«Das hielt ich für sehr unrealistisch» – Schweizer Abenteurer startet mit Riesenerfolg
Tobias Renggli ist so etwas wie der «neuste Schweizer Abenteurer». Für seine Maturaarbeit besuchte er 250 Schweizer Städte und bestieg jeden höchsten Punkt der 26 Kantone – alles unmotorisiert und mit reiner Muskelkraft. 2022 bereiste er mit dem Velo alle 44 europäischen Länder und erklomm auch da jeweils den höchsten Berg.
In diesem Jahr ist er mit seinem bisher grössten Projekt gestartet: Renggli will alle 35 Länder von Nord-, Mittel- und Südamerika bereisen und auch da jeweils auf den höchsten Punkt steigen. Der vorläufige Zeitrahmen liegt bei rund zwei Jahren.
Mit dem Denali (6190m, USA) und dem Mount Logan (5959m, Kanada) startete sein Projekt direkt mit zwei extrem schwierigen Herausforderungen, zu denen er sagt: «Dass beide klappen, hielt ich für sehr unrealistisch.» Ob der Start geklappt hat und weshalb die grössten Herausforderungen wohl doch erst noch folgen, haben wir den 23-Jährigen nach den beiden Expeditionen gefragt.
Tobias Renggli, wo erreiche ich dich?
Tobias Renggli: Ich bin gerade in Vancouver angekommen. Zusammen mit einem Kollegen bin ich mit dem Velo von Whitehorse im Norden in rund zweieinhalb Wochen hierhin geradelt.
Was steht jetzt an?
Ich geniesse die Zeit in der Zivilisation. Der Kollege reist ab, dann kommt meine Freundin für rund zweieinhalb Wochen und wir machen Ferien in der Region.
Kannst du dein aktuelles Projekt kurz beschreiben?
Ich will in allen 35 Ländern des amerikanischen Kontinents auf den jeweils höchsten Berg. Ich werde das – wenn möglich – alles mit Muskelkraft bewältigen, also viel mit dem Velo und zu Fuss unterwegs sein. Als Zeithorizont habe ich mir rund zwei Jahre gegeben. Aber mal schauen, wie sich das entwickelt.
Angefangen hast du am 12. April mit dem Denali (6190m), dem höchsten Berg der USA. Wie war das?
Die Berge da gelten als die kältesten der Welt. Sie sind bekannt für Stürme, aber wir hatten wohl noch Glück. Landschaftlich ist das alles mega crazy. Die Dimensionen sind unfassbar, es ist alles so gross.
Du bist da mit dem Velo hin. Erzähle mir von dieser Erfahrung.
Ich startete in Prudhoe Bay im Norden von Alaska und fuhr rund 1200 Kilometer bis Talkeetna, welches als Ausgangsort für den Denali gilt. Unterwegs hatte ich bis zu minus 30 Grad, geschlafen habe ich meist im Zelt. In Talkeetna traf ich meine beiden Begleiter Heli, einen Deutschen, den ich schon länger kenne, und Laetitia, eine Französin, die ich nicht kannte. Die Vorbereitung mit dem Besorgen des Materials dauerte rund eine Woche.
Warum so lange?
Wir planten mit 40 Tagen unter Extrembedingungen. Wir mussten alles auf Schlitten verpacken, es war extrem viel Material und wir machten uns sehr viele Gedanken.
Normalerweise fliegt man ins Basecamp.
Das ist so. Wir liefen alles oder waren auf Skiern unterwegs. Es ging über enorme Gletscher und wir hatten Flussüberquerungen. Darum mussten wir so früh in der Saison los. Wir waren 2026 die Ersten am Berg. Wenige Tage später wäre die Anreise so nicht mehr möglich gewesen, weil der Schnee schmilzt und die Gletscherspalten und Flüsse nicht mehr bedeckt sind. Die normale Saison beginnt eigentlich erst wenige Tage nach unserer Expedition.
Die Wetterbedingungen sind extrem. Wie habt ihr euch im Niemandsland informiert?
Wir hatten einen Meteorologen, mit dem wir via Satellit täglich Kontakt hatten. Das Wetter da ist aber sehr schwierig vorauszusagen. Einmal mussten wir während fünf Tage im Zelt einen Sturm aussitzen.
Was macht man da?
Warten. Dann musst du immer wieder Schnee schmelzen, damit du essen und trinken kannst. Das brauchte vier bis fünf Stunden am Tag. Dazu Schneemauern gegen den Wind bauen und das Zelt vom Schnee befreien. Das Leben da ist sehr aufwändig. Wir hatten keine Bücher dabei, nur wenig Musik. Du bist «maximal disconnected» und hast sehr viel Zeit, um dir Gedanken zu machen. Ich nahm es als sehr positive Erfahrung wahr.
Wie kalt war es da?
Auf dem Velo hatte ich bis minus 30 Grad. Aber minus 40 sind nochmals viel kälter. Am Gipfeltag hatten wir mit Windchill minus 55 Grad.
