Korrupt, übergriffig, extrem, heuchlerisch: Die streitbarsten Kandidaten der Midterms
Am Dienstag wird in den USA gewählt. Für die sogenannten Midterms bewarben sich über 2500 Kandidaten um einen der 33 Sitze im US-Senat, die 435 Sitze im US-Repräsentantenhaus und fünf Sitze ohne Stimmrecht. Bei einer so grossen Anzahl Menschen hat es darunter spezielle Charaktere, Kriminelle, Gewalttäterinnen, Betrüger und Extremisten.
Viele davon schaffen es nicht zum offiziellen Kandidaten. Beispielsweise der Social-Media-Star Dan Bilzerian. Der Pokerspieler und selbsternannte Playboy scheiterte bei den Vorwahlen als Repräsentantenhaus-Kandidat für seinen Distrikt in Florida. Mit 19 Prozent der republikanischen Stimmen landete er auf Platz zwei. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass er auf Social Media nicht müde wird zu betonen, wie sehr er doch das Ausmass des Holocausts bezweifelt.
Auch Graham Platner steht nicht zur (Senats-)Wahl. Dass eines der Tattoos des Ex-Soldaten aus Maine einem SS-Symbol glich, konnte er gerade noch so erklären. Die Gewalt- und Missbrauchsvorwürfe verschiedener Ex-Freundinnen beendeten die Karriere des Demokraten dann aber – Platner bestreitet die Vorwürfe.
Vorbei ist auch die politische Karriere des Republikaners Chuck Edwards. Die Ethikkommission des Repräsentantenhauses untersuchte zwei Fälle von Mitarbeiterinnen-Belästigung. Als die Resultate publik wurden, wandten sich 413 von 415 Abgeordneten von ihm ab – ausser zweien auch alle Parteikollegen. Edwards bestreitet die Vorwürfe ebenfalls.
Komplett alle dubiosen Kandidaten wurden nicht ausgesiebt. Eine Partei zeigt sich bei der Charakterprüfung deutlich kulanter.
Mike Collins, Republikaner (bisher), House-Kandidat in Georgia
Sogar unter seinen Parteikollegen gilt er als stockkonservativ. Abtreibung wollte er lange Zeit grundsätzlich verbieten – auch nach Vergewaltigungen. Das eigentliche Problem von Mike Collins sind aber die jungen Männer, die er um sich schart.
Sein ehemaliger Stabschef Kip Talley war Mitglied einer rechtsextremen Whatsapp-Gruppe und half einem Holocaustleugner, seine Haftstrafe zu verringern. Praktikant Preston Perra bezeichnete sich offen als Rassisten und als Anhänger der White-Power-Bewegung – und malte verschiedentlich Hakenkreuze. Ex-Kampagnenchef Brandon Phillips, der früher auch für Donald Trump arbeitete, ist ein verurteilter Gewalttäter. Ausserdem bezahlte er seiner Geliebten 10'000 Dollar Gehalt aus Collins offiziellem Kongressbudget, ohne dass diese dafür arbeitete. Und Collins' Schwiegersohn, der auf seinem Grundstück lebt, postet online holocaustverharmlosende und rassistische Propaganda.
Der Abgeordnete Collins findet das alles nicht so schlimm, reagierte aber jeweils mit Entlassungen. Dem konservativen Radiomoderator Erick Erickson hingegen reicht’s. Er postuliert, Kandidaten mit entsprechender Schlagseite nicht mehr zu unterstützen. Obwohl die Linke selbstverständlich keine Alternative sei: «Beisst nicht in Scheisse-Sandwich», warnt er. Die Hürden für wählbare Kandidaten seien in den letzten Jahren immer weiter gesunken. Irgendwo müsse eine Grenze gezogen werden.
Ken Paxton, Republikaner (neu), Senatskandidat in Texas
Wie viele andere kandidiert auch Ken Paxton mit dem Slogan «Glaube, Familie, Freiheit». Doch Erick Erickson hält auch ihn für unwählbar.
Der Trump-Protegé lässt keinen Skandal aus, stahl den teuren Kugelschreiber eines Kollegen und behinderte die Justiz bei Ermittlungen gegen einen seiner Gönner. Deswegen wurde er von acht seiner engsten Mitarbeiter beim FBI gemeldet. Die Whistleblower wurden entlassen oder zum Rücktritt gezwungen – erkämpften sich aber später per Gericht Entschädigungen in Millionenhöhe.
