Eiskalte Killerin oder Opfer? Die Geschichte hinter Netflix' «Monster: Lizzie Borden»
Der Mord an Lizzie Bordens Eltern gilt bis heute als ungelöster Fall. Und genau diesem gehen Ryan Murphy und Ian Brennan, die Köpfe hinter «Monster», in der neuen Staffel auf den Grund. Der Serienmörder Jeffrey Dahmer, die vatermörderischen Brüder Lyle und Erik Menendez sowie der Mörder und Grabräuber Ed Gein wurden alle in der Serie «Monster» thematisiert. Die Darstellungen zielen darauf ab, eine Frage zu klären: Werden Monster gemacht oder werden sie geboren?
In der vierten Staffel rückt Lizzie Borden in den Fokus. Borden inspiriert seit Jahrzehnten Musiker und Filmmacher mit ihrer makaberen Geschichte. Borden wurde für den brutalen Mord an ihren Eltern im Jahr 1892 angeklagt (und freigesprochen).
Von dieser Tat gibt es sogar einen Kinderreim, der bis heute aufgesagt wird:
And gave her mother forty whacks,
When she saw what she had done,
She gave her father forty-one.
Und versetzte ihrer Mutter vierzig Hiebe,
Als sie sah, was sie getan hatte,
Versetzte sie ihrem Vater einundvierzig.
Tatsächlich erhielten die Bordens nur 29 Hiebe und nicht die 81, die im Gedicht suggeriert werden, doch die Beliebtheit dieses Gedichts zeugt von der Faszination der grausamen Tat. Aber der Reihe nach:
Wer war Lizzie Borden?
Lizzie Andrew Borden wurde am 19. Juli 1860 als zweites Kind von Andrew und Sarah Morse Borden geboren. Ihre Schwester Emma war 12 und Lizzie 2 Jahre alt, als ihre Mutter starb. Der Vater heiratete kurz darauf erneut.
Lizzie wuchs in Fall River, Massachusetts, auf und war, wie aus Sarah Millers 2016 erschienenem Buch «The Borden Murders» hervorgeht, gebildet, kultiviert (sie reiste 1890 fünf Monate lang durch Europa) und engagierte sich in der Kirche und in ihrer Gemeinde.
Freunde und Familie beschrieben sie als besonnen und sachlich, was nicht auf alle positiv wirkte. Ihr Onkel sagte damals gegenüber einem Reporter, sie habe ein «abstossendes Wesen». Und bei den Befragungen fanden die Polizisten, dass ihre neutrale Art befremdend war.
Auch wenn sie gegen aussen als eine kultivierte junge Dame wirkte, hinter den Kulissen sah es komplett anders aus: Der Haushalt der Bordens war alles andere als friedselig und Freunde und Nachbarn waren sich der Spannungen bewusst. Andrew war ein wohlhabender, aber geiziger Mann, der seine Töchter Emma und Lizzie zwang, in einem heruntergekommenen Stadtteil zu wohnen, während er sein ganzes Geld für seine neue Frau ausgab.
In etlichen Verfilmungen, und auch dieser neusten Netflix-Serie wird angedeutet, dass Lizzie und die Putzfrau Bridget Sullivan eine romantische Beziehung eingingen. Dies konnte von Historikern aber nie bestätigt werden.
Was ist mit Lizzis Eltern passiert?
Am 4. August 1892 gegen 11 Uhr morgens wurde Andrew Borden tot auf dem Sofa im Wohnzimmer des Hauses der Familie Borden aufgefunden. Seine Frau Abby wurde in einem Gästezimmer im Obergeschoss gefunden, ihr wurde 18-mal auf den Hinterkopf eingeschlagen. Es gab kein offensichtliches Motiv wie Raub oder sexuelle Nötigung. Und obwohl ihr Haus mitten im beschäftigten Businessquartier lag, gab es keine Zeugen.
Die Brutalität des Verbrechens war so erschreckend, dass die Behörden zunächst keinen Verdacht gegen Lizzie hegten, eine scheinbar sanftmütige Frau und Tochter.
