kündigte er seine Bewerbung an. Seit letztem Donnerstag ist für ihn der Weg an die Partei- und Regierungsspitze frei. Burnham siegte bei einer Nachwahl für das Unterhaus im Wahlkreis Makerfield, der einen Teil der Agglomeration Manchester umfasst. Am Montag übernahm er seinen Sitz im Parlament von Westminster.
Die Umstände von Burnhams Erfolg sagen einiges aus über Keir Starmers Machtverlust. Noch im Frühjahr hatten der Premier und seine Entourage eine geplante Kandidatur von Andy Burnham bei einer anderen Unterhaus-Nachwahl vereitelt. Jetzt mussten sie es hinnehmen, dass ein Verbündeter Burnhams den Sitz in Makerfield für ihn räumte.
Sieg mit absoluter Mehrheit
Das Ausmass von Burnhams Wahlsieg sei für Starmers Verbündete ein wesentlicher Faktor gewesen, schrieb der «Guardian». Und der 56-Jährige hat geliefert: Er holte 55 Prozent der Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Er musste nicht hoffen, dass die rechtsradikale Partei Restore Britain seinem Herausforderer von Reform UK Stimmen abjagte.
Schon am Freitag hielt Andy Burnham vor Anhängern eine Rede, die man als Bewerbung für das Amt des Premierministers in London interpretieren konnte. Er werde alles dafür geben, «dass der Name Makerfield für immer ein Synonym dafür ist, den Wandel herbeizuführen, den dieses Land braucht», sagte der bisherige Mayor von Greater Manchester.
Image des Machers
Die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Andrew Murray Burnham stammt aus einfachen Verhältnissen. Das gilt auch für Keir Starmer, doch anders als der Noch-Regierungschef verfügt sein mutmasslicher Nachfolger über Volksnähe. Dafür steht etwa sein salopper Kleidungsstil. Eine Krawatte trägt er höchstens, wenn er beim König antraben muss.
Burnham hat auch Regierungserfahrung auf nationaler Ebene, genauer unter den früheren Labour-Premiers Tony Blair und Gordon Brown. Vor neun Jahren wechselte er in das Amt des Bürgermeisters von Manchester und erwarb sich das Image eines Machers. Als grösster Erfolg gilt die Rückverstaatlichung des dysfunktionalen privaten Bussystems.
Der «König des Nordens»
Heute sind die gelben Doppeldeckerbusse pünktlicher und günstiger als zuvor. Gleichzeitig wuchs Manchester so stark wie keine andere Stadt im Königreich, inklusive London, samt den «Kollateralschäden» wie einem angespannten Wohnungsmarkt. Mit einem Masterplan für Wohnungen, Jobs und Infrastruktur stiess Burnham auf beträchtlichen Widerstand.
Dennoch ist Andy Burnham sehr populär, er erhielt den Übernamen «König des Nordens». Politisch wird er der «Soft Left» innerhalb der Labour-Partei zugerechnet, der moderaten Linken. Eine Stärkung des Service Public und eine Rücknahme von Verstaatlichungen dürften auch im Zentrum seiner künftigen Arbeit als Premierminister stehen.
Schon zweimal gescheitert
Nicht alle auf der Insel sind überzeugt, dass er der Herkulesaufgabe gewachsen ist. Für Kritiker ist Burnham ein Mann von gestern. Der «Economist» verweist darauf, dass er schon mit zwei Anläufen für die Parteispitze gescheitert sei und zu wichtigen Themen wie einem ausgeglichenen Staatshaushalt widersprüchliche Botschaften vermittelt habe.
Die Wahl in Makerfield illustriert zudem das Elend der britischen Politik: Die konservativen Tories spielten keine Rolle (obwohl sie mit dem Sieg bei einer weiteren Nachwahl im schottischen Aberdeen ein Lebenszeichen von sich gaben). Burnham trat gegen eine rechtspopulistische (Reform UK) und eine rechtsradikale (Restore Britain) Partei an.
Zustimmungswerte rückläufig
Der neue Regierungschef muss in einem erschöpften Königreich für Aufbruchstimmung sorgen, und allein diese Aufgabe ist fast übermenschlich. Keir Starmer war am Montag der sechste Regierungschef in zehn Jahren, der vor der Tür von Downing Street Nr. 10 seinen Rücktritt bekanntgab, und das in einem System, das auf maximale Stabilität ausgerichtet ist.
Die Vorschusslorbeeren für den mutmasslichen neuen Bewohner des Amtssitzes in London sind überschaubar. In Manchester mag Andy Burnham beliebt sein, doch auf nationaler Ebene sind seine Zustimmungswerte seit Mitte Mai, als er als Starmer-Nachfolger in den Fokus rückte, gemäss YouGov von mehrheitlich positiv in den negativen Bereich gekippt.
Das mag mehr mit dem Ärger der Briten über die Labour-Regierung zusammenhängen als mit seiner Person, doch es macht ihm den Start nicht einfacher. Eine Rückkehr in die EU, die eine Mehrheit der Briten wünscht, schliesst er aus, aber er will die Beziehungen vertiefen. Und er muss einen Draht zum unberechenbaren Donald Trump finden.
Noch ist unklar, wann Andy Burnham sein Amt antritt, doch es könnte gemäss der BBC schnell gehen. Mit Ex-Gesundheitsminister Wes Streeting hat sich ein potenzieller Rivale hinter ihn gestellt. Zwei Jahre nach ihrem Triumph bei der Unterhauswahl geht es für Labour um alles oder nichts. Klar ist deshalb: Der «König des Nordens» muss liefern.
