Ist Irans Oberster Führer tot? Die Gerüchte um Mojtaba Khamenei verdichten sich
Iran ist vermutlich das einzige Land der Welt ohne ein sichtbares Staatsoberhaupt: Seit seiner Ernennung im März hat sich der neue Revolutionsführer Mojtaba Khamenei kein einziges Mal öffentlich gezeigt. Es gibt kein aktuelles Foto.
Ein am Montag im Staatsfernsehen präsentiertes Video, das erste überhaupt seit Kriegsbeginn, das Mojtaba bei einem Meeting mit seinen Beratern zeigt, stammt aus Vorkriegstagen. Nicht einmal eine Tonbandaufnahme wurde von dem 56-Jährigen veröffentlicht, der am 28. Februar bei einem amerikanischen Bombenangriff auf die Teheraner Residenz seines Vaters schwer verletzt wurde.
Selbst Aussenminister Abbas Araghchi räumt ein, ihn nicht getroffen zu haben. Der Historiker Arash Azizi hat dieser Leerstelle in einem viel beachteten Essay für «The Atlantic» eine steile These entgegengesetzt: Mojtaba könnte längst tot sein.
Azizi ist kein Aktivist der Exilopposition, sondern ein an der New York University promovierter Historiker, der auch regelmässig für die «New York Times» und die «Washington Post» schreibt. Der aus dem Iran stammende Wissenschafter zitiert mehrere, teils namentlich genannte Quellen im Iran selbst und lässt widersprüchliche Einschätzungen über Leben oder Tod bewusst nebeneinanderstehen.
Bereits im März hatte US-Präsident Trump gesagt, man wisse nicht, ob Mojtaba «tot oder nicht tot» sei. Mitte Juli berichteten israelische Medien von einem «extrem kritischen Zustand», in dem sich Khamenei befinden soll. Zum gleichen Zeitpunkt sah Trump den Revolutionsführer «zu 90 Prozent weg».
Personalien lassen aufhorchen
Iranische Regierungsmitarbeiter sagten Azizi, sie glaubten, Mojtaba sei tot oder hirntot. Die Aussagen sollen Anfang August gemacht worden sein, was aufschlussreich sein könnte. Denn ausgerechnet am 9. August erliess Mojtabas Büro jene Dekrete, mit denen die Hardliner Mohsen Rezaei und Ahmad Vahidi in Schlüsselpositionen gehievt wurden – Personalentscheide, die seither die noch härtere iranische Militärlinie prägen.
Am selben Tag soll zudem das letzte Treffen mit Präsident Pezeshkian «an einem geheimen Ort» stattgefunden haben. Wenige Tage später kursierte über einen offiziellen iranischen Kommunikationskanal ein öffentlicher Aufruf, für Mojtabas Gesundheit zu beten und – wie im Islam bei schwerer Krankheit üblich – Schafe zu opfern. Sein Leben, hiess es, sei «bedroht» – was im Iran nicht unbedingt ein Hinweis auf seinen nahenden Tod sein muss.
Denn in einer schiitischen Theokratie könnte auch ein Toter, «Entrückter» oder eben Unsichtbarer herrschen. Die Vorstellung des «verborgenen Imam» ist 1300 Jahre alt: Der zwölfte Nachfolger des Propheten-Enkels Hussein, der 680 in der Schlacht von Kerbela unterlag, sei im 10. Jahrhundert spurlos verschwunden und werde einst als «Erlöser» auf die Erde wiederkehren.
In der Abwesenheit des Verschwundenen, so die Lehre, herrschen andere in seinem Namen – ein Prinzip, das Ajatollah Khomeini nach der islamischen Revolution von 1979 zur Grundlage der «Herrschaft der Rechtsgelehrten» machte. Dieses Muster liesse sich womöglich auch auf Mojtabas «kriegsbedingte Entrückung» übertragen: Der «Stellvertreter des verborgenen 12. Imam» müsste gar nicht auftreten, um als Autorität akzeptiert zu werden.
Der Vater wurde mehrfach für tot erklärt
Auch Mojtabas Vater Ali Khamenei verschwand während seiner mehr als drei Jahrzehnte andauernden Herrschaft immer wieder von der Bildfläche. Mehrfach wurde er für tot oder todkrank erklärt. Die letzten zehn Jahre litt er angeblich an Prostatakrebs im Endstadium, ohne dass dies seine Herrschaft untergrub.
Denkbar ist auch, dass Mojtaba für den Fall seiner Handlungsunfähigkeit eine Art Vorsorgeregelung hinterlegt haben könnte, was für den Obersten Führer eines kriegführenden Landes keine abwegige Vorkehrung wäre. Sie würde erklären, warum ausgerechnet am 9. August derart weitreichende Dekrete in seinem Namen erschienen, ohne dass er selbst noch aktiv gewesen sein müsste. Belegt ist das nicht – aber es passt zur Beobachtung, dass die iranische Führung in dem sich verschärfenden Konflikt mit Washington bisher zumindest keine sichtbaren Schwächen gezeigt hat.
Viele Fragen bleiben trotzdem offen. Ob tot, im Koma oder theologisch «entrückt»: Sollte die engste Führungsriege um die Revolutionsgarden seit Wochen im Namen eines Handlungsunfähigen regieren, wäre das keine gewöhnliche Nachfolgekrise, sondern eine faktische Machtübernahme unter geborgter Autorität, was im Iran für Unruhe sorgen könnte. Der Oberste Revolutionsführer ist verfassungsrechtlich der letzte Schiedsrichter zwischen den Fraktionen des Systems. Die entscheidende Frage ist damit nicht mehr nur, ob Mojtaba lebt oder bereits «entrückt» ist – sondern ob es in der schiitischen Machtlogik überhaupt einen Unterschied macht. (schweizheute.ch)
