Die USA bauen am Golf eine gewaltige Armada auf
Am 28. Februar dieses Jahres starteten die amerikanischen und israelischen Streitkräfte umfassende Angriffe auf den Iran. Gleich zu Beginn wurden hochrangige Exponenten der iranischen Führung – darunter das politische und religiöse Oberhaupt der Islamischen Republik Iran, Ali Chamenei – in gezielten Luftschlägen getötet. Das iranische Regime konnte sich dennoch halten und schlug unter anderem mit massiven Drohnen- und Raketenangriffen auf Israel, US-Stützpunkte und die Golfstaaten zurück. Zudem blockierte der Iran die strategisch wichtige Meeresstrasse von Hormus, durch die vor dem Krieg rund ein Fünftel der weltweiten Erdöl- und Flüssigerdgas-Transporte liefen.
Trotz der Unterzeichnung einer Absichtserklärung für ein Konfliktende kam es immer wieder zu Zwischenfällen, Angriffen und militärischen Drohungen. So griff etwa in der Nacht auf Dienstag ein US-Kampfjet die Insel Gheschm in der Strasse von Hormus an. Die USA konnten ihre Kriegsziele bisher nicht erreichen: Weder ist das Mullahregime gestürzt, noch das iranische Atomprogramm beendet oder die iranische Kapazität der Drohnen- und Raketenherstellung entscheidend beeinträchtigt. Beeinträchtigt sind dagegen – vornehmlich durch die kriegsbedingt hohen Treibstoffpreise – die Wahlchancen der Republikaner bei den Zwischenwahlen in den USA.
Sobald diese Midterms vorbei sind, könnte US-Präsident Donald Trump den schlafenden Krieg gegen den Iran neu eskalieren. So wurden die Munitionsbestände der US-Streitkräfte am Golf wieder aufgefüllt und Einheiten der US Air Force in Bereitschaft versetzt. Die Amerikaner zogen zudem Truppen aus den Stützpunkten im Nahen Osten ab, die für iranische Angriffe erreichbar sind, und verlegten ein zusätzliches Patriot-Raketenabwehrsystem nach Israel.
Hinweise auf eine mögliche Eskalation geben auch die amerikanischen Flottenbewegungen: So hat die «USS Theodore Roosevelt», Flaggschiff der Carrier Strike Group 9, den Hafen von San Diego Ende September verlassen und Kurs auf den Nahen Osten genommen. Dort befinden sich bereits zwei nukleare US-Flugzeugträger mit ihren jeweiligen Kampfgruppen. Die US-Armada in der Region erreicht damit eine beachtliche Grösse, wie die folgende Übersicht zeigt:
Bereits am Golf im Einsatz
Derzeit befinden sich rund 20 US-Kriegsschiffe im Einsatzgebiet, das Teil des US Central Command (CENTCOM) ist. Sie gehören zu den folgenden Verbänden:
USS George Washington (CVN-73)
Dieser Flugzeugträger der Nimitz-Klasse ist an sich in Yokosuka in Japan stationiert. Die «George Washington» löste im August die «USS Abraham Lincoln» in der Region ab und ist seither an der Durchsetzung der Seeblockade gegen den Iran beteiligt.
Wie alle nuklearen Flugzeugträger der US Navy ist die «George Washington» nicht allein unterwegs, sondern der zentrale Teil einer Flugzeugträgerkampfgruppe, einer sogenannten Carrier Strike Group. Die «George Washington» ist Flaggschiff der Carrier Strike Group 5.
USS George H.W. Bush (CVN-77)
Auch das Flaggschiff der Carrier Strike Group 10 ist an der Blockade der iranischen Häfen beteiligt. Der Heimathafen der «George H.W. Bush», die sich bereits seit April im Arabischen Meer befindet und damit seit mehr als 210 Tagen im Einsatz steht, ist Norfolk im US-Staat Virginia. Anfang Oktober besuchte der Flugzeugträger den thailändischen Hafen Phuket für einen fünftägigen Versorgungsaufenthalt.
Beide Träger haben seit ihrer Ankunft ihr AIS-Signal (Automatic Identification System) abgeschaltet; sie sind jedoch nicht direkt im verhältnismässig engen Persischen Golf stationiert, sondern im Arabischen Meer.
Boxer Amphibious Ready Group
Eine Amphibious Ready Group (ARG) der US-Marine besteht aus einer Gruppe von Kriegsschiffen – die als Amphibious Task Force (ATF) bezeichnet wird – und einer Landungstruppe (LF). Letztere setzt sich in der Regel aus Marines zusammen, gelegentlich aber auch aus Soldaten der US-Armee. Insgesamt kommt eine ARG auf eine Personalstärke von rund 5000 Personen.
