Hütet euch vor der wütenden Ente Donald Trump
Dass der Präsident und seine Partei bei den Zwischenwahlen Federn lassen müssen, ist fast schon eine Gesetzmässigkeit der amerikanischen Politik. Bisher haben sich die Präsidenten mehr oder weniger stilvoll damit abgefunden. So haben George W. Bush und Barack Obama die Prügel der Wählerinnen und Wähler eingesteckt, ihre Wut zur Kenntnis genommen und versucht, den verbliebenen Rest ihrer Amtszeit in Zusammenarbeit mit der Opposition so anständig wie möglich über die Bühne zu bringen.
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Donald Trump jedoch ist kein normaler Präsident. Er ist ein amoralischer, sadistischer und rachsüchtiger Mensch. Er ist alt und möglicherweise gar dement. Und er ist auch als «lahme Ente» immer noch Präsident der mächtigsten Nation. So berechtigt daher unsere Freude über seine Niederlage ist, so berechtigt ist auch unsere Angst, dass die Folgen dieser Niederlage für die ganze Welt verheerend ausfallen können.
Wir leben in einer Zeit, die seit dem Kalten Krieg nie mehr so riskant war. Die regelbasierte Weltordnung der letzten 80 Jahre – einst ironischerweise mehrheitlich von den Amerikanern kreiert – zerfällt und macht einer Ordnung Platz, in der wieder gilt, was der griechische Historiker Thukydides wie folgt formuliert hat: «Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen.»
In dieser Welt hat Trump selbst als lahme Ente grosses Zerstörungspotenzial, beispielsweise im Nahen Osten. Es gibt Anzeichen dafür, dass er zusammen mit dem ebenfalls angeschlagenen israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu zum finalen Schlag gegen den Iran ausholen will. Die Folge könnte ein Flächenbrand sein, der sich über die gesamte Region erstreckt und gar der Auftakt zu einem neuen Weltkrieg sein könnte.
Auch im Krieg in der Ukraine zeichnet sich kein Happy End ab. Trump ist offensichtlich gewillt, die Ukraine zu verraten. Seine Unterhändler Jared Kushner und Steve Witkoff streben einen lukrativen Deal mit dem russischen Präsidenten an und loben den russischen Präsidenten als «Humanisten». Der amerikanische Präsident drückt derweil beide Augen zu, wenn Putin täglich immer grausamere Kriegsverbrechen gegen Zivilisten begeht.
Der verhinderte Imperator Trump strebt eine Welt an, in der die Grossmächte USA, China und Russland tun, was Thukydides schon vor Jahrtausenden erkannt hat. Deshalb träumt er nach wie vor davon, auch Kanada und Grönland den USA einzuverleiben und damit die absolute Macht darüber zu haben, was er den Westen nennt. Obwohl er mit diesem Traum seine engsten Verbündeten vor den Kopf stösst und möglicherweise die Nato in die Luft sprengt, wird er zur Freude von Putin und Xi Jinping nicht davon ablassen.
Der russische und der chinesische Präsident schauen auch wohlwollend zu, wie der US-Präsident zusammen mit Elon Musk die Rechtspopulisten in Europa stärkt und damit die EU schwächt.
Mit seinen Handelskriegen hat Trump die amerikanische und die globale Wirtschaft bereits massiv geschädigt. Trotzdem wird er an seinen Strafzöllen festhalten, ja sie möglicherweise gar noch erhöhen. Weil er überzeugt ist, dass, wer das KI-Rennen gewinnt, auch die Welt beherrscht, wird er den Schulterschluss mit den Tech-Oligarchen noch verstärken, auch gegen den Willen der eigenen Bevölkerung Datacenters fördern und eine Regulierung der KI hintertreiben.
Dabei wird die kritiklose Unterstützung der KI zunehmend zu einer Gefahr nicht nur für die amerikanische Wirtschaft. Dass die KI-Blase an den Börsen platzen wird, ist inzwischen weitgehend unbestritten, die Frage ist einzig noch, wann. Und was für Folgen sie haben wird. In den schlimmsten Szenarien sind diese Folgen eine globale Depression, vergleichbar mit den Dreissigerjahren.
Trump geht es letztlich nur um drei Dinge: Geld, Rache und Ruhm. Die beispiellose Korruption im Weissen Haus wird daher nicht nur weitergehen, sondern sich exponentiell verstärken. Nicht nur der Trump-Clan, alle wollen nach Möglichkeit abzocken. Deshalb werden präsidiale Begnadigungen für zweistellige Millionenbeträge verschachert, Insidergeschäfte en masse getätigt und Regierungsaufträge schamlos an Kumpels vergeben.
Der Rachefeldzug des Präsidenten ist bisher zwar ein Flop, das heisst jedoch nicht, dass er ihn nicht weiterführt. Dabei müssen nicht nur der ehemalige FBI-Direktor James Comey sich schützen, sondern auch normale Agenten, die einzig ihren Job erfüllt haben, indem sie gegen Trump ermittelten. Wie grenzenlos und schäbig Trumps Rachsucht ist, zeigt sich etwa daran, dass er selbst Cassidy Hutchinson, eine junge Stabsmitarbeiterin, die in den Anhörungen zum Sturm auf das Kapitol gegen ihn ausgesagt hatte, vor den Kadi zerren wollte, zum Glück erfolglos.
Was den Ruhm betrifft: Trump will nicht nur Meeresbuchten und Seen umtaufen, neuerdings soll es gar ein Ozean sein. Zudem will er Flughäfen, Bahnhöfe und das Kennedy Center mit seinem Namen beglücken.
Den grössten Anteil seiner Arbeitszeit widmet er ohnehin seinen Eitelkeitsprojekten. Er hat nicht nur das Weisse Haus mit Gold vollgepflastert und den Ostflügel abreissen lassen, um einen überdimensionierten Ballroom zu errichten, der Rasen ist bereits mit einer Betonterrasse und einem Helikopter-Landeplatz verunstaltet worden. Geplant sind noch ein Triumphbogen und ein neuer Golfplatz in Washington.
Worin besteht die Hoffnung, dass Trump die Welt nicht in den Abgrund reisst? Einerseits darin, dass die Demokraten sich gefangen haben und einige vielversprechende Persönlichkeiten in ihren Reihen aufweisen, die präsidiales Potenzial aufweisen. Jon Ossoff beispielsweise, der wiedergewählte Senator aus Georgia, oder die Gouverneure Andy Beshear (Kentucky), Wes Moore (Maryland) und Josh Shapiro (Pennsylvania).
Zudem hat der Kampf gegen Trump die Demokraten geeint. Bei den Republikanern hingegen dürfte genau das Gegenteil eintreffen. Deren Unterstützung war nie getrieben von Liebe für, sondern von Angst vor dem Präsidenten. Als lahme Ente ist dieser jedoch weit weniger furchterregend. Deshalb könnte die eine oder der andere Republikaner wieder entdecken, dass sie/er ja ein Rückgrat besitzt.
All dies ändert nichts daran, dass der angeschlagene, rachsüchtige, krankhaft narzisstische Trump ein grosses Risiko bleibt. Er ist, wie es sein ehemaliger Mitstreiter Chris Christie, der republikanische Ex-Gouverneur des Bundesstaates New Jersey, nennt, jetzt eine «wütende Ente». Mark Milley, der ehemalige Oberbefehlshaber der Armee, geht einen Schritt weiter und bezeichnet Trump als «Faschist mit Haut und Haar».
