Die unglaubliche Geschichte des Ministers, der noch mehr abzockt als Trump
Laut eines Berichts des Finanzmagazins «Forbes» hat nicht US-Präsident Trump in seiner zweiten Amtszeit den grössten Vermögenssprung gemacht, sondern Howard Lutnick.
Der Handelsminister, 2025 noch 3,2 Milliarden schwer, hat über vier Milliarden zugelegt und zog mit einem Vermögen von 7,3 Milliarden mit Donald Trump gleich. Offiziell sind die Zahlen nicht. Offiziell verkaufte Lutnick, bevor er sein Amt antrat, sämtliche Besitztümer dem Familienfonds, der von seinen Söhnen Brandon und Kyle verwaltet wird.
Der Vermögenssprung resultierte vor allem durch den Kurssprung der Firma Tether Limited, der Herausgeberin des weltweit meistgenutzten Stablecoins Tether (USDT). Die Anteile im Besitz von Finanzdienstleister Cantor Fitzgerald haben im letzten Jahr über drei Milliarden Dollar zugelegt. Bis 2025 stand Lutnick Cantor Fitzgerald vor. Abgelöst wurde er durch seine Söhne. Die Familie kontrolliert 55 Prozent der Cantor-Aktien. Dass es so weit kommen konnte, dass Lutnicks Familie über einen der gefürchtetsten Wall-Street-Player herrscht, liest sich wie eine Geschichte von Thomas Mann.
Der Sohn einer Kunstlehrerin und eines Geschichtslehrers musste früh lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Als er 16 war, starb seine Mutter an Lymphdrüsenkrebs. Ein Jahr später verlor er auch seinen Vater. Eine Krankenschwester hatte ihm im Spital irrtümlich eine fatale Dosis eines Medikaments während einer Chemotherapie gespritzt. Auf die Hilfe von Onkeln, Tanten oder Grosseltern konnten die drei Waisen danach nicht zählen: «Die zogen sich alle zurück. Wir lernten ohne sie klarzukommen», erklärte Howard Lutnick in einem Interview 2001 gegenüber dem «New York Magazine».
Zählen konnte Howard aber auf seine Uni. Nach dem Tod seiner Eltern erhielt der Junge, der auch durch gute Leistungen auf dem Tennisplatz auffiel, von der renommierten Privatuniversität Haverford ein Vollstipendium. Tennis-Coach Marty B. Gilbert (nicht verwandt mit Brad Gilbert) schwärmt noch heute von seinem Team Captain. Er beschrieb ihn als intelligenten Pitbull, der schnell die Schwächen des Gegners erkannte und ausnutzte und sich nie selbst besiegte. Es waren Eigenschaften, die ihm später auch beruflichen Erfolg brachten.
Nach der Universität begann Lutnick 1983 bei Cantor Fitzgerald. Der Finanzdienstleister genoss bereits damals den Ruf, im sowieso schon skrupellosen Finanzbusiness noch etwas skrupelloser vorzugehen. Die Grenzüberschreitungen kosteten die Firma für damalige Verhältnisse viel Geld – sie zahlten sich aber aus.
Lutnick durchwanderte sämtliche Abteilungen und lernte, dass auch innerhalb des Konzerns mit harten Bandagen gekämpft wurde – vor allem um die Gunst von Co-Gründer Bernie Cantor. Pitbull Lutnick setzte sich durch und landete bereits als junger Mann in einer Ecke des Büros des Doyens. Dieser nahm den ehrgeizigen jungen Mann mit der tragischen Geschichte unter seine Fittiche, förderte ihn und vertraute ihm sogar die Verwaltung des eigenen Vermögens an. Als Lutnick die Firma verlassen wollte, um an der Universität einen Master-of-Business-Administration-Titel anzustreben, redete ihm Cantor dies aus, indem er ihm Privatlektionen versprach. Der alte Mann sah in Lutnick seinen legitimen Nachfolger und im Alter von nur 29 Jahren beförderte er ihn 1991 zum Präsidenten und CEO von Cantor Fitzgerald.
Lutnicks Gier war damit noch nicht gestillt. Als Bernie Cantor erkrankte, er litt an Zuckerkrankheit und erblindete, nutzte Lutnick das Machtvakuum und übernahm das Szepter im Konzern komplett. Widerstand gab es vor allem von Cantors zweiter Ehefrau Ines. Sie versuchte, den nun feindselig agierenden Zögling ihres Mannes per Gerichtsentscheid aus der Firma zu drängen. Ein krakelig unterzeichneter Brief ihres Mannes, getippt auf einer Schreibmaschine, wurde als Beweis für den Willen ihres Gatten ins Feld geführt. Lutnick argumentierte, der Gesundheitszustand von Bernie Cantor sei so schlecht, dass er unmöglich den Inhalt des Briefes auch nur verstehen könne.