2015 wurde er wegen Wertpapierbetrugs angeklagt. Der Prozess endete für den ehemaligen Staatsanwalt 2024 mit einem Vergleich über 300'000 Dollar, 200 Stunden Community-Arbeit und 15 Stunden Nachhilfe in Gesetzesethik. Seine betrogene Ex-Frau, ebenfalls republikanische Politikerin, rät, ihn trotzdem zu wählen – auch wenn es schwer falle.
Brandon «The AK Guy» Herrera, Republikaner (neu), House-Kandidat in Texas
Auch Brandon Herrera hat keine Berührungsängste mit Nazi-Inhalten. Er gehört einer Konföderierten-Organisation mit Verbindungen in die rechtsextreme Szene an. Seine Kunst besteht darin, sich unter dem Deckmantel seiner YouTube-Persönlichkeit mit vulgärem Humor auch bei der äussersten Rechten anzubiedern, ohne sich juristisch etwas zuschulden kommen zu lassen.
Als Politiker achtet er jedoch auf seine Ausdrucksweise und gibt sich gemässigt. Dass er eine Ausgabe von Hitlers «Mein Kampf» aus dem Jahr 1939 besitzt, sei kein Indiz für seine Gesinnung, seine sexualisierten misogynen Sprüche seien Teil des Showbusiness.
Testet er Nazi-Waffen für seinen YouTube-Kanal, nennt er es Geschichtsstunde und benutzt als Hintergrundsmusik deutsche Wehrmachtslieder. Ein bekanntes SS-Gewehr nannte er salopp «den originalen Ghetto-Blaster». Neben Waffentests hat sich Herrera auf seinem YouTube-Kanal darauf spezialisiert, berühmte Attentate nachzustellen. Seinen Film über den Mord an Martin Luther King Jr. nannte er einen Versuch, ein düsteres Thema mit schwarzem Humor aufzuarbeiten.
Mark Lamb, Republikaner (neu), House-Kandidat in Arizona
Am rechten Rand schwimmt auch Mark Lamb. Der ehemalige Vorzeige-Sheriff mit YouTube-Kanal (570'000 Abonnenten) und eigener TV-Show ist im fünften Distrikt von Arizona eine bekannte Persönlichkeit und gern gesehener Gast in den Podcasts bekannter Verschwörungstheoretiker und Rechtsextremer. Auch er setzt auf Gott, Familie und Freiheit. Auf dem Papier ist Mark Lamb Mormone – also Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.
Im realen Leben kümmern ihn die Bibelverse weniger. Er hatte verschiedene aussereheliche Affären und betrieb Sexting mit diversen Frauen. Laut einer Recherche eines Lokalblattes bedrohte er die Frauen, die damit an die Öffentlichkeit gehen wollten. Lamb bestreitet die Vorwürfe.
Nicht nur Lambs religiöse Werte werden hinterfragt – auch sein Bezug zu Arizona. 2025 kaufte er für zwei Millionen eine Ranch in Tennessee, um damit «das Familieneinkommen aufzubessern». Fast tägliche YouTube-Posts zeigen ihn auf dem Anwesen. Der 5. Distrikt in Arizona liegt so weit weg von seiner Farm in Michie, Tennessee, wie Oslo von Tirana. Zu befürchten hat Lamb indes nichts. Er kandidiert in einer konservativen Hochburg. Lambs Wahl ist so gut wie sicher.
David Flippo, Republikaner (neu), House-Kandidat in Nevada
Komplett andere Probleme hat David Flippo. Obwohl es das Gesetz verlangt, legt er seine Finanzen nicht offen. Angebliche Donatorenfirmen existieren nicht, ein grosszügiger Hauptspender bestreitet, Flippo je unterstützt zu haben, mindestens eine Spenderin ist seit zwei Jahren tot.
Flippos Angaben sind so dubios, dass der ehemalige Vorsitzende der Republikanischen Partei in Nevada, Bob Seale, im Oktober eine Beschwerde einreichte. Gleichzeitig gab er bekannt, «wahrscheinlich» für die demokratische Gegnerin zu stimmen. Seale verglich Flippo mit dem chronischen Lügner, Betrüger und ehemaligen Abgeordneten George Santos, der aus dem Repräsentantenhaus ausgeschlossen und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde, bevor ihn Trump begnadigte.