Gab es Momente, in denen du dachtest: Ich gebe auf?
Es gab viele schwierige Momente. Aber so wirklich ans gänzliche Aufgeben dachte ich nie. Es sind die kleinen Dinge, die so sehr an dir nagen wie gefrorene Skischuhe oder der Versuch, nasse Socken in den Unterhosen zu trocknen. Wenn du aufs Klo musst bei minus 35 Grad und Windgeschwindigkeiten von 120 km/h, musst du so viele Schichten anziehen und danach dauert es 30 Minuten, bis du wieder aufgewärmt bist. Das war sehr taff. Wir hätten uns nichts vorwerfen können, wenn wir aufgegeben hätten.
Wie war der Gipfeltag?
Zwischen Camp 4 und 5 gibt es eine steile Eiswand mit Fixseilen. Die waren aber unter dem Eis begraben. Eigentlich wollten wir von Camp 4 auf den Gipfel und in drei Tagen zurück in Camp 4 sein. Aber beim Ausgraben der Fixseile erlitt Laetitia Erfrierungen an einem Finger. Sie musste diesen warm halten und konnte nicht mehr mit. Darum entschieden Heli und ich, dass wir es an einem Tag versuchen wollen.
Was machte Leticia?
Sie wartete im Camp 4 auf uns. Wir sagten ihr, dass wir nach 18 Stunden zurück sein wollen. Nach 24 Stunden müsste sie sich langsam Sorgen machen.
Wie lange habt ihr gebraucht?
32 Stunden. Es war extrem taff. Wir mussten alles spuren. Auf dem Gipfel habe ich geweint wie ein kleines Kind. Wir waren 32 Stunden so hoch oben ohne Schlaf unterwegs. Wir litten auf dem Rückweg an Sekundenschlaf und Halluzinationen. Aber es klappte alles und alle drei kehrten nach 36 Tagen zurück.
Heli und du wollten dann mit dem Velo zum Ausgangspunkt für den Mount Logan, den höchsten Berg Kanadas. Wie lief das?
Gar nicht gut. Wir wollten 250 Kilogramm Gepäck auf die Velos und Anhänger packen. Der Anhänger gab nach 50 Metern nach. Wir mieteten dann ein Auto für Teile des Gepäcks und radelten dann auf dem Velo mit weniger Sachen zum Mount Logan.
Hattest du nach so einer Expedition überhaupt noch Lust auf den nächsten ähnlich schwierigen Berg mit Kälte, Schnee und Stürmen?
Die Velofahrt tat extrem gut. Danach freuten wir uns total auf das nächste Abenteuer.
Was muss ich zum Mount Logan wissen?
Der ist sehr abgelegen. Es ist so, als ob der Gipfel in Luzern wäre und rundherum die ganze Schweiz voller Gletscher wäre. Das kannst du dir kaum vorstellen. Wegen seiner Nähe zum Meer ist das Wetter hier noch extremer. Im Juni waren wir eigentlich rund einen Monat zu spät unterwegs. In der letzten Saison versuchten etwa 30 Personen, den Gipfel zu erreichen, 13 schafften es vor uns. Ich kenne eine Gruppe, die im Mai unterwegs war. Sie sassen wegen Stürmen zwei Wochen im Zelt und mussten alles festhalten.
Habt ihr auch alles zu Fuss und mit Skiern gemacht?
Nein. Das war im Juni nicht mehr möglich. Die Flüsse waren offen und die Gletscherspalten zu sehen. Wir mussten da zum Basecamp fliegen.
Du hast deine eigene Regel gebrochen.
Ja, das stimmt. Aber ich will nicht, dass das Projekt daran scheitert. Natürlich versuche ich alles mit Muskelkraft zu erreichen. Aber wenn es nicht geht, dann nicht.
Wie war das Wetter?
Die ersten Tage war es perfekt. Dann kam der Sturm, den wir zwei Tage aussitzen mussten, und die folgenden drei Tage war die Lawinensituation zu gefährlich. Wir mussten abwarten und diverse Schneeprofile graben. Lawinen siehst du halt nicht so genau. Da mussten wir sehr vorsichtig vorgehen.
Wie lange wart ihr unterwegs?
Auf dem Gipfel standen wir am 13. Tag, am 15. waren wir zurück.
Was war das für ein Gefühl?
Ich hätte nie gedacht, dass beide Berge klappen würden. Das ist ein Riesenerfolg und ich hielt es zu Beginn für sehr unrealistisch. Den Denali wollte ich unbedingt.
Und wenn du einen nicht geschafft hättest, wäre das grosse Projekt beendet gewesen?
Ich kann nicht sagen, was ich gemacht hätte. Ob ich es nochmals versucht hätte oder ob ich gesagt hätte: Dann habe ich halt nur 34 der 35 Gipfel erreicht.
Ab jetzt wird es nach diesen Erfahrungen ja ein Spaziergang.
