Demütigung für Putin: Was der ukrainische Sieg bei Lyman bedeutet
Moskau verstärkt seine Luftangriffe auf ukrainische Städte, doch an der Front läuft es für die Invasoren weniger gut. Still und leise, das heisst ohne Pressemitteilungen oder Medienberichte, haben die Ukrainer die Angreifer in den letzten Monaten an einem wichtigen Frontabschnitt zurückgeschlagen.
Zuvor hatten die Russen mit einem Zangenangriff versucht, das Städtchen Lyman zu umzingeln. Lyman ist das Tor zu einem Gebiet, das Putins Streitkräften den Weg zu den letzten von den Ukrainern im Donbass gehaltenen «Festungsstädten», vor allem Slowiansk und Kramatorsk, hätte öffnen können.
Siegesgewisser Putin
Noch Anfang September hatte der Diktator im Kreml behauptet, die Stadt Swiatohirsk mit ihrem berühmten Kloster – früher ein Touristenmagnet – eingenommen zu haben. Die Siedlung befindet sich knapp 20 Kilometer nordwestlich von Lyman. Ein paar Tage später posierte General Bilezkij, Kommandant des dritten Armeekorps, vor dem Kloster und verhöhnte Putin: «Nehmt eure Pappnasen ab, ihr Clowns», rief er in die Kamera. Swiatohirsk gehöre zum rückwärtigen Gebiet der ukrainischen Streitkräfte und befinde sich unter vollständiger Kontrolle der Armee.
Tatsächlich hat «Schweiz heute» schon im Juni in einer ukrainischen Kommandozentrale Bombenangriffe von Drohnen verfolgen können, die quasi den Auftakt der Gegenoffensive markierten. Berichten durften wir damals noch nicht über die offensichtlichen Absichten der Ukrainer. Kiew wollte die langsamen, aber systematischen Vorarbeiten der Offensive nicht publik machen. Dennoch dauerte es nicht lange, bis russische Beobachter – sogenannte Militärblogger – vor einem Desaster warnten.
Beim Zangenangriff auf Lyman war es den Russen seit Anfang 2025 gelungen, den Fluss Scherebez zu überqueren und nördlich von Lyman einen rund 20 Kilometer langen Keil ins zuvor ukrainisch beherrschte Gebiet zu treiben. Dafür wurden rund 21 Monate aufgewendet. Wie üblich versuchten die Russen, Lyman auf drei Seiten einzuschliessen, um die Ukrainer zum Rückzug zu zwingen. Allerdings behinderte der Scherebez-Fluss von Anfang an den Nachschub der Truppen, die den Keil Richtung Westen vergrössern sollten. Viele Bunker der Russen konnten nur mit Drohnen aus der Luft versorgt werden.
Langsames Zermürben und Isolieren
Systematisch zerstörten in der Folge Drohnen des dritten Armeekorps nicht nur die russischen Unterstände, sondern sie griffen auch die Nachschubwege im Hinterland an und isolierten die Russen innerhalb des Keils zunehmend. Zugleich machten ukrainische Aufklärer Richtfunkantennen und Sensoren der russischen Drohnenpiloten ausfindig. Wenn der Standort einer wie auch immer getarnten Antenne einmal bekannt ist, kann die Stellung der Piloten nicht weit entfernt sein, denn Antennen und Steuergeräte sind über Kabel verbunden.
In rund zwei Monate dauernder Kleinarbeit zermürbten die Verteidiger die Russen im Keil, sodass am Ende Angriffe kleiner Gruppen von Infanteristen – manchmal transportiert von gepanzerten Fahrzeugen – möglich wurden. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die elektronische Kampfführung.
Eine zuverlässige Quelle im dritten Armeekorps bestätigte gegenüber «Schweiz heute», dass der russische Keil nördlich von Lyman nun grösstenteils Geschichte ist. Die Ukrainer hätten eine grosse Zahl russischer Soldaten gefangen genommen, unter ihnen auch etliche Drohnenpiloten. Die Russen seien bis zum Scherebez-Fluss und zum Teil darüber hinaus zurückgetrieben worden.
Von ukrainischer Seite fehlt zwar immer noch eine offizielle Stellungnahme, doch selbst der bekannte russische Militärblogger «Ribar» (Fischer), der auf Telegram rund 1,5 Millionen Abonnenten hat, gibt zu, dass kleine Gruppen ukrainischer Kämpfer bis mindestens zum Scherebez-Fluss vorgedrungen seien. Damit hat das dritte ukrainische Armeekorps den 21-monatigen Vorstoss der russischen Truppen innerhalb von wenigen Wochen rückgängig gemacht.
Initiative zunehmend bei den Ukrainern
Die Gefahr für die weiter südwestlich gelegenen Festungsstädte Kramatorsk und Slowiansk ist damit zwar noch nicht gebannt, aber auf absehbare Zeit wird es den Russen kaum möglich sein, die beiden Städte von der nördlichen Seite her zu isolieren.
Putin will seit Langem unbedingt die letzten Gebiete im Donbass, also auch Kramatorsk und Slowiansk erobern. Seine einzige Hoffnung ruht jetzt noch auf einem (riskanten) Frontalangriff auf die beiden stark befestigten Städte von Osten her oder auf einer grossangelegten Umgehungsaktion aus der Gegend im Südwesten. Doch auch dort steckt die russische Armee seit Längerem mehr oder weniger fest. Das hängt auch damit zusammen, dass das Gebiet mit der wichtigen Stadt Dobropillia vom kampfstarken und gut geführten ersten Korps der ukrainischen Nationalgarde gehalten wird.
Bereits zum dritten Mal in diesem Jahr muss Moskau nach den Niederlagen bei Kupiansk und an der Grenze zwischen den Oblasten Donezk und Dnipropetrowsk eine empfindliche Schlappe einstecken. An einigen Frontabschnitten hat Russland nun die Initiative verloren. Das versucht der Kreml zu kompensieren, indem er mit Raketen und Drohnen verstärkt das ukrainische Hinterland angreift. (schweizheute.ch)