Die Polizei ging zunächst davon aus, dass die Morde das Werk eines Mannes waren, wahrscheinlich eines «Ausländers». Innerhalb weniger Stunden nach den Morden nahm sie einen Verdächtigen fest: einen unschuldigen portugiesischen Einwanderer.
Doch bei der gerichtlichen Untersuchung änderte sie immer wieder ihre Schilderung ihrer Aktivitäten am Morgen der Morde, als sich nur sie und Bridget Sullivan, das irische Dienstmädchen, im Haus befanden. Die Schwester Emma war im Urlaub, sie konnte also schnell als Verdächtige ausgeschlossen werden.
Die Polizei kam zu dem Schluss, dass die Morde von jemandem aus dem Haus der Bordens begangen worden sein mussten, war jedoch verwirrt darüber, dass ausser an den Leichen der Opfer nirgendwo Blutspuren zu finden waren und dass es ihr nicht gelang, eine offensichtliche Tatwaffe zu entdecken.
Ermittler fanden im Keller des Hauses allerdings schon blutbefleckte Kleidung, Borden erklärte aber, dass dies von ihrer Menstruation stamme und die Ermittler untersuchten die Kleidung nicht weiter.
Hat Lizzie ihre Eltern umgebracht?
Lizzie wurde am 11. August verhaftet, nachdem sie widersprüchliche Aussagen gemacht hatte, wo sie sich zum Zeitpunkt der Morde aufhielt, und ein Apotheker behauptete, sie wollte einige Tage zuvor bei ihm verdächtige Substanzen kaufen.
Der Mordprozess begann im darauffolgenden Jahr und Lizzies Anwalt argumentierte, dass die Polizei nicht genug Beweise hätte, dass Lizzie die Mörderin sei. Und so ist es auch gekommen. Weder die Mordwaffe konnte die Polizei ermitteln, noch Beweise vorlegen, die Lizzie ohne jeglichen Zweifel mit der Tat in Verbindung bringen.
Auch der verdächtige Besuch in der Apotheke wurde als unzulässig eingestuft, und so beruhte die Anklage gegen Borden weiterhin auf Indizien. In der Überzeugung, dass Lizzie weder über die körperliche Kraft noch über die moralische Verkommenheit verfügte, um das zu sein, was die Anklage als «wilde, wahnsinnige Bestie» bezeichnete, sprach die Jury sie nach kurzer Beratung frei.
Es ist auch nicht bekannt, dass Borden sich vor oder nach dem Fall gewalttätig verhalten hätte. Was könnte sie also dazu bewogen haben, mit tödlicher Absicht eine Axt in die Hand zu nehmen – falls sie das überhaupt getan hat?
Niemand sonst wurde jemals wegen dieser grausamen Morde vor Gericht gestellt, und Lizzie wurde von da an von vielen in ihrer Heimatstadt gemieden.
Was geschah mit Lizzie nach ihrem Freispruch?
Lizzie verliess trotz allem ihre Heimatstadt Fall City nie. Gemeinsam mit ihrer Schwester Emma zog sie in ein luxuriöses Haus in einen anderen Stadtteil. Von den meisten Stadtbewohnern wurde sie gemieden und von den Kindern aus der Nachbarschaft gehänselt.
Trotzdem blieb sie bis zu ihrem Tod im Juni 1927 im Alter von 67 Jahren in Fall City und wurde neben ihren Eltern beigesetzt.
Das Familienhaus, in dem sich die Morde ereigneten, ist heute das «Historic Lizzie Borden House», ein Gasthaus und Museum.
Eine interessante Wendung in dieser Staffel von «Monster» ist die Einbindung einer zweiten Geschichte, nämlich die einer zeitgenössischeren Mörderin. In einigen Szenen wird Sarah Paulson als Aileen Wuornos zu sehen sein, eine Sexarbeiterin aus Florida, die 1992 wegen des Mordes an sieben ihrer männlichen Kunden verurteilt wurde. Durch die Verknüpfung der beiden Fälle scheinen die Macher von «Monster» eine weitergehende Aussage treffen zu wollen: Zwar begehen Frauen weitaus seltener Morde als Männer, doch unter bestimmten Umständen kann ihre Wut mörderisch werden.
«Monster: The Lizzie Borden Story» ist ab dem 17. September auf Netflix verfügbar.
