Von Russland besetzt: In Oleschky droht Hungersnot
Die von Russland besetzte Stadt Oleschky im Süden der Ukraine ist seit dem 26. Mai von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten. Die zuständige Leiterin der ukrainischen Militärverwaltung, Tetjana Hasanenko, spricht von einer kritischen Lage. «Das kann man nicht einfach als Hungern bezeichnen, es ist eine Hungersnot», warnt sie laut der Deutschen Welle (DW).
Die Stadt Oleschky liegt in der Region Cherson am linken Ufer des Dnipro. Sie ist seit Beginn der russischen Invasion von Russland besetzt. Die einzige direkte Verbindung zur nur vier Kilometer entfernten Gebietshauptstadt Cherson, die Antoniwka-Brücke über den Dnipro, wurde bereits im November 2022 von russischen Truppen gesprengt.
Laut Hasanenko leben noch etwa 6000 Menschen, darunter 18 Kinder, in der Gemeinde, zu der 13 Ortschaften gehören. Es gibt schon lange weder Strom noch Gas und Wasser müssen die Menschen aus Brunnen holen. Auf den kommenden Winter vorbereiten können sich die Menschen vor Ort nicht. «Unser Brennholz ist schon jetzt aufgebraucht», erzählt eine Bewohnerin von Oleschky der DW.
Bereits seit Frühjahr verhandelt die Ukraine mit Russland über die Evakuierung der Bewohner – bisher ohne Erfolg. Der ukrainische Aussenminister Andrij Sybiha wirft den russischen Truppen vor, humanitäre Hilfe zu blockieren und nicht auf Evakuierungsanfragen zu reagieren.
Spital-Generator hat kaum noch Benzin
Der Kreml räumte in der vergangenen Woche kritische Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten in Oleschky ein. Das russische Militär arbeite an einer Lösung, teilt die Regierung in Moskau mit.
Zusätzlich zur Besatzung wurden grosse Teile der Stadt im Juni 2023 auch noch überflutet, als der Staudamm Kachowka zerstört wurde. Als sich die Lage im Dezember 2025 zuspitzte, weil es die Lebensmittelvorräte zur Neige gingen, gruben die Menschen ihre von der Flut verschlammten Keller aus und holten Konserven hervor, berichtet Hasanenko der DW. «Aber inzwischen ist alles aufgebraucht.»
Das örtliche Spital, das mit einem Generator betrieben wird, hat demnach kaum noch Benzin. Rund 60 Patienten werden noch behandelt, darunter mehrere Schwerverletzte. Sie bräuchten eine Versorgung, die in Oleschky nicht mehr möglich ist.
Mykola Kuleba, ein ukrainischer Menschenrechtsaktivist, erklärte laut «Kyiv Post»: «In Oleschky und Umgebung liegen die Leichen toter Soldaten und Zivilisten überall verstreut. Man kann sie nicht bergen oder die Zivilbevölkerung, darunter auch Kinder, evakuieren, weil man jede Minute Gefahr läuft, von einer russischen Drohne getötet zu werden.» Er sprach von «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» und forderte Entscheidungsträger in Kanada, Europa, den USA und internationalen Institutionen zum Eingreifen auf.
Serhij Kosyr, Mitglied des ukrainischen Parlaments und ehemaliger Leiter der regionalen Staatsverwaltung von Cherson, berichtete dem «Kyiv Post» in einem Interview zusätzlich von einer Art Menschensafari in der Region. «Diese Safari ist keine Jagd mit Gewehren. Drohnen verfolgen Menschen mit einer Geschwindigkeit von über 150 Kilometern pro Stunde.»
UN dokumentiert zivile Opfer durch Kurzstreckendrohnen
Auch ein am Freitag veröffentlichter UN-Bericht dokumentiert «häufige Angriffe durch Kurzstreckendrohnen» auf Zivilisten. Drohnen dieser Art sind üblicherweise mit einer Kamera ausgestattet, die dem Bediener der Drohne eine Echtzeitansicht potenzieller Ziele ermöglicht. Dadurch kann der Bediener zwischen zivilen und militärischen Objekten unterscheiden. Laut dem UN-Bericht wurden allein in Oleschky und der nahegelegenen Ortschaft Hola Prystan im Jahr 2026 mindestens 29 Zivilisten getötet und 54 verletzt.
Das sagte auch Matthias Schmale, Koordinator für das UN-Entwicklungssystem in der Ukraine, im Gespräch mit der «Kyiv Post». Er erklärte zudem, humanitäre Organisationen sähen wahrscheinliche Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht, hätten aber keinen sicheren Zugang und keine operative Kapazität, um Zivilisten zu evakuieren oder Hilfe zu leisten.
Eine Evakuierung zu Fuss ist lebensgefährlich. Die Wege aus der Ortschaft raus sind grösstenteils vermint.
Einwohnerin: «Wir sollten eigentlich gar nicht hier sein»
«Ein lokaler, befristeter Waffenstillstand oder eine Phase der Stille würde ausreichen, um humanitäre Hilfe zu leisten und Evakuierungen aus Oleschky und anderen Dörfern durchzuführen. Dies ist machbar, wenn die Streitkräfte der Ukraine und der Russischen Föderation zustimmen.»
Hasanenko sieht die einzige Lösung in einem «grünen Korridor», über den Menschen evakuiert werden. «Die Besatzungsbehörden müssen die Menschen tiefer ins vorübergehend besetzte Gebiet bringen.»
Die Einwohnerin aus Oleschky berichtet bei der Deutschen Welle, dass sich seit dem Frühjahr nichts geändert habe. «Es ist nur noch schlimmer geworden – der Winter steht vor der Tür, und es gibt nichts zu essen. Wir sollten eigentlich gar nicht hier sein. Das ist mir klar. Aber wir sind nun einmal hier», fügt sie hinzu.
Verwendete Quellen:
- dw.com: "Ukraine-Krieg: Warnung vor Hungersnot in Oleschky"
- kyivpost.com: "Global Community Calls for Urgent Evacuation from Oleshky as Conditions Deteriorate" (englisch)
- ukraine.ohchr.org: "Desperate situation for civilians trapped in frontline areas, says UN Human Rights Ukraine" (englisch)
- mit Material der Nachrichtenagentur Reuters