Das Machtspiel um die Firma gewann Lutnick mit einem Vergleich. 1996 wurde er Vorsitzender des Verwaltungsrats. Ines Cantor verkaufte ihre Anteile, verbot Lutnick allerdings, sich dem Grab ihres mittlerweile verstorbenen Mannes zu nähern. Die Geschichte von Ines und Howard endete damit nicht. In den folgenden Jahren bekriegten sie sich juristisch um jede Kleinigkeit: um Patente, um Gerichtskosten – sogar um Kunst in Bernies Büro. Jahre später verdonnerte ein Gericht Ines Cantor zu einer Zahlung von 17 Millionen Dollar.
Eigentlicher Profiteur der konstanten Rechtsstreitigkeiten soll Cantors Anwalt Barry Slotnick gewesen sein. Er soll stolze 13 Millionen dafür verrechnet haben. 1996 ebenfalls auf der Seite von Cantor arbeitete übrigens eine Anwaltskanzlei namens Munger, Tolles & Olson. Bevor Charlie Munger Partner des legendären Warren Buffett wurde, war er Co-Gründer dieser Kanzlei.
Auch für Howard Lutnick brachen schlimme Zeiten an. Cantor Fitzgeralds New Yorker Büros befanden sich im 101. bis 105. Stock des World Trade Center 1 – also im Nordturm. Am 11. September 2001 lenkte der Terrorist Mohammad Atta Flug 11 der American Airlines wenige Etagen darunter in den Wolkenkratzer. Die enorme Zerstörung verunmöglichte eine Flucht für alle Menschen in den Etagen darüber. Über 800 Menschen wurden eingeschlossen, 658 davon waren Angestellte von Cantor Fitzgerald. Niemand von ihnen überlebte.
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Zu den Opfern gehörte auch Howards jüngerer Bruder Gary, der Partner und Geschäftsführer war und sich zur Zeit des Anschlags im 103. Stock befand. Es gelang ihm noch, sich bei seiner Schwester telefonisch zu verabschieden, dann brach die Leitung ab.
Howard Lutnick befand sich an dem Tag nicht in seinem Büro im 105. Stock. An diesem Tag brachte er seinen Sohn zum ersten Schultag in den Kindergarten. Lutnick, der nicht nur Freunde und Verwandte, sondern auch Mehrheit der 960 Mitarbeiter seiner Firma verlor, wurde zu einem der Gesichter der Tragödie von 9/11.
Statt wie zuvor eine Million Gewinn pro Tag, fuhr Cantor Fitzgerald nun einen Verlust in derselben Grösse ein. Trotzdem gelang es Lutnick in den nächsten Jahren, die Firma nicht nur wieder aufzubauen, er vergrösserte sie gar auf 12’000 Mitarbeiter. 60 davon waren Kinder von 9/11-Opfern. Alles in allem bezahlte Cantor Fitzgerald den Opferfamilien 180 Millionen Dollar aus. Auch seiner Universität gegenüber zeigte sich Lutnick dankbar. Mit Spenden in der Höhe von über 65 Millionen ist er der grösste Geldgeber in der Geschichte des Instituts.
Doch Lutnick spendete nicht nur Geld für Bildung und Wohlfahrt. Im August 2024 überwies er MAGA Inc. fünf Millionen Dollar. An dieselbe Adresse gingen im Oktober 2024 noch einmal knapp drei Millionen. Weniger als einen Monat später nominierte ihn Donald Trump zum Handelsminister der USA.
Auch in den Epstein-Files taucht Lutnick auf. Kennengelernt hatte er den Sexualstraftäter in New York. Bis zur Verhaftung Epsteins waren sie Nachbarn gewesen. Lutnick hatte 1997 Epsteins Haus gekauft, das früher den Rolling Stones als Party-Absteige in New York gedient hatte. Er selbst nutzte es unter anderem für eine Spendenparty für Hillary Clinton.
Bei einer Anhörung durch den Kongress gab Lutnick an, Epstein nur marginal gekannt zu haben. Nach einem verstörenden Erlebnis in dessen Haus soll er 2005 den Kontakt abgebrochen haben. Diese Aussage ist nachweislich falsch. 2012 besuchte er die Epstein-Insel zusammen mit seiner Familie.
Als Trumps Handelsminister gilt Howard Lutnick als Kopf der fragwürdigen Zollstrategie. Er überreichte seinem Chef die berühmte Tafel an der geschichtsträchtigen Pressekonferenz. Im Gegenzug profitierte er finanziell von dessen Krypto-Politik wie kein Zweiter. Obwohl: Er profitiert ja nicht. Nur seine Söhne.