Flippo wurde vor zwei Jahren wegen vorsätzlicher Falschdarstellungen und/oder Auslassungen wesentlicher Tatsachen als Finanzberater einer Firma entlassen, die Militärangehörige und Veteranen berät. Diese wichtige Wählergruppe stellt sich nun gegen ihn. Auch, weil er in seinen Werbespots suggeriert, er habe von der Armee einen Bronze Star erhalten – eine Auszeichnung, die man nur für Mut während Kampfhandlungen erhält. An solchen war Flippo nie beteiligt. Den Bronze Star besitzt er zwar, die wesentlich seltenere Tapferkeitsauszeichnung erhielt der ehemalige Bürokommandant aber nie.
Flippo entschuldigte sich und nannte die erfundene Auszeichnung einen Fehler eines Kampagnenmitarbeiters. Diverse Fotos zeigen ihn allerdings mit einer Baseballmütze, auf der er einen Pin trägt, der Soldaten mit Tapferkeitsverdienst vorbehalten ist.
Auch der aktuelle Kongressabgeordnete des zweiten Distrikts, Mark Amodei, verweigert Flippo seine Stimme, obwohl er seit seinem 18. Lebensjahr immer republikanisch gewählt habe. Der eigentlich tiefrote Wahlkreis könnte an die Demokraten fallen.
Mary Peltola, Demokraten (neu), Senatskandidatin in Alaska
Die demokratische Hoffnungsträgerin aus Alaska ist im Umgang nicht die Einfachste, kolportiert die New York Times. Dem ehemaligen Mitglied des Repräsentantenhauses werden eine schlechte Impulskontrolle und häufige Wutanfälle vorgeworfen. Einem männlichen Mitarbeiter gegenüber soll sie handgreiflich geworden sein und ihn gestossen haben. In einer Textnachricht an ihre Mitarbeiter schrieb sie über ein hochrangiges Mitglied von Planned Parenthood, sie wünsche ihr, sie möge «an einer verpfuschten Abtreibung sterben».
Ihre eigenen Mitarbeiter bezeichnete sie als «Schwuchteln» (faggots) und «behindert» (retarded). Ihr hochfrequenter Durchlauf von Angestellten in Washington ist legendär.
Auf das Verhalten angesprochen, dementierte ihr Kampagnenleiter die Vorwürfe nicht komplett. Peltola habe den Mann nicht gestossen, sondern sei in ihn hineingerannt. Das sei am Geburtstag ihres verstorbenen Mannes gewesen. 2023 verlor Peltola ihre Mutter und im gleichen Jahr ihren Mann bei einem Flugzeugabsturz. Die verbalen Ausfälligkeiten seien ihrer hohen Belastung als alleinerziehende Mutter und Vollblutpolitikerin anzurechnen. Peltola werden gewisse Chancen zugerechnet, den Senatssitz in Alaska zu erobern.
Ihr jüngster Skandal wird ihr dabei allerdings nicht helfen. Wie eine neue Untersuchung zeigt, suchte ihr Wahlkampfteam gezielt nach einem Kandidaten mit demselben Namen wie der republikanische Gegner Dan Sullivan – damit verunsicherte republikanische Wähler aus Versehen den falschen Politiker wählen. Die Anordnung sei nicht direkt von ihr gekommen, Peltola sei sich der Taktik aber bewusst gewesen, berichtet ein ehemaliger gefeuerter Mitarbeiter der New York Times.
Max Miller, Republikaner (bisher), House-Kandidat in Ohio
Verurteilt ist Max Miller nicht, es gilt die Unschuldsvermutung. Seine Ex-Frau Emily Moreno beschuldigt ihn der häuslichen Gewalt. Miller habe heisses Wasser über sie geschüttet und ihr eine Pistole an den Kopf gehalten. Im Zentrum der Anklage stehen auch Verletzungen der gemeinsamen Tochter. Die 2-Jährige wurde mit einem gebrochenen Schlüsselbein und Blessuren ins Spital eingeliefert. Er bestreitet sämtliche Vorwürfe.
Seither tobt ein Sorgerechtsstreit. Miller wurde von diversen Parteikollegen aufgefordert, sich aus Washington zurückzuziehen. Unter Millers Kritikern befindet sich auch der Vater seiner Ex-Frau, Senator Bernie Moreno aus Ohio.
Als Teil der Beweismittelsicherung luden Miller und seine Anwälte verschiedene Fotos auf einen öffentlich zugänglichen Dropbox-Ordner. Miller machte den Link öffentlich, worauf über 400'000 Leute darauf zugriffen. Unter den Fotos befanden sich auch unzensierte Nacktaufnahmen seiner Tochter. Deswegen verklagte Moreno Miller erneut. Sie fordert pro Download und Zugriff 150'000 Dollar Schadensersatz.