Zur Boxer Amphibious Ready Group, die im Arabischen Meer stationiert ist, gehören das Flaggschiff «USS Boxer», das Docklandungsschiff «USS Comstock», das amphibische Transportdockschiff «USS Portland» und die 11th Marine Expeditionary Unit, die rund 2200 Mann stark ist. Die «Boxer» ist ein amphibisches Angriffsschiff der Wasp-Klasse, das bis zu 40 Luftfahrzeuge – sowohl Hubschrauber als auch Senkrechtstarter – transportieren kann und zudem mehrere Landungsfahrzeuge mit sich führt.
Unabhängige Zerstörer
Zusätzlich zu den Begleitschiffen der beiden Trägerkampfgruppen operieren mehr als zehn Lenkwaffenzerstörer eigenständig in der Region. Dazu kommt der Lenkwaffenzerstörer «USS Carl M. Levin», der als erstes Schiff der Roosevelt-Gruppe ausgelaufen ist und bereits in der Region angekommen ist.
Luftstreitkräfte
Seit Anfang Februar haben die USA mehr als 120 Flugzeuge in die Region verlegt, darunter AWACS, F-35, F-22, F-15 und F-16.
Zudem hat das US-Militär nach Angaben des israelischen öffentlich-rechtlichen Senders KAN zehn Transportflugzeuge auf Luftwaffenstützpunkte in der Negev-Wüste im Süden Israels verlegt – vermutlich im Rahmen der Vorbereitungen für einen möglichen Militärschlag gegen den Iran.
Truppen
In der Region sind derzeit bereits rund 50'000 US-Soldaten stationiert.
Unterwegs in den Nahen Osten
USS Theodore Roosevelt (CVN-71)
Der Träger, Flaggschiff der Carrier Strike Group 9, hat die USA am 27. September verlassen und danach nach einem Zwischenstopp im japanischen Yokosuka mit dem Lenkwaffenkreuzer «USS Chosin» an einem Manöver im Philippinischen Meer teilgenommen, bevor die Gruppe durch die Strasse von Malakka in den Indischen Ozean fuhr. Sie soll Ende November im Einsatzgebiet eintreffen. Neben der «Chosin» begleitet auch ein Zerstörer-Geschwader die «Theodore Roosevelt», darunter die Zerstörer «USS Decatur» und «USS Paul Hamilton».
Auch die «Theodore Roosevelt» ist ein atombetriebener Flugzeugträger der Nimitz-Klasse. An Bord des Trägers befindet sich die Carrier Air Wing 11, die neben F-35C- und F/A-18 Super Hornet-Jets auch Flugzeuge für die elektronische Kriegsführung und mehrere Helikopter umfasst.
Makin Island Amphibious Ready Group
Einen Tag nach der «Theodore Roosevelt» lief auch eine amphibische Einsatzgruppe aus San Diego aus. Sie besteht aus der «USS Makin Island», der «USS Anchorage», der «USS John P. Murtha» und der 13th Marine Expeditionary Unit mit mehr als 2000 Marines. Auch diese Einheit soll Ende November im Einsatzgebiet eintreffen.
Grösster Truppenaufmarsch seit Irak-Krieg
Die «Theodore Roosevelt» soll laut USNI News die «George Washington» ablösen; zudem dürfte die Makin Island Amphibious Ready Group die Boxer Amphibious Ready Group ersetzen. Falls die abzulösenden Verbände erst nach Ankunft der neuen abziehen würden, hätten die USA zeitweise drei Flugzeugträger-Kampfgruppen und zwei amphibische Einsatzgruppen gleichzeitig in der Nähe des Irans. Dass sich drei Carrier Strike Groups zugleich in der Region befinden, gab es zuletzt im April. Eine längerfristige Anwesenheit aller drei Trägerkampfgruppen ist jedoch unwahrscheinlich, da die «George Washington» schon sehr lange im Einsatz steht.
Wenn die frischen Marine-Verbände Ende November in der Arabischen See eintreffen, bringen sie rund 10'000 Matrosen und Marine-Soldaten mit, was die potenzielle Gesamtstärke der US-Truppen in der Region auf mehr als 60'000 erhöht. Dies wäre laut Angaben von US-Beamten der grösste Truppenaufbau in der Region seit dem Irak-Krieg 2003. Damals war es auch das letzte Mal vor dem Iran-Krieg, das sich drei US-Trägergruppen gleichzeitig in der Region befanden.
Ob der amerikanische Truppenaufmarsch tatsächlich die Mittel für einen weiteren Grossangriff auf den Iran bereitstellen oder als Drohkulisse dienen soll, die das Mullahregime zu Konzessionen am Verhandlungstisch bewegen soll, wird sich weisen. Trumps erratische Politik ist schwierig vorhersehbar – der derzeit letzte Stand ist laut dem Portal Axios, dass der US-Präsident vorerst auf Verhandlungen mit Teheran setzen wird. Dies, obwohl ihn der israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einem Telefongespräch dazu gedrängt habe, unmittelbar nach den Midterms anzugreifen.
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