25 Jahre 9/11: Als der Traum vom ewigen Frieden in Trümmern lag
Bei gewissen Ereignissen weiss man noch Jahre danach, wie man davon erfahren hat und wo man sich zu jenem Zeitpunkt aufhielt. Die Terroranschläge des 11. September 2001 gehören nicht nur dazu, sie belegen vermutlich den Spitzenplatz. Denn was sich an jenem sonnigen Frühherbsttag abspielte, hätte selbst Hollywood als absurd verworfen.
Auch ich kann mich lebhaft erinnern. Ich war damals mit dem Auto im Tessin in den Ferien und suchte eine Unterkunft für die Nacht. Im Radio waren nur italienischsprachige Sender zu empfangen – es war die Zeit vor dem Smartphone und DAB. Auf einmal hörte ich nur noch Musik in getragenen Moll-Tönen und Begriffe wie New York und World Trade Center.
Mein Italienisch war rudimentär, und doch realisierte ich, dass etwas Ungeheures passiert sein musste. Ich war in der Gegend von Locarno und fuhr hektisch in eine höhere Lage in der Hoffnung, Radio DRS zu hören. Es gelang, und danach verbrachte ich im Hotel, in dem ich schliesslich eincheckte, den Rest des Abends konsterniert vor dem Fernseher.
Fast 3000 Todesopfer
Der Hass islamistischer Terroristen und ihres «Masterminds» Osama bin Laden auf die USA war keine neue Erkenntnis. Ein Angriff mit vier entführten Passagierflugzeugen auf Symbole amerikanischer Macht und fast 3000 Todesopfern aber wirkte unvorstellbar. Mit dem Einsturz der New Yorker Twin Towers verewigten sie sich im kollektiven Gedächtnis.
Die Terroristen kamen ums Leben und bin Laden wurde von US-Elitesoldaten 2011 in Pakistan ausgespürt und getötet. Die Folgen der 9/11-Anschläge aber reichten weit darüber hinaus. Mit der Erfahrung eines Vierteljahrhunderts waren sie die eigentliche Zeitenwende, die den Traum vom ewigen Frieden lange vor dem Ukrainekrieg beerdigt hatte.
Die Vorgeschichte
Peter Scholl-Latour, der Doyen des deutschen Auslandsjournalismus, äusserte in einer der vielen Sondersendungen zum 11. September einen denkwürdigen Satz: «Das ist das Ende der Spassgesellschaft.» Gemeint war die hedonistische und häufig oberflächliche Sorglosigkeit, die viele im Westen nach dem Ende des Kalten Kriegs zelebriert hatten.
Der 9/11-Terror setzte ihr ein jähes Ende. Dabei waren die 1990er Jahre bei genauer Betrachtung nicht einfach eine friedvolle und unbeschwerte Zeit. Auf den Kalten Krieg folgte der blutige Zerfall des ehemaligen Staates Jugoslawien, bei dem es in der Stadt Srebrenica zum schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg kam.
1994 ereignete sich der Völkermord in Ruanda, dem gegen eine Million Menschen zum Opfer fielen. Und am 19. April 1995 kam es in Oklahoma City zum schwersten Fall von Domestic Terrorism in den USA, als der Rechtsextremist Timothy McVeigh vor einem Regierungsgebäude eine Bombe zündete. 168 Menschen starben, darunter 19 Kinder.
Selbst 9/11 warf seine Schatten voraus: Am 26. Februar 1993 liessen islamistische Terroristen eine Autobombe in der Tiefgarage des New Yorker World Trade Centers hochgehen. Schon damals wollten sie die Türme zum Einsturz bringen. Weil das nicht gelang, kam Osama bin Ladens Terrornetz Al-Kaida auf die Idee mit den Flugzeugen.
Die Anschläge
Am Morgen des 11. September bestiegen 19 Attentäter vier Linienflugzeuge auf drei Flughäfen. Mit Teppichmessern überwältigten sie die Crew und crashten mit den Jets in die New Yorker Zwillingstürme und das Pentagon in Washington. Der vierte Flieger sollte das Weisse Haus oder das Kapitol treffen, doch die Passagiere stoppten die Entführer.
Die Maschine stürzte im Bundesstaat Pennsylvania auf ein Feld. US-Präsident George W. Bush besuchte eine Schule in Florida, als er von den Anschlägen erfuhr. Am Abend sprach er zur Nation und kündigte Vergeltung an. Damit trat er eine Lawine los, mit deren Folgen sich die USA und die Welt bis heute herumschlagen müssen.
Bald kamen auch Spekulationen auf, ein Anschlag dieser Dimension könne nicht von ein paar Islamisten verübt worden sein. Die US-Regierung müsse ihn inszeniert oder toleriert haben. Ungereimtheiten befeuerten die Verschwörungstheorien ebenso wie die Tatsache, dass die Untersuchungskommission mit zu wenig Mitteln ausgestattet wurde.
Das Verschwörungsgeraune ist seither leiser geworden, aus einem simplen Grund: Es gibt viele Vermutungen, aber keinen handfesten Beleg. Der Grund für das Versagen der US-Regierung war ein Machtkampf zwischen CIA und FBI, den der Autor Lawrence Wright in «Der Tod wird euch finden» beschrieben hat, dem immer noch besten Buch zu 9/11.
Die Schweiz
Die Schweiz wurde nicht nur durch 9/11 erschüttert. Sie erlebte 2001 einen veritablen Katastrophenherbst. Nur etwas mehr als zwei Wochen danach, am 27. September, stürmte der einschlägig bekannte Querulant Friedrich Leibacher ins Zuger Regierungsgebäude und schoss um sich. Er tötete drei Regierungsräte, elf Kantonsräte und schliesslich sich selbst.
