Dmytro Lubinez – der stille Kriegsheld der Ukraine
Für den ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinez gehören Gespräche mit dem russischen Kriegsgegner inzwischen zum Alltag. Doch seine Reise am Donnerstag ging weit über bisherige Treffen hinaus. Über Belarus und Anapa in der russischen Region Krasnodar reiste der 45-Jährige in die besetzte Stadt Oleschky in der Region Cherson. Dort wollte er die Evakuierung der verbliebenen Zivilbevölkerung persönlich begleiten. Bis zu 2000 Menschen hielten sich zu diesem Zeitpunkt noch in der abgeschnittenen Frontstadt auf.
Möglich wurde die Aktion durch eine vorübergehende Waffenruhe, die von den USA mit ausgehandelt und beobachtet wurde. Mehrere Dutzend Bewohner konnten über Anapa und Belarus in die Ukraine oder nach Polen ausreisen oder im russisch kontrollierten Gebiet bleiben.
Die Vereinbarung ist auch politisch bedeutsam, weil sie vor den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November zustande kam. Russland hatte zuvor wenig Interesse an einer koordinierten Evakuierung gezeigt; dass es jetzt endlich öffentlichkeitswirksam auf die Kampfpause einstieg, wird in der Ukraine als billige, propagandistische Effekthascherei gewertet.
Am Sonntag endete die Waffenruhe. Allgemein herrscht jetzt die Befürchtung vor, dass ohne störende Zivilisten die Zerstörung der Stadt durch die russische Armee eher noch schlimmer wird.
Zusammenarbeit mit umstrittener Amtskollegin
Als wäre das nicht alles schon schwierig genug, war für Lubinez die Zusammenarbeit mit der russischen Menschenrechtsbeauftragten Jana Lantratowa eine zusätzliche Herausforderung. Der 37‑Jährigen wird vorgeworfen, 2022 an der Verschleppung von zwei Kindern aus einem Kinderheim in Cherson beteiligt gewesen zu sein. Die Kinder wurden später vom Vorsitzenden einer russischen Parlamentspartei adoptiert. Ihre Vorgängerin Tatjana Moskalkowa galt im Vergleich als gemässigter.
Dennoch hielt Lubinez den direkten Kontakt zu Lantratowa stets aufrecht. Bei gemeinsamen Treffen spricht er sie respektvoll als «Jana Walerjewna» und «Kollegin» an. Dafür erntet er in der Ukraine Kritik, ebenso wie für seine Reise nach Russland.
Lubinez verteidigt seine Haltung mit der Verantwortung gegenüber den betroffenen Menschen. «Sie können sich nicht einmal vorstellen, wie schwierig diese Verhandlungen waren. Ich glaube, dass dies meine Pflicht als Ombudsmann ist. Wenn Menschen, unsere Mitbürger, Hilfe benötigen, muss ihnen geholfen und sie müssen gerettet werden. Punkt.»
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, weshalb Lubinez an diesen Kontakten festhält. Sein Team war schon vor der Rettungsaktion in Oleschky an der Rückführung von mehr als 2500 ukrainischen Kindern beteiligt. Insgesamt gelten mehr als 19'000 Kinder als aus besetzten Gebieten verschleppt.
Ihre Rückkehr ist häufig kompliziert, weil Dokumente fehlen, Eltern nicht mehr erreichbar sind oder unterschiedliche Vorstellungen über den Aufenthaltsort der Kinder bestehen. Auch am jüngsten Gefangenenaustausch Ende Oktober, bei dem beide Seiten jeweils 270 Personen freiliessen, war Lubinez ebenfalls beteiligt.
Angst vor der Ausreise
In Oleschky stand der Menschenrechtsbeauftragte nun vor einer weiteren Herausforderung. Die Stadt liegt am Unterlauf des Dnipro gegenüber der ukrainisch kontrollierten Stadt Cherson und damit unmittelbar an der Frontlinie. Nach der Zerstörung des Kachowka-Staudammes im Sommer 2023 wurde sie weitgehend überschwemmt. Seither haben Drohnenangriffe und gegenseitiger Beschuss die Versorgung der Bevölkerung zusätzlich erschwert. Eine sichere Ausreise war ohne Waffenruhe und die Entminung entsprechender Routen kaum möglich.
Doch selbst mit einer vereinbarten Evakuierung war nicht gewährleistet, dass die Bewohner Oleschky verlassen könnten. Manche fürchteten eine Deportation nach Sibirien, andere eine Mobilisierung oder Kollaborationsvorwürfe bei einer Rückkehr in die Ukraine. Hinzu kamen Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder fehlenden Dokumenten.
Mitarbeiter von Lubinez versuchten deshalb über lokale Chatgruppen, die Betroffenen und ihre Angehörigen über die Ausreisemöglichkeiten zu informieren. Sie mussten dabei nicht nur organisatorische Hindernisse überwinden, sondern auch bestehendes Misstrauen abbauen.
Lubinez stammt selbst aus der besetzten Stadt Wolnowacha in der Region Donezk. Als einer der wenigen ukrainischen Amtsträger steht er neben dem Militärgeheimdienst HUR in direktem Kontakt mit offiziellen russischen Behörden. Seine Arbeit bewegt sich damit zwischen politisch umstrittenen Gesprächen und konkreter humanitärer Hilfe.
Wie viele Menschen die Evakuierung aus Oleschky tatsächlich nutzen können, blieb am Wochenende noch unklar. Weder die russische noch die ukrainische Seite gab zunächst bekannt, wie viele Menschen aus Oleschky evakuiert worden waren.
Präsident Wolodimir Selenskyj bestätigte am Samstag, es sei eine Anzahl von ihnen zurück in der Ukraine: «Zum jetzigen Zeitpunkt haben ukrainische Bürger aus Oleschky die ukrainische Grenze im Gebiet Tschernihiw überquert», teilte Selenskyj in sozialen Medien mit.
Für viele der verbliebenen Bewohner war die am Sonntag ausgelaufene Waffenruhe damit tatsächlich die wohl einzige Möglichkeit, die Stadt zu verlassen. Und Lubinez bewies einmal mehr, einer der stillen Helden dieses Krieges zu sein: immer darum bemüht, Menschenleben zu retten. Zum Auftakt der Evakuierungen fielen ihm mehrere der Oleschky-Geretteten vor Dankbarkeit und Erleichterung um den Hals. (schweizheute.ch)