Das nicht, es wird sicherlich mehr «Fleissarbeit» und weniger extreme Gipfel. Aber es gibt schon noch einige Stolpersteine und Berge, von denen ich aktuell nicht weiss, wie ich sie erreiche.
Auf die Stolpersteine kommen wir noch. Wie geht es denn jetzt grob weiter?
Ich freue mich auf die Velofahrt durch die USA. Da werde ich gemütlicher unterwegs sein als bei meinen bisherigen Projekten. Im September werde ich wohl in Mexiko sein. Der Pico de Orizaba (5636m) ist zwar ein hoher Berg, aber technisch nicht so schwierig. Dann versuche ich, bis im November in Panama zu sein. Da dürfte einzig der Berg in Belize nochmals schwieriger sein, weil er auf dem Gebiet des Militärs liegt.
Und wie kommst du durch den berüchtigten Darien Gap zwischen Panama und Kolumbien?
Mein Plan ist, dass ich mit einem Schiff nach Kuba oder Jamaika komme, dann den Winter über in der Karibik verbringe und von dort nach Südamerika weiterreise. So umgehe ich den Darien Gap.
Wie überquerst du das Meer?
Ich kann nicht segeln. Aber ich hoffe, dass ich irgendwo mitsegeln kann. Also so ein bisschen «Segelstopp durch die Karibik».
Die Berge in der Karibik stelle ich mir nicht sehr herausfordernd vor.
Ich habe noch nicht alle genauer studiert. Aber ja, der höchste Punkt der Bahamas liegt 63 Meter hoch. Allerdings sind einige Inseln da aber schon auch ziemlich hügelig.
In Südamerika geht es dann wieder richtig in die hohen Berge.
Ja, das ist so. Die sind aber alle auch machbar. Schwieriger sind da nicht die Länder mit den ganz hohen Bergen, sondern eher jene mit den abgelegenen.
Welche sind das?
Die ganz grosse Challenge dürfte der Julianatop (1280m) in Suriname werden. Angeblich waren da bisher weniger als 50 Menschen oben. Die Logistik ist da sehr teuer und es braucht wohl Charterflüge, Bootsfahrten und Buschmesser, um sich durch den Dschungel zu schlagen.
Welche noch?
Kolumbien dürfte mit der Erlaubnis schwierig werden. Und auch in Brasilien (Pico da Neblina, 2994m) kommst du nur mit einer offiziellen Genehmigung, die schwierig zu erhalten ist, hoch. Du bist da auch auf dem Land der Ureinwohner unterwegs.
Wirst du die schaffen?
Ich denke, Brasilien und Suriname sind nicht so unwahrscheinlich, dass es nicht klappt. Ich muss mich da dann noch genauer informieren, wenn ich in der Nähe bin.
Und wenn das nicht klappt?
Das wäre dann auch ok. Wie oben schon erwähnt, muss ich keinen Gipfel erzwingen. Sicherheit und lokale Regeln gehen vor.
Das alles ist ja auch ziemlich kostspielig. Was hast du für ein Budget?
Ich habe keinen fixen Budgetplan mit Tageslimit oder so. Das wäre in den vielen verschiedenen Ländern schwierig, weil die Kosten überall so unterschiedlich sind.
Und die ganze Ausrüstung für diese Extremregionen?
Das Allermeiste ist von Sponsoren. Einige hatte ich schon, andere kamen dazu. Ich habe aber noch nicht gross danach gesucht. Das kommt dann vielleicht noch, auch wenn das Projekt weiter voranschreitet.
Viele fragen sich, wie man sich eine «Auszeit» von zwei Jahren leisten kann?
Es ist keine Auszeit in diesem Sinne. Ich habe etwas Erspartes, Sponsoren leisten ihren Teil. Ich reise günstig. Velofahren ist billig, meist schlafe ich draussen im Zelt. Wenn du mal 36 Tage ungeduscht im Zelt überstanden hast, brauchst du nicht mehr viel Luxus und die Kosten bleiben tief.
Du schläfst immer im Zelt?
Nein, zwischendurch werden es auch Unterkünfte sein, um mal zu waschen oder bei Restdays, um mich besser zu erholen. Vermutlich werde ich dann auch einige Male eingeladen und in vielen Ländern sind die Kosten deutlich tiefer.
Und wenn dir doch das Geld ausgeht, arbeitest du dann vor Ort mal?
Ich glaube, da würde es sich mehr lohnen, wenn ich in die Schweiz fliege und einige Vorträge halte. Das ist durchaus auch eine Möglichkeit. Mit Vorträgen habe ich auch schon gute Erfahrungen gemacht. Mal schauen, wie sich alles entwickelt.
Kannst du die Reise danach «zu Geld machen»?
Ein Film ist geplant. Meist filme ich selbst, aber manchmal ist auch ein kleines Kamerateam mit dabei. Das Ganze ist auch ein Investment, um nachher beispielsweise mit Vorträgen Geld zu verdienen.