Ein Amoklauf erschüttert das Land
Der Schock sass noch tief, als am 2. Oktober ein weiterer Tiefschlag folgte: Die nationale Ikone Swissair wurde gegroundet. Sie war bereits angeschlagen, der Einbruch des Luftverkehrs nach 9/11 gab ihr den Rest. Damit nicht genug: Am 24. Oktober kam es durch die Kollision zweier Lastwagen zu einem Inferno im Gotthardtunnel. Elf Menschen starben.
Genau einen Monat später stürzte eine Crossair-Maschine im Landeanflug auf Zürich-Kloten bei Dunkelheit und Schneetreiben in ein Waldstück bei Bassersdorf. Neun der 33 Menschen an Bord überlebten wie durch ein Wunder. Bundespräsident Moritz Leuenberger (SP) stellte sich am Absturzort die Frage: «Hört denn das nie mehr auf?»
Es wirkt wie eine bösartige Ironie, dass die Schweiz 25 Jahre nach dem Katastrophenherbst erneut eine unheimliche Serie an Anschlägen und Unglücksfällen erlebt: Crans-Montana, Kerzers, Winterthur, Aarau. Am stärksten erinnert die Feuerhölle im Wallis an den Herbst 2001, und doch erinnert uns diese Häufung daran, dass die Welt heute eine andere ist.
Die Folgen
Zurück zu 9/11: Nach den Anschlägen begann Präsident George W. Bush seinen «War on Terror». Das Taliban-Regime in Afghanistan, das Osama bin Laden und Al-Kaida Unterschlupf gewährt hatte, wurde gestürzt. Statt diesen Erfolg zu konsolidieren, kam die Regierung Bush 2003 auf die unglaublich stupide Idee, auch noch den Irak anzugreifen.
Begründet wurde dies mit den Massenvernichtungswaffen, die sich angeblich im Besitz von Diktator Saddam Hussein befanden, sowie dessen Beteiligung an 9/11. Beides war glatt gelogen oder zumindest daherfantasiert. Nach einem schnellen militärischen Erfolg versank der Irak im Chaos, aus dem die noch üblere Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) hervorging.
Der Folterskandal im Gefängnis von Abu Ghuraib ruinierte das Image der USA als Befreier ebenso wie der Terrorknast in Guantanamo auf Kuba. Dort sollten die Hauptangeklagten von 9/11 vor einem Sondergericht verurteilt werden, doch das rechtsstaatlich vermurkste Konzept geriet zum Fiasko. Der Prozess soll nun 2028 stattfinden – 27 Jahre danach.
Die Bilanz der USA im Krieg gegen den Terror ist nicht bloss ernüchternd. Der schmäliche Abzug aus Afghanistan und die Rückkehr der Taliban vor fünf Jahren machten ihn endgültig zum Debakel. Dennoch hat Präsident Donald Trump mit dem Angriff auf den Iran ein neues Abenteuer in der Region gestartet, mit erwartbar ernüchterndem Verlauf.
Die Polykrise
Iran fügt sich ein in das Bild einer Welt, die seit 2001 nicht mehr aus dem Krisenmodus herausfindet. 2007 sorgten die USA mit der Vergabe von Ramschhypotheken für eine globale Wirtschafts- und Finanzkrise. Damit war nicht nur ihr Image der militärischen, sondern auch der wirtschaftlichen Überlegenheit ramponiert.
Das wurde besonders in der Volksrepublik China vermerkt. Sie hält seither ihr staatlich gelenktes Wirtschaftsmodell für überlegen. Gleichzeitig liefert sie sich mit den USA einen Wettlauf um die Technologieführerschaft, insbesondere bei der künstlichen Intelligenz. Ohnehin ist die liberale Demokratie seit 9/11 massiv unter Druck geraten.
Francis Fukuyamas «Ende der Geschichte» ist vertagt. Denn das verbreitete Gefühl der Verunsicherung beschert den Populisten und ihren einfachen Rezepten Zulauf. Dazu gehören Donald Trump und «Make America Great Again». Seine zweifache Wahl zum Präsidenten lässt sich zumindest teilweise als Spätfolge des 11. September interpretieren.
Manche Beobachter glauben auch, dass der desaströse US-Abzug aus Afghanistan 2021 Wladimir Putin dazu motivierte, seinen Traum, die Ukraine «heim ins Reich» zu holen, ein halbes Jahr später militärisch in die Tat umzusetzen. Bis heute ist es ihm nicht gelungen. Putin macht in der Ukraine ähnliche Erfahrungen wie die USA in Nahost.
Nimmt man den Migrationsdruck und den Klimawandel hinzu, befinden wir uns definitiv in jenem Konzept, das schlaue Köpfe als Polykrise bezeichnen – eine Gemengelage aus Krisen, die sich gegenseitig verstärken. Der 11. September 2001 war nicht ihr Auslöser, aber in gewisser Weise ein Knackpunkt für die heutige neue Weltunordnung.
Gibt es auch Lichtblicke? Nicht viele, doch Viktor Orbáns krachende Niederlage bei der Wahl in Ungarn im Frühjahr hat gezeigt, dass (Rechts-)Populisten nicht unschlagbar sind. Und wer hätte sich vor 25 Jahren vorstellen können, dass heute ausgerechnet New York von einem Muslim regiert wird? Es ist Osama bin Ladens grösste posthume Niederlage.
